Der eine Leib Christi und die getrennten Kirchen

Die ökumenische Frage in der „Rechenschaft vom Glauben“

Von John Wesley (Gründerfigur des Methodismus) gibt es das geflügelte Wort: „Meine Gemeinde (parish) ist die Welt.“ Will die Welt, inklusive der anderen Kirchen, das überhaupt und brauche ich nicht doch eine Heimatgemeinde?

Die Überschrift dieses Abschnittes der „Rechenschaft vom Glauben“ nimmt uns sofort hinein in die ökumenische Spannung dieses Themas. „Ein Leib“ und „getrennte Kirchen“ – solche Trennung des einen Leibes kann nicht gut sein! Wir kennen es zwar nicht anders, aber wenigstens in der Theorie haben wir alle das Gebet Jesu bejaht, dass wir eins sein sollen (Joh 17, 22f). Bekanntermaßen ist das auch mit leiblichen Geschwistern nicht immer so einfach. Da bleibt vieles offen und unvollkommen. Warum sollte es unter Christen besser laufen?

Auch unsere Rechenschaft vom Glauben steigt auf der Erfahrungsebene ein. Gemeinschaft ist real sicht- und erlebbar. Die örtliche Versammlung der Glaubenden ist der Rahmen. Das wird besonders im Vollzug der Taufe und in der Teilnahme am Abendmahl erlebbar. Letzteres wird umschrieben als Brotbrechen. Das passt zum Bild des Leibes. Soll so die noch nicht mögliche Abendmahlsgemeinschaft mit einigen Kirchen umschifft werden?

Überhaupt empfinden wir die Beschreibung der örtlichen Versammlung in Abhängigkeit von den beiden traditionellen evangelischen Sakramenten problematisch. Kann Gemeinde nicht auch in gemeinsamer Anbetung, Diakonie und Evangelisation als Gemeinschaft erlebt werden, die Nachfolgegemeinschaft ausmacht?

Einheit des Leibes Christi und Eph 4,1-6

Zwei Mal kommt der Bibeltext aus Epheser 4, 3-6 als Beleg vor: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe usw. Mehr „ein“ geht nicht. Dabei müssen wir bedenken, dass gerade die „eine Taufe“ uns zwar mit fast allen anderen Christen verbindet, aber in dem besonderen Zusammenhang von Glauben und Taufe, den wir betonen, auch wieder unterscheidet. Diese Spannung ist auszuhalten, nicht nur von der Minderheit der Kirchen in täuferischer Tradition. Auch die anderen Kirchen haben ihr Problem damit.

Die Charta Oecumenica als „Selbstverpflichtung der europäischen Kirchen und ökumenischen Organisationen“ nimmt ebenfalls Epheser 4,3-6 als Ausgangsbasis für die Berufung zur Einheit. Es ist der Bezug auf das gemeinsame Fundament, die gemeinsame Hoffnung und Berufung in die Nachfolge zu dem einen Gott, der uns zusammenhält. Sie formuliert das Ziel, ein gemeinsames Verständnis der Heilsbotschaft Christi zu erarbeiten, das sichtbare Einheit inklusive der gegenseitigen Anerkennung von Taufe und volle Abendmahlsgemeinschaft ermöglicht.

Nicht die ganze Welt umarmen, aber offen bleiben

Der Leib Christi umspannt die ganze Welt. Aber wir können nicht die ganze Welt umarmen. Es bleibt eine Spannung zwischen überschaubarer Ortsgemeinde und abstrakter überfordernder Größe des gesamten Leibes Christi. Schon innerhalb derselben Kirche ist nicht immer die Einheit auf den ersten Blick zu erkennen. Trotzdem wollen wir uns aufeinander einlassen.

Schon im Neuen Testament gab es diese Probleme, die sogar in die Gemeinden hineinwirkten. In Galatien hatten die Christen mit jüdischem Hintergrund die Tischgemeinschaft mit den nichtjüdischen Christen aufgekündigt. An dieser Stelle ist Paulus extrem empfindlich, vgl. Galater 2. Da ermahnt er sogar öffentlich Petrus (oder Kephas, wie er ihn in hebräischer Version nennt), den Grundfels der Kirche.

In unserer Zeit tritt Konfession an die Stelle der Volkszugehörigkeit damals. Und auch wenn ein offenes Abendmahl heute von Seiten der Baptisten kein Problem sein mag, so war es doch in unserer Geschichte lange nicht möglich. Dass es heute anders ist, lässt hoffen, selbst dieses Problem zu überwinden.

Vielfalt als Chance

So wird die Verschiedenheit unterschiedlicher Konfessionen und Kirchen in der RvG zwar als Chance für „bereichernde Vielfalt“ gesehen, aber doch auch als Hindernis für die „sichtbare Gemeinschaft“ und damit für ein „glaubwürdiges Zeugnis“ in der Welt. Wenn die Christen nicht miteinander können, ist es schwer, die Liebe Gottes zu begreifen.

Es kommt darauf an, die anderen trotz ihrer differierenden Einsichten wertzuschätzen. Wir müssen damit umgehen, dass Kirchen und Gemeinden ihren Glauben in sehr unterschiedlicher Weise leben. Immerhin schenkt der Geist die vielen Gaben. Gott hat keinen Einheitschristen geschaffen, sondern sucht die Einheit der Christen. Und die Verschiedenheit der Kirchen bietet unterschiedlichen Menschen die Chance, sich in einer davon einzugliedern. Die Chancen, dass unterschiedliche Menschen eine Heimat für sich und ihren Glauben finden, überwiegen unseres Erachtens die Probleme der Konfessionen bei Weitem.

Auch wenn andere Christen sich mal irren, kündigen wir ihnen nicht die Gemeinschaft auf. Wir wollen uns nicht bekämpfen, sondern arbeiten und beten für die Einheit, zu der uns Gott führen soll. Die Charta Oecumenica geht sehr weit in der Erwartung an das Miteinander der Kirchen: „Wir verpflichten uns, auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens gemeinsam zu handeln, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind und nicht Gründe des Glaubens oder größere Zweckmäßigkeit dem entgegenstehen.“

Sichtbare Einheit als Herausforderung

Die sichtbare Einheit der Kirchen und Gemeinden muss unser dauerhaftes Ziel bleiben. Bei einem Besuch im Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf berichtete ein dortiger Gesprächspartner, dass die Zahl der Mitglieder im ÖRK sinke. Das Positive im Klang seiner Stimme überraschte uns, wurde aber gleich deutlich, als er sagte: „Es treten keine Kirchen aus, aber immer wieder passiert es, dass Kirchen sich zusammenschließen [So ist unser schwedischer baptistischer Schwesterbund seit einigen Jahren Teil der Equmeniakyrkan, international unter dem Namen Uniting Church of Sweden bekannt]. Das freut uns natürlich.“ Allerdings musste er auch zugeben, dass viele dieser Zusammenschlüsse durch äußere Faktoren in Gang gekommen waren, Druck und Verfolgung, Schrumpfung, fehlende Leitungspersönlichkeiten u.a.m.

Trotzdem ist es ein guter Weg, wenn Christen entdecken, dass sie auch miteinander eine Kirche sein können. Das ist eine bleibende Herausforderung für jeden Christen in der Gemeinschaft aller Glaubenden.

Wir haben als BEFG beschlossen, die Mitgliedschaft im ÖRK zu beantragen, um auch äußerlich die Bewegung aufeinander zu sichtbar zu machen. Gemeinsam auf dem Weg sein, öffnet mehr Kontaktflächen zum Austausch und Gebet füreinander. So kann Christus verherrlicht werden und zwar sichtbar in dieser Welt.

Einladung zum Weiterdenken:

 - Weiß ich nicht nur, welche anderen Kirchen und Konfessionen im Umfeld meiner Gemeinde vorkommen, sondern auch, was sie prägt und aktuell beschäftigt?

- Der Text behauptet, dass wir für Erneuerung, mehr gegenseitige Anerkennung und Einheit beten. Wollen und tun wir das in unseren Gemeinden, in unserem Gebet?

- Welche Schritte „aufeinander hin“ passieren schon, können wir uns vorstellen und nehmen wir uns vor?

Erschienen in: Die Gemeinde 18/2022

Ein Artikel von Manfred Ewaldt und Ulf Beiderbeck