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Leben unter der Herrschaft Gottes

Das Leitthema der Rechenschaft vom Glauben

Ein besonderer Sonntag vor einigen Jahren hinterließ bei mir den Eindruck, dass wir einen Hauch von Reich Gottes erlebt haben. Und die Rechenschaft vom Glauben hilft mir, das Erlebte besser zu verstehen. Denn die Herrschaft Gottes ist ihr Kernanliegen.

Frank, wie ich ihn hier nenne, kam mit einer ungewöhnlichen Bitte auf mich zu: Er wolle sich noch einmal taufen lassen, um die Sache mit Gott noch mal ganz neu festzumachen. Ich verstand sein Bedürfnis und war gleichzeitig der Überzeugung, dass eine Neuauflage seiner Taufe nicht das Richtige wäre. Aber im Gespräch kam eine Idee auf: Was, wenn wir in den kommenden Taufgottesdienst eine kleine Tauferinnerung einbauen? Nur wenige Wochen später lud ich nach der Taufe Frank und all diejenigen ein, die sich in Form einer Segnung an ihre Taufe erinnern lassen wollten. Ich hoffte, dass Frank nicht allein dastehen würde und dass ihn wenigstens eine Handvoll Mutiger begleiten würde. Es kam anders: Die Leute strömten nach der Einladung so zahlreich vor das Taufbecken, dass ich die Tauferinnerung in drei Schichten aufteilen musste. Ich bin vorsichtig mit Aussagen darüber, was Gott tut; aber dieser Gottesdienst ließ uns mit dem Eindruck zurück, dass sich so Herrschaft Gottes anfühlen muss: Menschen erleben Freude, Frieden und Freiheit (Röm 14,17), hier in der Entscheidung, sich wieder neu und bewusst in ihre Taufe „zu stellen“.

Eine zentrale Aufgabe der Rechenschaft vom Glauben ist es, „der theologischen Besinnung“ zu „dienen“ (Präambel). Und das tut sie, wenn ich mit ihrer Hilfe dem Reich-Gottes-Moment des besagten Sonntags auf den Grund gehe. In dem Abschnitt zur Taufe heißt es: „Die Taufe geschieht auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes: Der Täufling wird so der Herrschaft Gottes unterstellt“ (Teil 2.I.3). Das hilft mir zu verstehen, was das Besondere an diesem Tag war. Letztlich stand die Frage nach der Herrschaft Gottes im Raum; und sowohl der Ruf als auch die Antwort der Beteiligten war bewegend.

Diese Frage nach der Herrschaft Gottes haben die Autoren der Rechenschaft vom Glauben offenbar als so zentral und bedeutsam erachtet, dass sie die gesamte Schrift unter das „zentrale Geschehen der Herrschaft Gottes“ (Präambel) gestellt haben. Damit ist das Thema gewählt, mit dem Jesus Christus selbst sein öffentliches Wirken begonnen hat: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15) Nicht etwa mit dem Thema Gemeinde setzt die Verkündigung Jesu an (seine Aussagen dazu folgen später, siehe Mt 16,18), sondern mit der Herrschaft Gottes, die in ihm anbricht wie in keinem zweiten. In Jesus Christus begegnet die Herrschaft Gottes in Person: Wo er wirkt, werden Sünden vergeben, Kranke geheilt und Gefangene in die Freiheit geführt (vgl. Lk 4,16-21; 7,22; 17,21; Mt 12,28). Anders gesagt: Jesus Christus ist die Herrschaft Gottes „auf zwei Beinen“. Und sein Tod am Kreuz, die Auferstehung und die Himmelfahrt machen aus dem Verkündiger und einzigartigen Vertreter des Reiches Gottes endgültig den verkündigten Herrscher: So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apg 2,36).

Mit dieser „Aufrichtung der Gottesherrschaft“ (Teil 1) beginnt die Rechenschaft vom Glauben, um in den dann folgenden Teilen 2 und 3 das „Leben unter der Gottesherrschaft“ sowie die „Vollendung der Gottesherrschaft“ zu betrachten. Damit erschließt sie die besondere Weise, in der sich Herrschaft Gottes gestern, heute und zukünftig ereignet:

Die gegenwärtige Herrschaft Gottes – „schon jetzt“: „Gott hat sich in seinem Sohn Jesus Christus offenbart und in ihm seine Herrschaft zum Heil der Menschen aufgerichtet“ (Teil 1.1). Gott herrscht hier und jetzt. Und manchmal nehme ich diese Herrschaft deutlich wahr; die Tauferinnerung war ein solcher Moment. Gleichzeitig ist mir klar, dass ich als Mensch solche Momente nicht „machen“ kann – dann wäre es mein Herrschen und nicht Gottes Herrschen. Aber ich will offen sein für diese sichtbaren Momente der Herrschaft Gottes, schon jetzt: in einem Gottesdienst, durch eine Predigt, in Form einer Heilung, eben überall dort, wo sich göttliche Gerechtigkeit, Friede und Freude (Röm 14,17) Bahn brechen in uns, in Kirche und Welt.

Die Herrschaft Gottes als Anspruch auf das ganze Leben: „Gott, der sich in seinem Sohn Jesus Christus offenbart und seine Herrschaft zum Heil der Menschen aufgerichtet hat, beruft die Menschen zu einem Leben unter dieser Herrschaft“ (Teil 2.I.1). Diese Herrschaft in Person, Jesus Christus, ruft in ihre Nachfolge, in Gemeinde und Gesellschaft: „In den Versammlungen der christlichen Gemeinde richtet Jesus Christus seine Herrschaft auf, indem er seinen Jüngern sein Wort gibt, seine Vergebung zuspricht, seine Liebe zuwendet und ihnen den Heiligen Geist schenkt.“ (Teil 2.I.2) In der Welt „erstrebt“ die christliche Gemeinde zwar „keine Herrschaft in der Gesellschaft oder über die Gesellschaft“, und doch bringen die Christenmenschen in der Gesellschaft „Gott und seine Gerechtigkeit zur Sprache, und an ihrem brüderlichen Leben kann Gottes gute Herrschaft erkannt werden“ (Teil 2.II.1).

Die zukünftige Herrschaft Gottes – „noch nicht“: „Derselbe Herr, der schon heute über Gemeinde und Welt herrscht, wird seine verborgene Herrschaft vor allen Menschen sichtbar machen.“ (Teil 3.1) Es steht noch etwas aus und vieles von Gottes guter Herrschaft bleibt verborgen vor den Augen derer innerhalb und außerhalb der Gemeinde Jesu. Auch das gehört zum Erleben der Herrschaft Gottes hier und jetzt. Eine erflehte Krankenheilung bleibt aus, und ich kann nicht verstehen, warum. Eine Not greift um sich und ich sehe kein Eingreifen Gottes. So häufig ist so wenig von Gottes guter Herrschaft zu sehen. Denn da steht noch etwas aus, ein „noch nicht“ der guten Herrschaft Gottes. Doch diese Verborgenheit wird ein Ende haben. Bis dahin leben wir in einer Reich-Gottes-Spannung, die die Rechenschaft seit 2019 so auf den Punkt bringt: „Die Israel verheißene endzeitliche Gottesherrschaft ist in Jesus Christus bereits angebrochen, aber noch nicht vollendet. Die Gemeinde Jesu Christi erwartet gemeinsam mit dem Volk Israel ihre volle Verwirklichung“ (Teil 1.5).

Einladung zum Weiterdenken

  • Wo habe ich Herrschaft Gottes bereits spürbar erlebt? Wo wünsche ich mir Gottes wahrnehmbares Herrschen?
  • In welchem Lebensbereich war mir Gottes Herrschaftsanspruch bisher nicht bewusst?
  • Wo hilft mir das „noch nicht“ der Herrschaft Gottes, ein Schweigen Gottes besser einordnen zu können?

Ein Artikel von Dr. Maximilian Zimmermann, Studienleiter und Dozent für Dogmatik, Ethik und Gemeindepraxis im Forum Wiedenest

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