
Stellungnahme zur Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Lage im Nahen Osten
Zur Veröffentlichung des ÖRK-Zentralausschusses vom 24. Juni 2025
Als Vollmitglied hat der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) Stimmrecht in der ÖRK-Vollversammlung, nicht jedoch im Zentralausschuss, der vergangene Woche in Johannesburg getagt und die „Erklärung zu Palästina und Israel“ verabschiedet hat. Unser Vertreter Prof. Dr. Carsten Claußen hat vor Ort in Gesprächen aber die Position des BEFG eingebracht (hier sein Bericht der Tagung). Durch unsere ÖRK-Mitgliedschaft können wir uns somit an Debatten der Weltökumene beteiligen, auch an kontroversen.
Während uns das Anliegen des ÖRK wichtig ist, das Leid in Gaza klar zu benennen und auf ein Ende des Kriegs hinzuwirken, halten wir drei grundlegende Punkte der ÖRK-Erklärung für problematisch. Erstens erwähnt die Erklärung in keiner Weise die Taten der Hamas, die das erklärte Ziel hat, Israel auszulöschen – insbesondere die Massaker gegen Jüdinnen und Juden am 7. Oktober 2023. Dass die ÖRK-Erklärung darauf nicht eingeht, macht sie einseitig. Es entsteht der Eindruck, Israel sei alleine verantwortlich für die aktuelle Lage. Dies ist eindeutig zurückzuweisen. Zweitens ist der Begriff der Apartheid aus unserer Sicht unpassend, weil die historische Situation in Südafrika und die aktuelle Situation in Israel zu unterschiedlich sind. Drittens transportiert die Erklärung mit der Forderung nach „Sanktionen“ und „Desinvestitionen“ Narrative des antiisraelischen Antisemitismus. Das weisen wir klar zurück. Zusammengefasst geht die ÖRK-Erklärung aus unserer Sicht nicht ausreichend auf die komplexe Situation in Nahost ein, weist einseitig Schuld zu und verwendet vorbelastete Formulierungen.
Wichtig ist uns: Das Leid in Gaza und den zunehmenden Antisemitismus zu beklagen, darf kein Entweder-oder sein. Wir sind erschüttert vom Leid der Palästinenserinnen und Palästinenser, von Hunger, Vertreibung und der hohen Zahl an Toten. Unverrückbar ist für uns der Grundsatz, dass wir – unabhängig von der politischen Beurteilung – an der Seite der Opfer stehen. Den zunehmenden Antisemitismus sehen wir mit großer Sorge und jede Forderung, Israel oder jüdisches Leben auszulöschen, verurteilen wir aufs Schärfste.
Aussagen, die in der aktuellen Debatte den Eindruck erwecken könnten, das Handeln der israelischen Regierung sei der eigentliche Grund für antisemitische Übergriffe, halten wir ebenfalls für problematisch. Kritik an den politisch Verantwortlichen in Israel ist legitim, aber sie darf auf keinen Fall damit einhergehen, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland oder andernorts in ihrer Sicherheit bedroht sind.
9. Juli 2025, Dr. Michael Gruber, Pressesprecher des BEFG
Zum Weiterlesen: BEFG-Präsidium zur Lage im Nahen Osten (Bericht aus der Sitzung am 20. und 21. Juni)
Korrekturhinweis: Wegen einer inhaltlichen Unschärfe wurde der folgende Satz am 11. Juli 2025 aus der Stellungnahme gestrichen: „Wir bedauern, dass der ÖRK-Zentralausschuss den Beschluss der ÖRK-Vollversammlung von 2022 nicht beachtet hat, wonach der Begriff Apartheid ‚die komplexe Realität in Israel und den palästinensischen Gebieten nicht in geeigneter Weise beschreibt' (siehe Stellungnahme der EKD vom 4. Juli 2025).“ Korrekt ist, dass es in der Vollversammlung keinen Konsens darüber gab, ob der Begriff Apartheid angemessen sei. Die entsprechende Erklärung ist hier nachzulesen.