Darrell Jackson

Tagung „Theologische Ausbildung der Zukunft“

Freikirchliche Hochschulen streben stärkere Zusammenarbeit an

Erstmals trafen sich vom 12. bis 14. Dezember in Elstal bei Berlin Vertreterinnen und Vertreter fast aller evangelischen theologischen Hochschulen in freikirchlicher oder freier Trägerschaft, um über die „Theologische Ausbildung der Zukunft“ zu beraten. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie die Hochschulen enger zusammenarbeiten können, um weiterhin wissenschaftlich fundiert Hauptamtliche für den pastoralen Dienst auszubilden – und hier den Bedarf der Ortsgemeinden der Freikirchenbünde zu decken.

Eingeladen hatte die Theologische Hochschule Elstal (TH Elstal) des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Unter den mehr als 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren neben Hochschulleitenden und Studierenden auch Leitungsmitglieder der Freikirchen. BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba berichtete, Grund für die Einladung zur Tagung sei neben der „Krise, der theologischen Ausbildung in vielen Kirchen“ auch der Strukturprozess seiner Freikirche. So habe der Bundesrat, das Kirchenparlament des BEFG, im Mai 2025 das Präsidium und die TH Elstal beauftragt, „bis zum Jahr 2035 eine neue theologische Ausbildungsstätte zu entwickeln, die gemeinsam von mehreren Freikirchen in Deutschland getragen wird“. Um ergebnisoffen gemeinsam über Möglichkeiten der Zusammenarbeit ins Gespräch zu kommen, habe man diese Tagung initiiert. „Ich bin überzeugt davon, dass wir nur miteinander in die Zukunft gehen können“, so Stiba. „Wir brauchen auch in Zukunft eine wissenschaftliche theologische Ausbildung mit einem deutlichen Gemeindebezug. Das ist die Stärke unserer Ausbildungsstätten: wissenschaftliche Theologie in gewollter Ausrichtung auf einen starken Bezug zur Gemeindepraxis.“

Prof. Dr. Volker Gäckle, Rektor der Internationalen Hochschule Liebenzell, ging in seinem Einstiegsvortrag über den „Klimawandel in der theologischen Ausbildungslandschaft“ zunächst auf die von Stiba erwähnte Krise ein. Demnach gebe es nicht ausreichend Menschen, die Theologie studieren und später in den Gemeindedienst gehen. Zu wenige blieben dann bis zur Rente im pastoralen Dienst. „Wir werden das Problem, mit dem wir es zu tun haben, nicht als Ausbildungsstätten allein lösen können, sondern nur in Zusammenarbeit mit anderen Ausbildungsstätten, Kirchen, Verbänden und Gemeinden und mit einer großen Veränderungsbereitschaft“, denn, so Gäckle: „Die Krise des Theologiestudiums ist in erster Linie die Folge der Krise des pastoralen Amtes. Beides muss zusammen betrachtet werden.“ Um diesen Problemen zu begegnen, sei ein langer Atem nötig. Es gelte, den Online-Bereich zu stärken, Studienformate flexibler zu gestalten und die Arbeit der Hochschulen noch professioneller aufzustellen. Dr. Martin Knispel, der die Tagung mit konzipiert hatte, hielt fest, dass die herausfordernde Lage den Teilnehmerinnen und Teilnehmern seiner Beobachtung nach bewusst sei: „Wir waren uns alle einig, dass die sich verändernde Situation in Deutschland im Blick auf Demografie, kleiner werdende Verbände und Kirchen und schwindende Finanzen deutlichen Handlungsbedarf anzeigen, der nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Wir können uns ein weiteres ‚Nebeneinander‘ nicht mehr leisten.“

Prof. Dr. Volker Gäckle

Dr. Martin Knispel und Prof. Dr. Carsten Claußen

Christoph Stiba

Darrell Jackson, Principal des Whitley College im australischen Melbourne, zeigte auf, wie theologische Ausbildung in ökumenischer Zusammenarbeit gelingen kann. Das 1890 gegründete baptistische Whitley College gehört zusammen mit vielen anderen kirchlichen Einrichtungen, darunter auch einem katholischen College, zur University of Divinity. Entscheidend für das Miteinander sei „die ökumenische Weite der Universität bei gleichzeitiger Bewahrung der konfessionellen Besonderheiten der einzelnen Colleges“. Diese hätten beispielsweise jeweils eine eigene Bibliothek, doch es gebe gemeinsame Standards und Studierende könnten die Angebote der verschiedenen Colleges nutzen. Durch die Kooperation sei der Studienabschluss besonders renommiert. Für Prof. Dr. Carsten Claußen von der TH Elstal gehört auch die enge Zusammenarbeit zwischen der Hochschule und ihrem Träger zu den Erfolgsfaktoren des wachsenden Whitley College: „Der Baptistenbund will Gemeinden gründen, und dafür bildet das College Hauptamtliche aus. Wenn eine Kirche mit Mut vorangeht, hat das auch Auswirkungen auf die Theologie und die Studierenden.“ Dass es erfolgreiche Kooperationen nicht nur in Übersee gibt, machte CVJM-Generalsekretär Hansjörg Kopp deutlich. Er berichtete von dem gemeinsamen Prozess der CVJM-Hochschule und der Evangelischen Hochschule Darmstadt, die im kommenden Jahr zur Evangelischen Hochschule Hessen fusionieren werden.

Nach Vorträgen über rechtliche Rahmenbedingungen für eine Hochschule mit mehreren Betreibern und über verschiedene Fusionsmodelle stellte Steffen Kern, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, sein Zwischenfazit zur Hälfte der Tagung unter die Überschrift „Einfach mal machen“. Es brauche Mut, eine gemeinsame Hochschule an den Start zu bringen, und die Zahl der Herausforderungen sei groß, so Kern: „Aber ich bin überzeugt: So ein Projekt bietet nicht nur ungeahnte Chancen. Es hat Verheißung.“

Welche Hauptamtlichen brauchen die Gemeinden? Was wünschen sich Studierende? Wie lassen sich konfessionelle Identität und ökumenische Weite in einem Hochschulprofil verbinden? Und wie kann eine gemeinsame Hochschule konkret aussehen? Um diese Fragen ging es in Workshops am Samstagnachmittag. In einer Podiumsdiskussion am Abend betonte Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel von der TH Elstal, Zusammenarbeit sei nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in der Forschung der freikirchlichen Institute nötig. Auch die studentische Perspektive auf die theologische Ausbildung der Zukunft kam immer wieder zur Sprache. So nahmen sieben Studentinnen und ein Student an der Tagung teil. Jule Lukasik, Mennonitin und Studentin an der TH Elstal, forderte dazu auf, Studierende auch in die weitere Entwicklung mit einzubeziehen. Zudem sei es wichtig, künftig mehr sozial unterprivilegierten Menschen Zugang zum Theologiestudium zu ermöglichen.

„Vermutlich hat es noch nie eine so breit aufgestellte Tagung mit Vertretern so vieler theologischer Ausbildungswege gegeben“, so das Fazit von Prof. Dr. Carsten Claußen, der in der Vorbereitung federführend war. „In den Vorträgen und in vielen Gesprächen wurde deutlich, dass uns in der theologischen Ausbildung viel mehr verbindet als uns trennt. Jetzt bedarf es mutiger Schritte von Seiten der Institute und ihrer Träger, um auf eine gemeinsame Zukunft zuzugehen. Darauf hoffe ich.“ Das Ziel des BEFG bleibe die Neugründung einer Hochschule, andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung seien eher an lockeren Kooperationen interessiert, so Claußen. Für alle Hochschulen, die die Zusammenarbeit weiterentwickeln wollen, wird es im Februar 2026 eine Videokonferenz und danach über ein halbes Jahr verteilt weitere Präsenztreffen geben.

Ein Artikel von Dr. Michael Gruber