Foto: Brad Barmore/Unsplash

Was glaubst Du?

Im Gespräch über die „Rechenschaft vom Glauben“

„Seid stets bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ (1. Petrus 3,15). Wann hat Dich zuletzt jemand nach Deiner Hoffnung gefragt? Wollte überhaupt schon mal jemand von Dir wissen, woran Du glaubst?

Ich persönlich kenne solche Fragen kaum – zumindest aus Deutschland. Als ich in Jerusalem studierte, war das anders: Über Religion kam man ständig ins Gespräch. Als Christin musste ich mich oft erklären und habe auch selbst gerne nachgefragt. Ich habe es genossen, so viel über grundlegende Glaubensthemen im Gespräch zu sein. Das vermisse ich in Deutschland manchmal. Hier gehört Religion zu den verpönten Themen. Jeder soll bitte privat glauben, was er will, aber andere nicht damit behelligen. Wie schade! So verlernen wir, die Inhalte unseres Glaubens in Worte zu fassen. Oder fällt es dir leicht, über den gekreuzigten Gottessohn zu sprechen, die Sache mit dem Reich Gottes zu erklären? Redest du gern von Schuld und Vergebung, Taufe und Abendmahl oder von der Bibel als Gottes Wort?

Zugegeben: Das alles sind herausfordernde Themen. Es fordert Mut, sich solchen Grundfragen zu stellen – aber es lohnt sich! Das meint zum Beispiel der evangelische Theologe Helmut Thielicke. Über das Apostolische Glaubensbekenntnis schreibt er: „Wer jene Wahrheiten intensiv genug befragt und wer bereit ist, sich vor keiner Schwierigkeit zu drücken, für den werden sie ein geheimnisvolles Leben gewinnen. Sie geben sich in einer Dimension zu erkennen, wo sie uns ‚angehen‘. Sie werden alles andere als langweilig sein.“ [1] Er vergleicht das Bekenntnis mit einer „Steilwand“ des Glaubens: Herausfordernd und wunderbar klärend zugleich.

Steile Felsen haben mich schon immer gelockt: Die Herausforderung beim Klettern, die Sicht, der Nervenkitzel. Auch Gespräche über theologisch steile Aussagen schätze ich: Sie stärken die geistigen Muskeln, helfen zu einer weiten Sicht und neuer Klarheit. Ich weiß aber, dass das Bild der Steilwand nicht bei allen Freude auslöst... Aber selbst mit Höhenangst und Asthma muss man sich nicht abschrecken lassen: Wir haben im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) einen Bekenntnistext, der etwas leichter zugänglich ist. Die „Rechenschaft vom Glauben“ (RvG) ist eher wie eine schöne Bergwanderung, keine reine Kletterpartie an der Steilwand. Das apostolische Glaubensbekenntnis, das gemeinsame Bekenntnis der weltweiten Christenheit, ist als Grundlage vorangestellt. Darauf folgen 21 kurze Artikel: Hier wird in erzählendem Stil ausgeführt, worauf wir unsere Hoffnung setzen und wie wir unseren Glauben leben. Manches ist typisch baptistisch, das meiste könnten katholische oder lutherische Christen genau so unterschreiben. 1977/78 wurde die „Rechenschaft“ vom BEFG sowie den Baptistenbünden in der DDR, in Österreich und der Schweiz angenommen. Und heute?

Als Präsidium des BEFG und Kollegium der Theologischen Hochschule haben wir uns in den letzten Monaten neu mit der RvG beschäftigt. Wir sind überzeugt: Es lohnt sich immer noch, die mal steilen, mal sanften Berggipfel der RvG zu erkunden. Dazu möchten wir ausdrücklich ermutigen! Unsere Vision: Die „Rechenschaft vom Glauben“ wird in diesem Jahr landauf, landab zum Gesprächsthema. In vielen Gemeinden werden einzelne Abschnitte diskutiert, manches tiefer verstanden, anderes hinterfragt. Wir bekennen, streiten, vergewissern uns, reden als mündige Christen mit. „Ausdruck und Zeugnis der Übereinstimmung der Gemeinden im Glauben“ will die RvG sein – und „offen für die künftige Bekundung der Wahrheit“. Beides gehört zusammen: Wir brauchen die immer neue Besinnung auf das, was uns im Glauben verbindet – und die Offenheit, auch mit Widerspruch und neuen Impulsen ins Gespräch zu gehen.

Das könnte ein spannender Weg werden! Für diese Bergwanderung geben wir euch in den kommenden Monaten eine Wanderkarte und etwas Proviant mit: In einer Artikelreihe begleiten wir euch Abschnitt für Abschnitt durch die Rechenschaft vom Glauben. Unterschiedliche Autoren werden jeweils zentrale Inhalte des Abschnitts erläutern. Auch auf ausgewählte Bibelverse werden sie eingehen: Die RvG versteht sich als „zusammenfassende Auslegung der Heiligen Schrift“, zu jedem Abschnitt gibt es einige Versangaben. Am Ende der Artikel stehen jeweils konkrete Fragen, die zum Gespräch oder zum eigenen Nachdenken anregen sollen.

Mit diesen Wegweisern und Appetithäppchen ausgerüstet, könnt ihr selbst losgehen: Wie wäre es, in eurem Hauskreis oder in der Bibelstunde eine Reihe zur Rechenschaft vom Glauben zu starten? Vielleicht gründet auch jemand eine neue Gruppe, initiiert Seminartage oder Online-Treffen? Online findet ihr übrigens auch die RvG: www.rechenschaftvomglauben.de. Ihr könnt die neue Ausgabe von 2019 aber auch gedruckt bestellen.

Wir wünschen uns, dass diese Artikelreihe nicht passiv konsumiert wird, sondern zum Gespräch ermutigt und zur aktiven Auseinandersetzung führt. Daher wird es auch ein Online-Forum geben, auf dem ihr euch austauschen könnt. Wir sind gespannt, von euren Erfahrungen und Impulsen zu hören! Euch wünschen wir auf dieser Tour beglückende Aussichtspunkte, eine gute Gesprächsatmosphäre – und eine immer klarere Sicht.


[1] Helmut Thielicke: Ich glaube. Das Bekenntnis der Christen, Stuttgart 1965, 14.

Erscheint in: Die Gemeinde 02/2022, S. 16-17.

Ein Artikel von Deborah Storek, Dozentin für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Neuen Kommentar schreiben

Kommentare (1)

  • Warmbt, Volker
    am 09.03.2022
    Zur sog. "Rechenschaft vom Glauben" hatten wir vom "Fachkreis Kirche 21" bereits vor einigen Jahren eindeutig Stellung bezogen: Dieser Text ist nicht reformierbar, man / frau kann ihn nur beiseite stellen. Unser Ergebnis war die Arbeit an den Baptist Principles.
    Grundsätzliches:
    1. Als wir vom Fachkreis Kirche 21 (beim GJW, letztes Jahr aufgelöst) im Jahr 2018 Überlegungen anstellten, die seinerzeit vorliegende Fassung der „Rechenschaft vom Glauben“ zu überarbeiten und zu aktualisieren, war unsere übereinstimmende Auffassung, dass dieser Text als Bekenntnis grundsätzlich nicht reformierbar ist. (Punkt!) Es beinhaltet einen heute in keiner Weise mehr annehmbaren Ansatz den Glauben im 21. Jh. zu bekennen und verständlich zu kommunizieren. Man kann diese Papier nur noch als historische Quelle aus früheren Jahrhunderten theologiegeschichtlich und ekklesiologisch würdigen. Also stellten wir es ganz beiseite und setzten unseren Schwerpunkt in die Aktualisierung und Vermittlung der „Baptist Principles“, die unserem Anspruch unseren christlichen Glauben baptistischer Prägung zu bekennen, entspricht, wie wir übereinstimmend fest stellten. Die Ergebnisse unserer Arbeit sind im GJW-Magazin „Herrlich“ 1,2019 unter dem Titel: „Freiheit ist alles!“ - Baptistische Identität 2.0 veröffentlicht. Hier kann man / frau alles weitere dazu nachlesen. Besonders eindrücklich und verständlich sind die „Baptist Principles für Kinder“ (S. 26-27) formuliert, wo es u.a. heißt: „Für Baptisten ist Freiheit ganz wichtig. Sie entscheiden selbst, ob (und wie) sie an Gott glauben und sich Jesus zum Vorbild nehmen. …. Baptisten setzen sich für Freiheit ein. Jeder Mensch soll selbst entscheiden können wer für ihn oder sie ein Vorbild ist und was sie oder er glaubt. …. Baptisten setzen sich für Gerechtigkeit ein und machen durch ihr liebevolles Handeln Gottes große Liebe in der Welt lebbar. …“ Diese Aussagen, wie auch die Baptist Principles insgesamt, sind mit zentralen Aussagen der Rechenschaft vom Glauben von 2021 nicht kompatibel. Für mich ist damit der „Status Confessionis“ (Dietrich Bonhoeffer) gegeben. Die „Baptist Principles“ als mögliches Bekenntnis des christlichen Glaubens baptistischer Prägung werden in der Rechenschaft vom Glauben mit keinem Wort erwähnt, als hätte es sie nie gegeben! Offensichtlich sind sie bei der Leitung des Bundes der Baptistischen Kirche auch nicht erwünscht, versuchen sie doch Glauben jenseits einer rückwärts gewandten mythologisch geprägten autoritären und alternativlosen Dogmatik für das 21. Jahrhundert neu zu denken und zu formulieren.
    2. Das Hauptproblem der „Rechenschaft vom Glauben“ ist nicht nur ein sprachliches, sondern insbesondere ein fundamental theologisches, das sich in einer speziellen Sprache ausdrückt, die heute im 21. Jh. niemand mehr, insbesondere junge Leute in keiner Weise mehr verstehen, weil sie einfach die heutige Lebenswirklichkeit in keiner Weise mehr abbildet; die Rechenschaft vom Glauben zeigt die Sprache einer anderen Welt: die Welt einer magisch-mythologischen Wirklichkeit, dazu geprägt von autoritären Gesellschaft- und Herrschaftsstrukturen der Welt des Mittelalters und des Altertums europäischer Prägung und Geisteshaltung . Nicht nur, dass dies heute niemand mehr versteht; es kann auch niemand mehr unter dem Anspruch der Beschreibung von Wirklichkeit, dem Anspruch von Wirklichkeit des Glaubens ernst nehmen, und das m.E. zurecht! In der Außenwirkung wirken sie entgegen gesetzt zur behaupteten Absicht dieses Bekenntnisses: Sie wirken auf denkende Menschen abschreckend., gegenüber jüdischen und Menschen anderer Religionen ab- und ausgrenzend - Abschreckend auch im Innenverhältnis. Aufgeschlossene Menschen / Baptisten, die mit dem Hintergrund theologischer und historischer Kenntnisse im 21. Jahrhundert leben, sind über diese „Neuausgabe“ der alten Rechenschaft vom Glauben irritiert und schockiert. Sie wollen nicht glauben, was ihnen da zu lesen zugemutet wird. „Hier können wir nur noch austreten“, sagen manche von ihnen. Professor Tobias Faix hat auf der Bundesratstagung 2018 zu diesem Thema einen beachtenswerten Vortrag gehalten, den jedoch offensichtlich niemand aus der Bundesleitung beachtet und ernst genommen hat. … „Die Leute, besonders die jungen Leute einer neuen Generation verstehen uns einfach nicht mehr. Und es ist nicht nur ein Sprachproblem“, sagte Tobias Faix. „Wir müssen an unserer Theologie arbeiten.“
    .... So weit erst einmal aus meiner grundsätzlichen Stellungnahme zum Thema, die ich dann auch Manifest genannt habe.