
Was ist fair?
Bericht über eine Studienreise nach Indien
Was ist fair? Mit dieser Frage im Gepäck fuhren wir mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus dem Gemeindejugendwerk und Gemeinden im Rahmen einer Studienreise nach Indien. Es ging uns darum, mehr über den fairen Handel mit Teebauern in Indien zu erfahren und herauszufinden, was daran eigentlich fair ist. Vor über 35 Jahren gründeten engagierte Menschen die GEPA, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, dass Menschen fair behandelt und für ihre Arbeit und ihre Produkte fair bezahlt werden. Wir als Gemeindejugendwerk gehören über die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (AEJ) ebenfalls zu den Gesellschaftern der GEPA. Nachdem das Interesse an fairem Handel zwischenzeitlich abgeflaut war, gibt es seit etwa zehn Jahren einen steigenden Absatz von Fair-Handelsprodukten in Deutschland.
Wir sind froh, dass wir diese Reise machen konnten. Es ist keine Reise, von der man, zurück in Deutschland sagt, es sei eine schöne Reise gewesen. Aber wir sind froh über die gesammelten Eindrücke und Erfahrungen, die wir gemacht haben. Erlebnisse und Begegnungen aus erster Hand sind durch keinen Fernsehbeitrag und keinen Zeitungsartikel zu ersetzen. Wir haben in sechzehn Tagen unglaublich viel erlebt und versuchen, mit unserem Bericht einen kleinen Einblick in die Reise zu geben.
Indien ist anders
Indien ist ein Land extremer Gegensätze, die es in Deutschland in dieser Form nicht gibt. Gegensätze, die sich vor allem in der Verteilung des Geldes widerspiegeln. Indien ist extrem reich und Indien ist extrem arm, ein typisches „Schwellenland“. Es befindet sich auf der Schwelle zwischen einem armen Entwicklungsland, auf dem Weg, eine reiche Industrienation zu werden. Doch die Entwicklungsstadien stellen sich in den verschiedenen Regionen extrem unterschiedlich dar. Die soziale Entwicklung bleibt bei dieser rasanten Entwicklung weitestgehend auf der Strecke: Es gibt eine hohe Säuglingssterblichkeit (50 von 1000 Kindern sterben, bevor sie ein Jahr alt werden), sehr geringe Bildung (35 % sind Analphabeten), große Umweltverschmutzung usw.
Indien ist extrem interessant. Es ist ein Subkontinent mit vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Religionen, Sprachen und Kulturen. Davon haben wir einen kleinen Ausschnitt gesehen, der jedoch schon unglaublich beeindruckend und spannend war. Trotz der großen Armut und des Drecks, die wir sahen, ist Indien bunt, kreativ und vielfältig.
Indien ist extrem herausfordernd! Während der gesamten Reise wurden unsere Sinne permanent überreizt. Ständig gab es etwas zu hören, zu sehen und zu riechen. Indien ist wie ein Wimmelbuch. Wo man auch hinschaut, überall gibt es etwas zu entdecken. Vor allem liegt das daran, dass sich in Indien fast das gesamte Leben auf der Straße abspielt und nicht wie bei uns hinter verschlossenen Türen.
Der beste Tee der Welt
Am Anfang der Reise fuhren wir in den Nordosten Indiens, in die Stadt Darjeeling, nach der das beste Teeanbaugebiet der Welt benannt ist. Hier, an den Hängen des Himalajas, stimmt das Klima für den Tee. Mit Jeeps ging es vom Flughafen hinauf in die Berge, bis zu dem Bio-Teegarten Samabeong. Hier wurden wir herzlich von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern empfangen. Etwa 50 Personen standen uns begeistert klatschend gegenüber, jedem von uns wurde zur Begrüßung ein bunter Schal umgehängt und ein Klecks mit gefärbtem Reis auf die Stirn gestrichen. Danach ging es fröhlich mit Gesang zu unserem Wohnhaus hinauf, wo die Frauen tanzten und versuchten, uns zum Mitmachen zu animieren. Das gelang ihnen nicht so richtig, wir Deutschen sind da eher schwerfällig. Aber die Inderinnen tanzten mit großer Fröhlichkeit und Leichtigkeit.
In den nächsten Tagen hatten wir die Gelegenheit, uns mit den Einzelheiten des Teehandels zu beschäftigen und herauszufinden, was daran fair ist. Wir besuchten verschiedene Plantagen in der Umgebung und wurden überall herzlich empfangen. Wir lernten, wie Tee angebaut, ökologisch gedüngt und geerntet wird. In der Teefabrik wurde uns erklärt, wie nach der Ernte schwarzer, grüner oder weißer Tee aus der gleichen Pflanze entsteht. Allein die Weiterverarbeitung macht den Unterschied in der Bezeichnung und dem Geschmack.
Fairer Teehandel
Die Teeplantage Samabeong gehört seit 1989 zu den Tea Promoters India (TPI), dem Handelspartner der GEPA. Etwa 230 Personen arbeiten auf den Plantagen als Teepflückerinnen und Pflücker und einige weitere in der Fabrik. Viermal im Jahr wird geerntet. Das Besondere an der Bezahlung ist nicht der Tageslohn, denn der ist in Indien für Teearbeiterinnen und -arbeiter gewerkschaftlich festgelegt. Würde die GEPA dem Einzelnen schlicht mehr zahlen, würde das für sozialen Unfrieden in der Region sorgen. Das Herausragende bei TPI ist die Mitbestimmung der Arbeiterinnen und Arbeiter, denn das ist etwas Neues in der kolonial geprägten indischen Plantagenwirtschaft. So entscheidet ein Komitee der Arbeiterinnen und Arbeiter zusammen mit dem Management über die Verwendung der Fair-Trade-Prämie, die zusätzlich zum Lohn gezahlt wird. 10 % des Teepreises werden in einen Fonds eingezahlt, der vor allem zur Verbesserung der Lebenssituation der Angestellten beitragen soll. Das Geld darf nicht für Investitionen verwendet werden, zu denen die PlantagenbesitzerInnen gesetzlich verpflichtet sind. Mit den ersten Geldern wurde beispielsweise ein Gemeinschaftszentrum errichtet, in dem größere Festivitäten, aber auch Kurse abgehalten werden können. Außerdem hat jede Familie eine eigene „GEPA-Kuh“ bekommen, um indirekt die Versorgung zu verbessern. Gut gefällt uns daran, dass dieses Geld der Gemeinschaft aller Dorfleute dient und nicht nur den bei TPI angestellten Teearbeiterinnen und -arbeiter. So wurde in Samabeong aus den Fondsgeldern eine Highschool gebaut, die es ohne die GEPA-Zahlungen nicht gäbe. Kinder aus der Region hätten kaum die Möglichkeit, einen höheren Schulabschluss zu erwerben.
Beim Besuch der Schule waren wir allerdings enttäuscht von der Ausstattung. Sie wirkte lieblos eingerichtet, denn außer einigen grob gezimmerten Tischen und Bänken waren die Klassenzimmer leer. Es gab keine Bilder an den Wänden, kein Anschauungsmaterial und kaum Bücher. Nichts, was als Anregung zum Lernen hätte dienen können. Lediglich der Computerraum war mit mehreren Geräten gut ausgestattet. Wie in dieser Umgebung gute pädagogische Arbeit möglich ist, fanden wir fraglich. Zum Zeitpunkt unseres Besuches waren allerdings Schulferien, so dass wir nur einige „herbestellte“ Schülerinnen und Schüler getroffen haben. Es gibt also noch Entwicklungspotential. Aber vielleicht ist unser Denken an dieser Stelle auch einseitig europäisch geprägt.
Kalkutta
Aus der Himalajaregion flogen wir in das 700 Kilometer südlich davon gelegene Kalkutta. Kalkutta ist ein Moloch. So haben wir es jedenfalls erlebt. Übervolle, stinkende Straßen. Bettelnde Kinder und ganze Familien, deren „Wohnung“ aus einer Plastikplane über dem Straßenrand besteht. Das Elend blickt einem an jeder Ecke entgegen.
Da die GEPA besonders die Herstellung von Handwerksprodukten fördert, besuchten wir einen Handwerksbetrieb, der unter fairen Bedingungen Lederwaren, Stoffe und Musikinstrumente herstellt. Dieser Betrieb wirkte nach der Fahrt durch die dreckigen und heruntergekommenen Straßen Kalkuttas wie eine Oase. Zur Begrüßung gab es dieses Mal Blumen und Reis.
Die Arbeitsbedingungen sind hier wesentlich besser als in anderen Betrieben Indiens. In dem hellen, lichtdurchfluteten Raum haben die Arbeiterinnen und Arbeiter ausreichend Platz. Die Leute arbeiten gerne hier, und das merkt man. Auch eine Behindertenwerkstatt gehört als ganz normaler Teil zum Gesamtbetrieb und ist nicht, wie in Deutschland, abgetrennt von anderen Werkstätten.
In Kalkutta besuchten wir außerdem einen Laden der indischen Fair-Trade-Organisation „Sasha“, die bereits seit 1979 fairen Handel in asiatischen Ländern unterstützt. Dieser schicke, saubere, ansprechende und gut sortierte Laden hat uns nicht nur in Kalkutta überrascht, er ist auch entschieden attraktiver als viele Eine-Welt-Läden in Deutschland, die oft immer noch ein Siebziger-Jahre-Öko-Image kultivieren, das junge Fairtrade-Käufer längst nicht mehr anspricht.
Was bleibt von der Reise?
Eine Menge, hoffen wir. Die Reise hat uns neu ins Nachdenken gebracht und bewirkt hoffentlich auch Veränderungen bei uns.
Die Welt, die wir kennen, stellt lediglich einen kleinen Ausschnitt dar. Es lohnt sich also, genauer hinzusehen, Erfahrungen zu machen und den Horizont zu weiten, auch wenn manche erschütternde Eindrücke hinzukommen. Unseren eigenen Wohlstand bzw. Reichtum sehen wir mit neuen Augen und sehen darin die Möglichkeiten, aber er ist auch beschämend. Es geht dabei nicht nur ums Geld, aber auch. Wir haben Verantwortung für das, was wir können und besitzen. All das haben wir nicht für uns allein, sondern auch, um es mit anderen zu teilen.
Fairer Handel lohnt sich und die GEPA hat auf diesem Gebiet wichtige Entwicklungen mit angestoßen, indem sie Standards entwickelt, die Menschen nachhaltig ein faireres Leben ermöglichen. Davon konnten wir uns auf der Reise überzeugen und begeistern lassen. Die Eindrücke und Erkenntnisse dieser Reise möchten wir in Zukunft auch in unsere Arbeit im Gemeindejugendwerk einfließen lassen und Kinder und Jugendliche für den Fairtrade-Gedanken begeistern.
Mirjam Ekelmann und Mieke Bethke
Ein Artikel von Mirjam Ekelmann und Mieke Bethke


