Im Vertrauen auf den Unsichtbaren
Andacht des Generalsekretärs zum Osterfest
Ihre Namen sind Charlie, Delta, Echo und Golf – und sie sind unsichtbar, für das bloße Auge nicht zu erkennen. Und doch sind sie da – jetzt in diesem Moment. Denn sie sind eine Realität. Und wären sie nicht da, dann wäre unsere Welt unsicherer und gefährlicher. Und glücklich zu preisen sind all die Menschen, die sich an sie halten, obwohl sie sie nicht sehen.
Ich spreche von den Lufträumen, in die der Himmel über uns aufgeteilt ist. Wer sich mit einem Flugzeug am Himmel bewegt, muss sich an strenge Regeln halten. Dazu gehört auch, dass Lufträume beachtet und respektiert werden. In einem früheren Kapitel meines Lebens, in dem die Fliegerei eine wichtige Rolle gespielt hat, habe ich Charlie, Delta, Echo und Golf also kennen gelernt und mich an sie gehalten. In jedem Luftraum gelten andere Regeln. In dem einen kann man sich relativ frei bewegen, in anderen wiederum ist man darauf angewiesen und verpflichtet, sich von Fluglotsen leiten zu lassen. Deshalb bewegen sich Pilotinnen und Piloten im sogenannten Sichtflug immer mit einer Art Landkarte durch die Luft. Diese Karte ist so etwas wie ein Augenöffner für eine unsichtbare Welt – für die Realität der Lufträume. Und die sieht zum Beispiel über dem Münchener Flughafen so aus: eine unsichtbare und gleichzeitig planvoll durchdachte Realität, in der sicheres und reibungsloses Fliegen möglich ist.
Unsichtbar, und doch eine Realität – und glücklich zu preisen, wer sich an diese unsichtbare Realität hält. Genau diese Botschaft sendet uns auch der Monatsspruch für den April 2026. Es ist Ostern, Jesus Christus ist auferstanden. Und einer seiner Jünger, Thomas, ist ganz ehrlich zu sich und zu den anderen und sagt sinngemäß: Wenn ich den Auferstandenen nicht sehen und anfassen kann, dann kann ich das alles nicht glauben. Und dann begegnet er dem Auferstandenen und der sagt zu ihm: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“
Die ersten Jüngerinnen und Jünger konnten den Auferstandenen für eine gewisse Zeit sehen und berühren; uns ist das zumeist nicht möglich. Wir sehen ihn nicht. Ja, er begegnet uns in der Bibel, in der Predigt, im Abendmahl, im Lobpreis, im Gebet, in der Gemeinschaft; aber so sehen, wie die Jünger ihn damals sahen, können wir ihn meist nicht. Und doch sieht er uns: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Denn in diesem Glauben liegt eine große Kraft. Im Hebräerbrief Kapitel 11, Vers 27 heißt es über Mose: „Durch den Glauben verließ er Ägypten und fürchtete nicht den Zorn des Königs; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn.“ Schon wieder der Glaube, schon wieder das Nicht-Sehen – und mittendrin eine große Kraft, die daraus entsteht. Das Vertrauen auf den Unsichtbaren hat bei Mose gesiegt über die Furcht vor der ganz sichtbaren Macht des Pharaos. Was für ein Wunder, was für eine Widerstandskraft des Glaubens.
Im Vertrauen auf den Unsichtbaren, damals und heute, liegt eine große Kraft, und sie kann größer werden als die Furcht vor den ganz sichtbaren Kräften und Mächten dieser Welt. Es ist die Kraft, die Mose den Mut gegeben hat, dem Pharao zu widerstehen; es ist die Osterkraft, die die ersten Christen so stark und fest gemacht hat. Nicht sehen und doch glauben; sich an den halten, den wir nicht sehen, als sähen wir ihn; dem Unsichtbaren mehr zutrauen als den sichtbaren Mächten und Kräften dieser Welt – das ist die Kraft von Ostern, das ist die Schönheit unseres Glaubens. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!
Und die Heilige Schrift, die ist für uns ein bisschen so, wie die Luftraumkarte für Piloten und Pilotinnen: sie öffnet uns die Augen für eine meist unsichtbare Realität, für die Gegenwart Gottes in unserem Leben; und sie lädt uns ein, uns vertrauensvoll an ihn zu halten. Immer wieder neu geöffnete Augen für den Auferstandenen und die Kraft des Vertrauens auf ihn, die stärker ist als die Furcht vor den sichtbaren Kräften – das wünsche ich Dir ganz persönlich in diesen Tagen, das wünsche ich Euch als Gemeinde, und das wünsche ich uns als Bundesgemeinschaft auf dem Weg.
Dr. Maximilian Zimmermann
Generalsekretär


