Ist diese Welt noch zu retten?

Rechenschaft über unsere Hoffnung (1. Petrus 3,15b)

Ist die Welt noch zu retten? Nein, aber sie ist schon gerettet. Kurz und knapp könnte man so den letzten Teil der Rechenschaft vom Glauben „Die Vollendung der Gottesherrschaft“ und auch ihren ersten Abschnitt zusammenfassen.

Was also ist es, dass uns Christen trotz der vielen Krisen und Katastrophen in dieser Welt und ihrem auch von Wissenschaftlern angekündigten Ende hoffen lässt? Wie können wir von unserer Hoffnung Rechenschaft geben und was bedeutet das für unser Leben als Christen? Von Anfang an zeichnet die Christenheit eine Hoffnung aus darauf, dass Jesus Christus vollenden wird, was er zu Lebzeiten gelebt, gepredigt und angekündigt hat.

Erwarteten die ersten Christen die Wiederkunft Christi und damit das Kommen des Reiches Gottes in naher Zukunft, so ist mit den folgenden Generationen diese Hoffnung zu einer „Jederzeit“-Erwartung geworden. Dabei hatte diese Erwartung vor allem dann wieder stärker im Leben der Christen Bedeutung, wenn sie verfolgt wurden, wenn das baldige Ende der Welt – zum Beispiel bei den Jahrtausendwechseln – erwartet wurde oder Krisen und Katastrophen als Zeichen verstanden wurden, dass das Ende nun bald gekommen ist.

Programmatisch hält die RvG im ersten Satz unseres Abschnitts fest: „Jesus Christus … wird an dem Tag, den allein Gott bestimmt, in Herrlichkeit … erscheinen.“ Damit verneint sie zum einen alle Versuche, durch vermeintliche Zeichen deuten zu können, wo der Zeiger an der Weltenuhr steht. Zum anderen erinnert sie damit daran, dass wir als Christen nicht nur eine persönliche Hoffnung haben. Im Altenpflegeheim bete ich mit Bewohnern und Bewohnerinnen mindestens einmal täglich mit dem Vaterunser „Dein Reich komme“, und es ist manchmal fast mit Händen zu greifen, welchen Unterschied es macht, ob Menschen am Ende ihres Lebens eine Hoffnung über dieses Leben hinaus haben oder nicht. Doch angesichts des Kriegs in der Ukraine äußerten etliche auch ihre Hoffnung, dass Gott dieser Welt eine Zukunft versprochen hat, und dass er seine Herrschaft endgültig und vollkommen aufrichten wird. Die christliche Hoffnung beschränkt sich nicht auf das Seelenheil des einzelnen, sondern schließt die gesamte Schöpfung mit ein.

Mit dem Bekenntnis, dass wir Jesu Christi Wiederkunft erwarten, sichtbar und eindeutig für alle Welt als ihr Herr, verbindet die Rechenschaft vom Glauben das Ende aller menschlichen Bemühungen um eine bessere Welt. Und auch die von uns Christen, die gute Nachricht zu verkünden und Menschen zum Glauben einzuladen. Im zweiten Abschnitt wird das hier schon angekündigte richterliche Handeln Christi entfaltet. Damit ist auch unserem menschlichen Scheitern eine unweigerliche Grenze gesetzt, zugleich ist Gottes Erneuerung der gesamten Schöpfung damit verbunden. Dies wird im dritten Abschnitt dieses dritten Teils der RvG weitergehend beschrieben. Diese Verheißung, dass Gott eines Tages („Tag des Herrn“) endgültig und für alle Welt Gerechtigkeit und Frieden durchsetzen wird, haben schon die Propheten des Alten Testaments verkündet. Schade, dass bei den am Rand angegeben Bibelstellen keiner dieser alttestamentlichen Texte genannt wird, um den roten Faden der Hoffnung durch die gesamte Bibel zu betonen.

Positiv ist zu vermerken, dass die Rechenschaft vom Glauben sich jeglicher Spekulationen über ein Zwischenstadium („tausendjähriges Reich“) oder auch über viele mit diesem und der Wiederkunft Christi verbundene Vorstellungen und Fragen enthält. So wird auch in keiner Weise versucht, eine Lösung für die uns so ganz praktisch in den Sinn kommenden Fragen zu geben wie: Wie kann der wiederkommende Jesus Christus gleichzeitig für alle Menschen sichtbar und eindeutig identifizierbar sein? Die RvG verweist nur auf 1. Thessalonicher 4,13-18 und damit auf die biblische bildlich zu verstehende Vorstellung vom Kommen auf den Wolken, wie sie auch schon in Daniel 7 zu lesen ist. Eine weitere Frage ist: Wie passt es zusammen, dass der Schächer am Kreuz am gleichen Tag mit Jesus im Paradies sein sollte und wir zugleich auf die Auferstehung aller hoffen? Hier wird nüchtern und schlicht darauf verwiesen, dass die Toten in Gottes bergende Hände fallen, so wie die Glaubenden bereits zeit ihres Leben nichts von der Liebe Gottes trennen kann.

Im vierten Absatz wird dann nach dem Tod auch das Ende aller übrigen widergöttlichen Mächte durch Jesu Wiederkunft bekannt. Sympathisch ist mir, dass hier darauf verweisen wird, dass die Gemeinde Jesu in dieser Welt eine „glaubende und wartende, leidende und versagende christliche Gemeinde“ ist. Damit wird noch einmal die Spannung aufgezeigt, in die die einzelne christliche Existenz wie auch seine Gemeinde gestellt ist. Sie leidet mit an allem Bösen in dieser Welt, an Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit, an Hass und Gleichgültigkeit, an Selbstsucht und Selbsthass, die die gesamte Schöpfung stören und zu zerstören drohen. Es ist unsere Hoffnung, dass Gott nicht nur sein Volk, sondern auch seine gesamte Schöpfung in seinen Frieden heimholt.

So wird im letzten Absatz nochmals die Aufgabe der Gemeinde Jesu und des einzelnen Christen erinnert: Jesus Christus als die Zukunft der Welt zu bekennen und aus dieser Hoffnung heraus sich für eine bessere Welt einzusetzen. Dabei greift mir der Verweis auf die Erneuerung des Menschen zu kurz, auch wenn es vor allem dieser bedarf, um in dieser vergehenden Welt schon etwas von Gottes erneuerter Welt erfahrbar werden zu lassen. Gerade angesichts der sich abzeichnenden Klimakatastrophe müssen Christen sich auch für eine erneuerte Schöpfung engagieren. Aber auch ohne diese konkrete Zuspitzung macht die Rechenschaft deutlich, dass unsere Hoffnung uns aus aller Gleichgültigkeit oder Passivität reißt und uns frei setzt, handelnde Akteuren für diese Welt und die Menschen zu sein. Denn wir müssen diese Welt nicht retten, sie ist schon gerettet. Es wissen nur noch nicht alle.

Einladung zum Weiterdenken

  • Was würde dir fehlen, wenn es die Verheißung nicht gäbe, dass Jesus Christus sichtbar für alle wiederkommt?

  • Wie reden und handeln wir als Christen und Gemeinde angesichts der jüngsten Krisen wie der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine und den daraus folgenden wirtschaftlichen Problemen?

Erschienen in: Die Gemeinde 23/2022, S.15-16.

Ein Artikel von Dirk Zimmer, Pastor der EFG Heiligenstadt

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