Monatsandachten

Geistliche Impulse aus der Theologischen Hochschule Elstal

Die Andachten dürfen kostenfrei in Gemeindebriefen abgedruckt werden. Die Nutzungsbedingungen und alle Dokumente und Bilder zum Download finden Sie auf der Seite der Theologischen Hochschule. Dort können Sie auch bereits jetzt die Andachten für die kommenden Monate herunterladen.

Ältere Andachten finden Sie im Archiv.

Oktober 2021

Hebräer 10,24
... und lasst uns aufeinander achthaben
und einander anspornen
zur Liebe
und zu guten Werken ...


Was ist noch zu tun, wenn schon alles getan ist?

Der Versuch, Gott durch Opfer gnädig zu stimmen, muss kläglich scheitern. Auf dieses Dilemma wird im zehnten Kapitel des Hebräerbriefes hingewiesen: Das Opferritual, das eigentlich eine entlastende Wirkung haben soll, wirkt eher belastend. Mit jedem Opfer werden die Betroffenen an ihre Sünden erinnert. Einmal jährlich zu bestimmten Festen oder je nach Anlass. Wer opfert, bleibt in der Rolle der Sünderin, des Sünders. Der Blick ist auf das eigene Scheitern und Versagen gerichtet. Mit dem Opfer wird die Last nicht von den Schultern genommen, im Gegenteil sie wird erschwert. Das ist anstrengend und lohnt sich nicht. Der Mensch bleibt unfrei und auf sich selbst fixiert. In sich verkrümmt, sagt Luther. Der Hebräerbrief erinnert die Angesprochenen daran, dass ihr Fokus sich völlig verschoben hat. Die Anstrengung ist zugunsten der Freude gewichen. Eine neue ungekannte Leichtigkeit bestimmt das Leben. Das Ziel wird zum Ausgangspunkt: Wenn es das Ziel war, Gott durch Opfer gnädig zu stimmen, dann wird hier deutlich, dass dies nicht nötig ist.

Durch Christus ist alles geschehen. Ein für alle Mal.

Wir sind schon an diesem Ziel: Gott hat dem Menschen seine Gnade zugewandt. Gnade ist alles und Gnade allein. So ist Gnade der Ausgangspunkt unseres christlichen Lebens. Wir müssen Gott nicht gnädig stimmen, wir können davon ausgehen, dass er es ist. Die Perspektive hat sich geändert. Der Mensch muss nicht mehr in sich verkrümmt nur auf sich schauen, sein Blick wird frei für andere Menschen: Lasst uns aufeinander achten! Der Mensch wird frei dazu, sich anderen zuzuwenden. Gnade stiftet Beziehung untereinander und so entsteht eine Gemeinschaft der Gnade. Eine Gemeinschaft, die von der Gnade ausgeht und die Liebe übt. Eine Gemeinschaft von Menschen, die einander anspornen, Liebe zu üben. Eine Anstrengung, die lohnt.

Was ist noch zu tun, wenn alles getan ist?

Wir gehen nicht auf das Ziel zu, wir kommen vom Ziel her.
Wir gehen nicht auf die Gnade zu, als könnten wir sie erlangen.
Wir kommen von der Gnade her, sind durch sie verbunden und üben uns in Liebe.
Und darin wollen wir richtig gut werden:

... und lasst uns aufeinander achthaben
und einander anspornen
zur Liebe
und zu guten Werken ...

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

September 2021

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel. (Haggai 1,6)

Arbeit, Nahrung, Trinkwasser, Kleidung, Geld: In der ersten Predigt des Propheten Haggai geht es um ganz handfeste Dinge. Die Rede trägt ein exaktes Datum: erster Tag des sechsten Monats des zweiten Regierungsjahrs des Perserkönigs Darius. Laut den Kommentaren entspricht das dem 29. August 520 vor Christus. Vom Datum her ist das Prophetenwort also fast auf den Tag genau passend ausgesucht als Monatsspruch für den September 2021, genau 2540 Jahre und zwei Tage nach Haggais Predigt. (Und falls die Leserinnen und Leser jetzt nachrechnen: Ja, es sind tatsächlich 2540 Jahre.) Das Datum passt, aber passt denn auch die Botschaft in den September 2021?

Neunzehn Jahre vor Haggais Auftreten hatten die Perser das babylonische Reich erobert und den nach Babylon deportierten Judäern erlaubt, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. Dort sollen sie unter der Führung des Serubabel, eines Nachkommen der Könige von Juda, den Tempel von Jerusalem wiederaufbauen. Aber auf die anfängliche Begeisterung folgte eine lähmende Ernüchterung in dem kargen Land, dessen Äcker nie genug Ertrag abwarfen, um richtig satt zu werden. Die Vornehmen unter den Rückkehrern bauten als erstes für sich selbst getäfelte Häuser. Der Tempel lag nach wie vor in Trümmern, der Baubeginn wurde immer weiter hinausgezögert.  Dafür sei die Zeit noch nicht gekommen, sagten die Vornehmen. Aber an sich selbst können die Vornehmen gar nicht früh genug denken, entgegnet der Prophet: weil ihr die falschen Prioritäten setzt, gibt es so viel Mangel im Land, hält Gott Regen und Segen zurück, aber wenn ihr mit dem Tempelbau beginnt, wird das Land endlich aufblühen!

Wenn ich vor siebzig Jahren gelebt hätte und im September 1951 eine westdeutsche Baptistengemeinde dazu hätte bringen wollen, einen Kapellenbau zu finanzieren, hätte ich mir vielleicht diesen Text ausgesucht. Ich hätte wahrscheinlich Hörer gehabt, die den Mangel am Lebensnotwendigen kennengelernt haben und sich nach Wohlstand sehnen. Einige träumten vielleicht von getäfelten Häusern oder fingen schon an, welche zu bauen. Ich hätte ihnen ins Gewissen geredet, den Bau des Hauses des Herrn nicht hintanzustellen, ihren Beitrag zu leisten zum Bauvorhaben der Gemeinde. Und der Aufruf zur Opferbereitschaft hätte dem Gewissen der Hörer gutgetan, denn sie wollten sich nach den Jahren der Entbehrung guten Gewissens des Wohlstands erfreuten, der sich allmählich einstellte. Vielleicht gibt es noch heute gesellschaftliche Kontexte, in denen es solche Predigten und solche Hörer gibt, vielleicht bei den Wohlstandspredigern in den Schwellenländern. Wer könnte es den Armen dieser Erde verdenken, dass sie danach streben, am guten Leben teilzuhaben?

Wir befinden uns aber im September 2021 und in einem reichen Land, das seine wirtschaftlichen Aufbruchszeiten längst hinter sich hat. Vielleicht löst das Wort des Propheten Haggai bei uns ganz andere Assoziationen aus. Mangel an Nahrung und an trinkbarem Wasser muss hier niemand leiden, und auch wenn sich die Verteilung des materiellen Reichtums in Deutschland immer ungleicher entwickelt: die große Mehrheit der Menschheit kann von Lebensbedingungen wie in unserem Land nur träumen. Und dennoch leben hier Menschen, die trotz Arbeit und Geldverdienen, trotz Überfluss an Essen und Trinken und trotz übervoller Kleiderschränke ihr Leben als armselig empfinden, deren Hunger und Durst nicht gestillt ist, die an einer Kälte leiden, gegen die keine Kleider helfen.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Stichworte aus Haggai 1,6 auch in der Verkündigung Jesu begegnen. Jesus predigte von der Saat, die vielfache Frucht trägt, vom Brot, das allen Hunger stillt, vom Wasser, von dem man trinkt und nie wieder dürstet, vom Reichtum, der nicht vergeht wie irdische Schätze. Sind das nur zufällig gewählte Metaphern für abstrakte geistliche Verheißungen oder holen uns die Texte der Bibel ab bei unserem Umgang mit ganz handfesten Dingen wie Arbeit, Nahrung, Trinkwasser, Kleidung und Geld?

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

August 2021

Neige, HERR, dein Ohr und höre!
Öffne, HERR, deine Augen und sieh her! (2. Könige 19,16 [E])


Muss man Gott wirklich bitten, dass er hinhört und hinsieht? Sieht und hört Gott nicht eh schon alles, wenn er denn der allmächtige und allwissende Gott ist? Doch hier geht es nicht um eine rechte Lehre von Gott oder vom Glauben, sondern darum, wie man betet – vor allem, wie man in Situationen der Not betet. In der Bibel gibt es viele Gebete, die Gott ansprechen, als wäre er ein Mensch. In erster Linie wählen Betende diese allzu menschlichen Worte und Vorstellungen, weil sie selbst Menschen sind. Wie sollen denn die Worte sein, dass man den allmächtigen Gott angemessen anspricht?! Hat Gott Ohren und Augen wie ein Mensch – Augen, die manchmal schlafen? Ohren, die manchmal taub sind? Das Besondere an Gott, wie ihn uns die Bibel bezeugt, ist, dass er uns Menschen sehr entgegenkommt, sich zutiefst auf uns Menschen einlässt. Darum ist es für die biblischen Texte auch kein Problem, Worte zu enthalten, die von und zu Gott reden, als wäre er ein Mensch. In Jesus Christus wurde Gott Mensch. Darum können wir Gott auch zutiefst menschlich anreden. Es kratzt nicht an seiner Ehre und Erhabenheit. Wenn wir Gott sehnlichst bitten, ehren wir ihn. Wir erkennen unser Begrenztsein und legen unsere Not, unser Leben, in seine Hände. Darum ist jedes bittende Gebet, so menschlich es auch formuliert sein mag, höchstes Lob Gottes.

Die Gebetsworte in 2. Könige 19,6 sind Teil einer Geschichte, die der Jerusalemer König Hiskia erlebt hat. Die Assyrer belagern die Stadt und fordern das schon ausgehungerte Volk auf, sich zu ergeben und nicht in der Gefolgschaft des Königs und im Vertrauen auf ihren Gott ins Verderben zu stürzen; wie auch in den anderen eroberten Städten mit ihren letztlich schwachen Göttern werde auch der Gott Israels mit der Eroberung Jerusalems untergehen. So breitet der König Hiskia in seiner Not die Situation klagend vor Gott aus; er über-betet seine Lage und überdenkt sie, indem er sie Gott erklärt. Hiskias Gebet ist eine Mischung aus Klage, Selbstreflexion und Bitte – vor Gott. Er betet so, weil er weiß, dass es Gott interessiert, wie es ihm und seinem Volk geht. In dieser Situation hat Gott das Gebet letztlich erhört, in einer ähnlichen Situation gut 100 Jahre später nicht, als Jerusalem erobert wurde. Wir haben Gott nicht in der Hand. Wir verstehen nicht, warum er manches Böse verhindert, anderes zulässt. Da bleiben viele Fragen. Entscheidend ist, dass er uns nicht alleine lässt. Wir können mit ihm darüber reden, ehrlich und offen und wie es uns ums Herz ist.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Juli 2021

Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.
(Apg. 17,27)

Wie ist das, wenn ich heute von Gott erzähle? Wie kommt es in meinem Umfeld an? Paulus begegnet in Athen einem Umfeld, das mit der Botschaft vom Evangelium noch nicht viel anfangen kann. Die Stadt ist geprägt von Götzenbildern, philosophischen Meinungen und Menschen, die ihn als „Schwätzer“ abtun. Es gibt jedoch auch viele neugierige Stimmen unter ihnen. Wissbegierige Menschen, die hören wollen, was Paulus Neues zu erzählen hat.

Wie ist das bei uns heute? In den Buchhandlungen und im Internet finden sich zahlreiche Bücher und Zeitschriften, die von den Vorteilen gelebter Spiritualität berichten. Es ist kein Tabuthema, an eine „höhere Macht“ zu glauben – wie auch immer diese aussehen mag. Doch wie sieht es aus, wenn dieser höheren Macht ein Name gegeben wird: Ich glaube an Gott, den Vater, an Jesus Christus, seinen Sohn und an den Heiligen Geist, der in uns wohnt. Wie reagiert mein Umfeld dann? Paulus greift die Kultur in Athen auf und würdigt die Mühe und Ernsthaftigkeit, die hinter der Götterverehrung steckt. Er findet in dem Altar mit der Aufschrift „dem unbekannten Gott“ einen Ansatzpunkt und nutzt diesen. Er berichtet von einem Gott, der ihm, Paulus, nicht unbekannt ist. Er holt aus und erzählt von diesem Gott, dem einen Gott, der die Welt geschaffen hat, der uns seinen Atem gegeben hat, der Grund ist, warum wir hier sind. Der Gott, in dem alles begründet ist. Der Gott, der sich finden lässt, wenn wir nach ihm suchen. Der Gott, der nahe ist.

Gott umgibt und umringt uns, er ist da – mehr als das: in ihm leben, weben und sind wir. Wie bewusst bin ich mir darüber? Mein Leben ist in Gott gegründet, der Glaube daran bietet einen Ursprung und einen Grund, eine Antwort, ja, einen Namen für das, was sonst unbenannt bleibt. Kann ich darin bewusst sein – in der Gegenwart Gottes, die mich in jeder Minute meines Lebens umgibt? Der Vers aus Apostelgeschichte 17,27 lädt ein, uns erneut bewusst zu werden, dass Gott nicht fern ist – er ist nah, er ist hier. In den alltäglichen Momenten unseres Lebens. Daraus dürfen wir leben, daraus dürfen wir Kraft schöpfen und davon dürfen wir berichten: Von der Gegenwart Gottes, die in uns und um uns ist. Wir dürfen lebendiges Zeugnis für einen lebendigen Gott sein. Gott ist mit uns, in unseren eigenen vier Wänden, in unseren Beziehungen, an unserem Arbeitsplatz. Und vielleicht kann es dieses Bewusstsein sein, dass uns in der nächsten Situation den Mut gibt, offen auszusprechen was wir glauben und an wen wir glauben. Denn: Gott ist nicht ferne von einem jedem unter uns. In ihm leben, weben und sind wir.

Dana Sophie Jansen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Hochschule Elstal

Juni 2021

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29)

In den Lutherbibeln ist dieser Satz fett gedruckt. Das signalisiert: Achtung! Hier haben wir eine biblische Kernstelle vor uns. Merke sie dir gut. Gegen ein solches Verfahren ist nichts einzuwenden. Jedenfalls dann nicht, wenn man diese Sätze nicht aus dem Zusammenhang reißt. Bloße Schriftzitate, aus dem Kontext der biblischen Überlieferung herausgerissen, sind immer gefährlich. Damit kann man zum Fanatiker werden oder zur Fanatikerin, von Schlimmerem ganz zu schweigen. Lassen wir uns also vom Fettdruck dazu anregen, genau hinzuschauen.

Es handelt sich hier um ein Bekenntnis der Apostel, die man mit Predigt- und Lehrverbot belegt hatte. Ihr Bekenntnis vor der höchsten Ratsversammlung in Jerusalem lautet kurz gefasst: Wir gehören und gehorchen dem, der Gottes Liebe und Gottes Gnade in Person ist. Und weil diese Liebe und Gnade Gottes allen Menschen gilt, darum können wir davon nicht schweigen. Damit ist der innerste Kern dessen genannt, was Gehorsam gegenüber Gott meint: In Freiheit zu dem gehören zu wollen, der nicht will, dass Menschen verloren gehen in Selbstzerstörung, Lieblosigkeit, Hass, Gewalt, Einsamkeit und Mutlosigkeit. Und darum von diesem liebevollen, starken Gott zu reden und sich davon nicht abbringen zu lassen. Dass dieses Reden auf Widerstand stoßen kann und wird, liegt auf der Hand. Die Geschichte der christlichen Kirche ist voll von Beispielen dafür, dass Menschen mit ihrem Bekenntnis zum Gott der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens auf Gegenwehr gestoßen sind und dabei nicht selten sogar mit ihrem Leben bezahlt haben. Und die Geschichte der christlichen Kirche ist auch eine Geschichte vieler, allzu vieler Versäumnisse, dieses Bekenntnis klar und deutlich auszusprechen – Gott sei’s geklagt. Der Fettdruck hat also seinen guten Sinn.

Der markante Satz will allerdings noch einmal in anderer Hinsicht genau betrachtet werden. Denn das kleine Wort „mehr“, das darin enthalten ist, könnte sonst leicht übersehen werden. Und dann würde der Satz weltfremd, ja geradezu ideologisch. Dass wir uns gehorsam zu Gott bekennen, schließt ja nicht aus, dass es auch Gehorsam gegenüber anderen Menschen gibt. Es stimmt: Hier hat es viel Missbrauch gegeben durch Zwang, Manipulation und blinden Gehorsam. Und den gibt es immer wieder. Aber es gibt auch einen gesunden Gehorsam, der das Zusammenleben fördert, einen Gehorsam, der Freiheit und Vertrauen atmet: im Erziehungswesen, im Gesundheitswesen, im Arbeitsleben, im Straßenverkehr, im Staatswesen. Niemals aber darf ein solcher Gehorsam mit göttlichen Attributen versehen werden. Hier markiert das „mehr“ die Grenze, die nicht überschritten werden darf – von denjenigen nicht, die Gehorsam fordern, und auch nicht von denen, die Gehorsam leisten.

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

Mai 2021

Öffne deinen Mund für die Stummen, für das Recht aller Schwachen! (Spr 31,8 (E))

„Mir fehlen die Worte…“. Solche oder ähnliche Sätze stammeln wir, wenn wir hilflos das Unglück anderer mitansehen müssen. Es gibt eine angemessene Sprachlosigkeit, ein solidarisches Schweigen, das das Floskelhafte fürchtet und offen zugibt, für das Unfassbare keine Worte zu haben. Es gibt aber auch das andere Stummsein, das unsolidarische (Ver)Schweigen, wenn man aus Angst, selbst zum Opfer zu werden wegschaut. Oder wenn man eben aus sicherer Distanz genau hinschaut, aber nichts sagt, nicht eingreift und so tut, als sei man gar nicht beteiligt. So leicht es fällt, die „Gaffer“ zu verurteilen, so schwer ist es doch, den entscheidenden Augenblick zu erkennen, in dem es darauf ankommt, selbst den Mund aufzutun.

Für die Hilflosen und Schwachen einzustehen war im Alten Israel wie im gesamten Alten Orient ein verbreiteter Appell. Götter (Psalm 82), Könige (Psalm 72,1-4) und einfache Bürger (5. Mose 15,11; Hiob 29,12-17) wurden dazu immer wieder ermahnt. In der Realität wurden die Armen jedoch allzu oft sich selbst überlassen. Gründe für das Schweigen fanden sich schnell (siehe Exodus 4,11). Nicht nur damals, immer wieder in der Geschichte und Gegenwart gibt es zahllose Beispiele dafür, wie das Unrecht unter den Teppich gekehrt wird.

Wie lässt sich die Barriere des Schweigens durchbrechen? Ein wichtiger Aspekt dabei ist sicher Empathie, die Fähigkeit sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Wie es sich anfühlt, von allen Seiten eingeschüchtert zu werden, beschreibt ein Psalmbeter: „[D]ie mein Unheil suchen, planten Verderben und den ganzen Tag haben sie Arglist im Sinn. Ich bin wie ein Tauber, der nicht hört, wie ein Stummer, der den Mund nicht auftut“ (Psalm 38,13-14). Das Nachbeten hilft dabei, sprachfähig zu werden.

Die Sicht der Gedemütigten einzunehmen, sich für die Hilf- und Sprachlosen einzusetzen: das ist der Rat, den die weise Mutter ihrem Sohn, dem König Lemuel von Massa, gab. Diesem nichtisraelitischen König ist nämlich der Abschnitt in Sprüche 31,1-8 gewidmet. Mit ihm dürfen wir uns gerne identifizieren.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

April 2021

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung
(Kolosser 1,15 nach der Einheitsübersetzung)

Dass Gott unsichtbar ist, gehört zu seinem Wesen: Gott ist kein Teil dieser Welt, sondern ihr Schöpfer; er ist nicht Materie, sondern Geist; er gehört nicht ins Diesseits, sondern existiert jenseits von Raum und Zeit. Allerdings: Bliebe Gott ausschließlich jenseitig, dann wüssten wir nichts von ihm und könnten ihn auch nicht als Gott verehren. Um Gottesdienst feiern zu können, haben sich Menschen deshalb von Urzeiten an Götterbilder gemacht. Sie meinten, der unsichtbare Gott würde in diesen Bildern Wohnung nehmen. Das Volk Israel und in seiner Nachfolge auch die Christengemeinde aber wussten: Gott wohnt im Himmel und nicht auf Erden, und nichts, was Menschenhände machen, kann ihn abbilden.

Aber ist dann vielleicht die ganze Welt ein Abbild Gottes, ihres Schöpfers? So hat es jedenfalls der große griechische Philosoph Platon gelehrt, und ganz falsch ist das nicht. Der Apostel Paulus hat ja gesagt: „Gottes unsichtbares Wesen – das ist seine ewige Kraft und Gottheit – wird seit der Schöpfung der Welt, wenn man es wahrnimmt, ersehen an seinen Werken“ (Römer 1,20). Die Schöpfung ist also in der Tat eine Offenbarung Gottes, aber sie ist es nur deshalb, weil Jesus Christus „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ ist, wie unser Monatsspruch bekennt. Jesus Christus ist kein Geschöpf, sondern der „einzige Sohn“ Gottes (Johannes 1,14). Durch ihn als Mittler hat Gott die Welt geschaffen: „Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen“ (Kolosser 1,16). Vom Sohn Gottes gilt, was im alttestamentlichen Buch der „Sprüche“ von der Weisheit Gottes gesagt wird: „Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her“ (Sprüche 8,22).

Weil Jesus Christus als der Sohn Gottes zugleich die menschgewordene Schöpferweisheit Gottes ist, darum existiert er „vor allem, und es besteht alles in ihm“ (Kolosser 1,17). Darum ist Christus auch das wahre und eigentliche „Bild des unsichtbaren Gottes“. Die Welt und wir Menschen sind Gottes Ebenbild nur durch Christus, den Schöpfungsmittler, und in Christus, unserem Erlöser. Und weil Jesus Christus Gottes Bild ist, darum beten wir ihn an als die Gestalt, in der sich Gott selbst für uns öffnet. So haben es bereits die ältesten Christengemeinden getan, so tun wir es heute, und so wird es die Gemeinde Jesu tun bis in alle Ewigkeit.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

März 2021

„Jesus antwortete: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ (Lk 19,40)

Was werden sie denn schreien, die Steine? Und wer sind die, die hier schweigen, obwohl sie eigentlich reden sollten?

Mit diesem Wort beantwortet Jesus im Lukasevangelium einen Vorwurf der Pharisäer, die sich darüber aufregen, dass die Jünger Kleider vor dem auf einem Esel reitenden Jesus ausbreiten und ihn mit Worten aus Psalm 118 als Herrn und König preisen. „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Mit diesen Worten huldigt die Menge seiner Anhänger dem nach Jerusalem ziehenden Jesus. Sie begrüßen ihn am Fuße des Ölbergs als den verheißenen Friedenskönig, der Gottes gnädige Herrschaft aufrichten wird und deshalb nicht auf einem Streitross, sondern demütig auf einem Esel Richtung Jerusalem reitet.

Die Pharisäer, die diese Szene miterleben, wollen Jesus dazu bringen, dass er seine Jünger zurechtweist. Aber Jesus antwortet ihnen: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Eine mehr als deutliche Zurückweisung ihres Einspruchs und eine direkte Unterstützung der von den Jüngern vorgetragenen Botschaft. Der, der hier kommt, ist wirklich der von Gott gesandte König des Friedens.

Aufmerksame Leserinnen und Leser des Lukasevangeliums werden sich an dieser Stelle an frühere Stellen des Evangeliums erinnern. Hatten nicht bereits die Engel in der Weihnachtsnacht den Hirten auf dem Feld die Geburt des Heilands verkündet, „welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“ und dies mit dem Lobpreis bekräftigt: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“? Hatte nicht bereits Johannes der Täufer angekündigt, dass Gott dem Abraham aus Steinen Kinder erwecken könnte, wenn die Menschen seine Botschaft nicht annehmen?

Die Botschaft, dass Jesus der Friedenskönig, der von Gott gesandte Heiland der Welt ist, die lässt sich nicht unterdrücken. Diese gute Nachricht kann niemand aufhalten, weil Gott zur Not die Steine diese Botschaft hinausschreien lassen wird. Es geht um zu viel, als dass der Lobpreis Jesu unterbleiben könnte. Entscheidend ist nicht der Weg, sondern dass diese Botschaft ihre Adressaten erreicht. Und wenn es am Ende die unbelebte Natur hinausschreien muss: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“

Prof. Dr. Ralf Dziewas, Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal (Fachhochschule)

Februar 2021

„Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“
(Lukas 10,20 Einheitsübersetzung)

Im Himmel wird also eine Namensliste geführt. Erstaunlich, nicht wahr? Auf dieser Liste zu stehen, ist etwas ganz Besonderes, sagt Jesus seinen Jüngern: Darüber können sie sich freuen – viel mehr noch als über alles Mögliche andere, das sie auch glücklich macht. Dass es im Himmel ein Buch gibt, in dem Namen von Menschen notiert sind, davon ist im Alten wie im Neuen Testament an manchen Stellen die Rede. Das Buch wird verschiedentlich „Buch des Lebens“ genannt (z.B. Ps 69,29 und Phil 4,3). Gemeint ist das Leben bei Gott und mit Gott, das ewige Leben. Von einem „Buch des Todes“ ist nirgendwo in der Bibel die Rede. Niemand braucht also anzunehmen, Gott habe von vornherein festgelegt, wer in den Himmel kommt zum ewigen Leben und wer in die Hölle zum ewigen Tod. Eine solche Vorfestlegung Gottes gibt es nicht.

Aber es gibt das Buch des Lebens, das im Himmel geführt wird. Das ist natürlich bildlich geredet. Das „Buch“ oder „Verzeichnis“ steht dafür, dass im Himmel bestimmte Menschen namentlich bekannt sind. Im Himmel namentlich bekannt zu sein, das bedeutet, vor Gott Gnade gefunden zu haben. So hat Gott zu Mose gesprochen: „Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen“ (2. Mose 33,17).

Welche Menschen sind das wohl, die Gott in diesem Sinne mit Namen kennt? Auch dazu finden wir Hinweise in der Bibel. In Mal 3,16 heißt das himmlische Namensbuch ein „Gedenkbuch für die, welche den HERRN fürchten und an seinen Namen gedenken“. Es stehen darin also diejenigen, die ihr Leben in Ehrfurcht vor Gott und im Gebet zu Gott führen. In Offb 3,5 sagt der auferstandene Herr Jesus, er will den Namen derer, die im Buch des Lebens stehen, bekennen vor Gott dem Vater und vor seinen Engeln. Damit knüpft er an sein Wort an (Mt 10 32): „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.“ Wenn am Ende der Zeiten Gott, der Vater Jesu Christi, Gericht hält über alle Menschen, dann wird das Buch des Lebens seine eigentliche Aufgabe erfüllen: Wessen Name in diesem Buch steht, weil er sich vor den Menschen zu Jesus bekannt hat, zu dem wird sich Jesus bekennen vor dem göttlichen Richter und er wird das ewige Leben empfangen.
Diese Zusage Jesu Christi macht die Gläubigen gewiss, dass sie sich vor Gottes Urteil nicht fürchten müssen, sondern sich freuen dürfen, dass sie Jesus in die himmlische Herrlichkeit nachfolgen werden.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Januar 2021

Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes! (Psalm 4,7 (L))

Es scheint, als gäbe es eine allgemeine menschliche Sehnsucht: Die Suche nach „dem Guten“, der Erfüllung, dem Sinn. Nicht nur die inhaltliche Frage, was dieses Gute ist, sondern auch die Frage nach dem „Woher“ beeinflusst diese Suche. Von wem wird Gutes erwartet? Worin finden wir unsere Erfüllung? Besonders zu Beginn eines neuen Jahres werden die Stimmen aus den Medien, der Werbung und vielleicht auch in unserem Umfeld lauter: Neujahrsvorsätze, neue Hoffnungen, neue Orientierung. Dieses Jahr soll anders werden. Dieses Jahr soll gut werden. Doch worin suchen wir unser Glück? „Viele sagen“ heißt es in diesem Psalm. Viele – das sind auch die Stimmen um uns herum, unsere täglichen Einflüsse, der gesellschaftliche Standard, was als erstrebenswert gilt und wie „das gute Leben“ aussieht. Da kommen bestimmte Bilder und Vorstellungen in den Sinn. Vielleicht lässt sich das Gute für den einen in materiellem Besitz finden – eine besser bezahlte Arbeit, mehr Anerkennung, mehr Erfüllung. Vielleicht lässt es sich in heilen zwischenmenschlichen Beziehungen finden – in starken sozialen Kontakten und Gemeinschaft. Wo und von wem wir uns Gutes erhoffen, das lenkt und steuert unsere Suche, unser Streben, unsere Ausrichtung. Der Psalmist bringt einen Bruch in diese Fragestellung. Der Frage von Vielen stellt er einen direkten Ausruf, eine Aufforderung an Gott, gegenüber: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“ Der Psalmist muss nicht fragen, wer ihn Gutes sehen lassen wird. Er kann in direkten Kontakt mit Gott treten und um das bitten, was er als „gut“ erfahren hat: Gottes Antlitz ist das Gute, wonach sich sein Herz sehnt. Weiter im Psalm wird dies noch einmal deutlicher: „Du erfreust mein Herz, mehr als zur Zeit, da es Korn und Wein gibt in Fülle.“ (Ps 4,8) Die Freude, das Glück und das Gute, das von Gott ausgeht, sind noch einmal mehr, als diese guten Dinge, an denen wir uns sonst so erfreuen. Der Psalm endet mit den Worten: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Ps4,9) Dieses Gute, das bei Gott gefunden werden kann – im Licht seines Antlitzes, das über uns leuchtet – gibt tiefen Frieden, Sicherheit und Gewissheit: Bei Gott bin ich gut aufgehoben. Kann auch ich den vielen Stimmen um mich herum aus dieser tiefen Erfahrung heraus antworten, wenn ich gefragt werde, wer uns Gutes sehen lassen wird? Der Psalm lädt ein, unsere Suche nach Erfüllung und dem Guten in der Schönheit Gottes zu finden. Wir dürfen empfangen, denn es ist sein Licht, das über uns leuchtet und uns das Gute sehen lässt. Im Licht seines Antlitzes ist es, dass wir Freude und Frieden finden – ein Leben in Fülle und aus der Fülle heraus.

Dana Sophie Weiner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2021

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6, Vers 36)

Das als Jahreslosung ausgewählte Jesuswort steht mitten in der Feldrede Jesu. Sie bildet bei Lukas – ähnlich wie die Bergpredigt bei Matthäus – die erste entscheidende Zusammenfassung der Lehre Jesu nach der Jüngerberufung und soll die Leserinnen und Leser des Evangeliums aufrütteln und aus ihrem gewohnten Denken und Handeln herausreißen. Und entsprechend kompromisslos ist die von Lukas überlieferte Botschaft Jesu:

Nachdem dieser zunächst die Armen, die Hungernden, die Weinenden und die Verfolgten seliggepriesen hat (V.20-23), stellt er den Reichen, den Satten, den Lachenden und den Angesehenen sein hartes „Wehe euch!“ wie einen Fluchruf entgegen. Während die Bedürftigen Gottes Nähe zugesprochen bekommen, müssen die, denen es gut geht, mit Unheil und dem Verlust ihrer Sicherheit und ihres Wohlstands rechnen (V.24-26).

Beim Lesen dieser Worte muss denen, die damals als erste ein Exemplar des Lukasevangeliums in den Händen hielten, direkt der Schreck in die Glieder gefahren sein. Wer sich ein auf Papyrus oder Pergament geschriebenes Werk wie das Lukasevangelium leisten konnte, der gehörte sicherlich nicht zu den Armen, sondern zur zweiten Gruppe. Wie soll ich mich verhalten, wenn das die Lehre Jesu ist? Worauf kommt es an, wenn ich trotz meines Reichtums ein Jünger oder eine Jüngerin Jesu sein will?

Nun, die Feldrede Jesu bietet den ratlosen Leserinnen und Lesern direkt im Anschluss an die Weherufe einen Ausweg aus dem angedrohten Unheil: Jesus fordert alle, die ihm zuhören – und damit auch alle, die das Lukasevangeliums lesen – in seiner Feldrede zu einem Leben auf, das ohne Rücksicht auf Verluste die Güte und Barmherzigkeit Gottes widerspiegelt. Die Feinde lieben, ungerechte Gewalt mit entwaffnender Güte parieren, für die Hassenden beten und die Fluchenden segnen, sogar die Räuber noch beschenken und dabei das letzte Hemd weggeben (V.27-30). Es gibt bei Jesus keine Grenzen für das Tun des Guten. Nicht nur denen soll man abgeben, die sich dafür später einmal revanchieren werden – das tun auch die Sünder – sondern auch dann noch abgeben und Geld verleihen, wenn man bereits weiß, dass man es nicht zurückbekommen wird, darauf liegt der Segen Gottes (V.31-35). Wenn ihr so lebt, sagt Jesus, „wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ (V.35)

An diese Verheißung schließen sich – gleichsam als ethische Glaubensregel für ein Leben in der Nachfolge Jesu – die Worte der Jahreslosung an: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (V.36) So radikal hingebungsvoll gütig, so absolut verschwenderisch wie der Vater im Himmel, sollen die sein, die in Jesu Namen unterwegs sind. Und diese bedingungslose Güte und Barmherzigkeit soll die Basis aller konkreten Lebensvollzüge werden. Wer gütig und barmherzig ist, richtet und verdammt nicht, sondern vergibt (V.37-38). Wer den Maßstab der göttlichen Barmherzigkeit anlegt, torkelt nicht blind in die Fallen des Lebensweges und fixiert sich nicht auf den Splitter im Auge des Gegenübers, sondern erkennt rechtzeitig den Balken, der die eigene Sicht behindert (V.39-42).

Es ist diese Ethik der Barmherzigkeit, an der sichtbar werden kann, dass in denen, die Jesus nachfolgen, ein Herz der Güte und Barmherzigkeit schlägt und dass am Baum der Jesusnachfolge gute Früchte wachsen (V.43-45). Und ein barmherziges Handeln ist – mit diesem Bild schließt Jesus seine Feldrede ab – eine stabile Grundlage, auf der sich das Haus des eigenen Lebens so aufbauen lässt, dass ihm auch stürmische Zeiten nichts anhaben werden (V.46-49). Wer um Gottes Barmherzigkeit weiß und daran sein Leben ausrichtet, der erweist sich als Kind des barmherzigen Vaters im Himmel und darf selbst erleben, wie gut es ist, barmherzig zu sein.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Dezember 2020

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! (Jes 58,7 (L))

Eigentlich wollen wir uns jetzt im Dezember auf Weihnachten einstellen, die Adventskerzen anzünden und ein bisschen Ruhe und Frieden genießen. Das dürfen wir, das sollten wir auch, der Corona-Pandemie zum Trotz. Aber: Die Worte des Jesaja erinnern uns daran, dass wir nicht alleine auf der Welt sind, sondern unser „Schalom“ mit dem der anderen Menschen verbunden ist. Wirklich glücklich können wir nur sein, wenn es den Armen und den Benachteiligten um uns herum und in unserer Welt besser geht. Mein Glück gibt es nur als unser Glück.

Die prophetischen Worte antworten auf eine Klage des Gottesvolkes, dass Gott ihre Bitten nicht richtig erhört. Sie beten und fasten, aber Gott reagiert nicht darauf; als ob er nicht da wäre. Der Prophet antwortet: Ihr betet und fastet und gleichzeitig streitet ihr, übervorteilt einander und unterdrückt die Schwachen. Wirklich effektives Fasten und Beten wäre, wenn ihr euch um Gerechtigkeit müht und aufeinander achtet. Gutes tun, Barmherzigkeit üben, das ist ein Beten, das Gott bewegt. Deutliche Worte!

Dass wir Gottes Nähe spüren, und damit auch Frieden und Glück, das wünschen wir uns in der Weihnachtszeit ganz besonders. Dabei werden wir aber immer wieder enttäuscht. Der Weihnachtsfriede mag sich manchmal so gar nicht einstellen. Jesaja ermahnt uns, in dieser Zeit in besonderer Weise an die Armen und Unterdrückten zu denken und unseren Wohlstand mit ihnen zu teilen. Darum machen die Spendenaufrufe in der Weihnachtszeit Sinn und wohl uns, wenn wir dem auch folgen. Ein Schritt weiter wäre es, wenn wir konkret darüber nachdenken, wie wir mit benachteiligten Menschen in unserer Nähe unser Glück teilen können, z.B., indem wir ihnen anbieten, sie zu besuchen oder zu uns einladen. Dabei müssen wir prüfen, was uns in der jeweiligen Situation angemessen ist. Wir müssen uns nicht übernehmen. Aber etwas können wir tun, damit es heller um uns wird, unser „Licht hervorbricht wie die Morgenröte und unsere Heilung schnell voranschreitet“ (V.8). Wir selbst können nur heil werden, Frieden erleben, wenn wir das, was wir haben, mit den Menschen um uns herum teilen. So kann Weihnachten werden und Gott kommt uns ganz nah, in Jesus!

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

November 2020

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. (Jer 31,9 (L))

Hilfreicher Trost bedeutet vor allen Dingen Begleitung. Damals wie heute. Die Formen der Begleitung mögen sich ändern; im Wesentlichen kommt es immer darauf an, einem (oder mehreren) Menschen in herausfordernden Zeiten zur Seite zu stehen, mit zu gehen oder einfach da zu sein.

Die Prophezeiung aus dem Jeremiabuch beschreibt auch Gottes Handeln mit seinem Volk in ganz entsprechender Weise. Den aufgrund von Krieg, Flucht und Vertreibung vermutlich mehrheitlich traumatisierten Menschen wird zugesagt, dass sie getröstet werden, indem Gott sie leitet – was in diesem Fall nichts Anderes als Begleitung heißt, wie bei einer Eskorte. Auf einer assyrischen Reliefdarstellung aus dieser Zeit sieht man, wie Einwohner der eroberten judäischen Stadt Lachisch von den neuen Machthabern aus ihrer Heimat in eine ungewisse Zukunft abgeführt werden. Die Prophetie aus Jeremia wirkt wie ein dazu als Kontrast gemaltes sprachliches Bild: „Ich bringe euch wieder zurück, gehe neben euch her und schütze euch.“ Im vorherigen Vers (Jer 31,8) bezieht sich dieses Versprechen ausdrücklich auf die verwundbarsten Menschen der damaligen Situation: auf Blinde, Lahme, Schwangere und junge Mütter. Die Rückführung der nach Babylon Verschleppten wird mit ähnlichen Worten auch im Buch Jesaja angekündigt: „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden“ (Jes 55,12)“. Mit etwas anderer Betonung ist im Buch Hiob ist vom Geleiten des Toten zum Grab die Rede (siehe Hi 21,32) – ein Ritual, das wir aus guten Gründen bis heute pflegen, wenn wir jemanden „zu Grabe tragen“ und zugleich damit die Angehörigen trösten.

Ob es um die gegenseitige Unterstützung im engsten Familienkreis, in der Gemeinde oder vielleicht in einer Trauergruppe, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegenseitig von ihren Erfahrungen erzählen, geht: Die Formen der Begleitung mögen sich wandeln – gute Beziehungen zueinander sind in unserer heutigen Zeit, in der viele Menschen durch die äußeren Umstände ganz auf sich selbst zurückgeworfen sind, wichtiger denn je.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Oktober 2020

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht´s auch euch wohl. Jeremia 29,7 (Luther)

Dieser Aufruf erreicht Menschen inmitten einer sehr herausfordernden und leidvollen Lebenssituation. „Suchet der Stadt Bestes!“ Das ist eine Aufgabe, die genau diese Menschen in ihrer eigenen Stadt, in Jerusalem, gerne und gut erfüllen konnten. Dort hatten sie die wichtigen Positionen besetzt, Verantwortung übernommen, Menschen geführt, die Stadt aufgebaut, ihre Kompetenzen eingebracht, Karriere gemacht. Und jetzt sitzen sie mit dem König und seiner Mutter, einigen Ältesten, Priestern und Propheten, mit der Jerusalemer Führungsschicht und den Menschen, die zum Aufbau einer Stadt wichtig sind, der Stadtverwaltung, den Finanzfachleuten, Schmiedemeistern und Zimmerleuten, hier in der Fremde. Nun leben sie in Babylonien mitten unter ihren Feinden; besiegt und weggeführt, ohnmächtig und handlungsunfähig. Sie schauen zurück und trauern, und sie fragen sich: Wie lange noch? Wann können wir wieder zurückkehren? Wann ist das hier endlich vorüber? Hoffentlich schon bald?
Einige sagen es so: Ja, schon bald wird Gott euch aus dieser Situation herausführen. Er wird Euch zurückbringen. Anders Jeremia. Er macht keine falschen Versprechungen. Er sagt, was wahr ist und weh tut, aber er eröffnet auch neue Perspektiven. So schnell wird diese Situation nicht enden, macht er deutlich. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Es wird kein schnelles Ende geben, keine baldige Rückkehr. Richtet euch ein, baut Häuser, legt Gärten an, bekommt Kinder, bringt euch ein mit euren Kompetenzen, hier in dieser Stadt. Es wird lange dauern, mehrere Generationen werden hier leben. Nach 70 Jahren erst werdet ihr nach Jerusalem zurückkehren. Das sind keine gefälligen Worte. Das wäre Grund genug zu Resignation und Rückzug. Aber Jeremia eröffnet eine Perspektive der Hoffnung: Die Zeit in Babylonien wird keine verlorene Zeit. Gott ist die Situation nicht entglitten. Auch wenn das Volk besiegt ist und ins Exil geführt wurde, Gott ist nicht besiegt. Er ist der Handelnde. „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen...“ Jeremia führt dem Volk die guten Gedanken und Absichten Gottes vor Augen: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Und er fordert zu einem Handeln in dieser Perspektive der Hoffnung auf. In Krisenzeiten geht der Blick oft zurück und es wird nach der Ursache gefragt. Oder der Blick geht weit nach vorn und es scheint, dass ein neues Engagement erst wieder möglich ist, wenn die schwierige Zeit der Krise vorüber ist. In der Perspektive der Hoffnung, dass Gott die Situation in seinen Händen hält und dass er eine Zukunft zusagt, ist ein Handeln im Hier und Jetzt möglich. Baut Häuser, legt Gärten an, bekommt Kinder, sorgt dafür, dass das Leben weiter geht und macht es hier, in dieser Stadt, bringt euch hier mit euren Kompetenzen ein. Das Leben wird in der Krise gestaltet, nicht erst danach. Und Schritt für Schritt kann so neues Vertrauen wachsen. Und Schritt für Schritt wächst ein neues Gottesverständnis mit. Das ist die eigentliche Herausforderung: Wie ist Gott in dieser Krise neu zu verstehen? Hat er uns verlassen? Ist auch er durch einen Feind besiegt worden, also zu schwach zu helfen? Wer ist Gott, wenn das Leben jetzt so ist? Wie können wir das verstehen? Diese Fragen bewegen die Menschen im Exil und sie kommen zu gültigen Antworten: Gott ist Schöpfer und Herrscher der ganzen Welt und nicht nur eines Volkes. Wenn das Volk besiegt ist, ist es Gott noch lange nicht. Er hält das Leben und die Geschichte und die Zukunft in seiner Hand. Er ist der eigentlich Handelnde und wir können ihm vertrauen. Es gilt, das Leben in der Tiefe zu verstehen und theologisch zu durchdringen. Einfache Antworten greifen zu kurz und entpuppen sich als Lüge. Im Exil, in der Krise entsteht eine neue Weltsicht, ein neues, tieferes Gottesverständnis, eine neue Theologie. Das ist das, was uns angesichts der Herausforderungen unserer Zeit nur zu wünschen ist. Welche Theologie brauchen wir heute? Eine der schnellen Antworten oder eine, die uns trotz einer Lebenssituation, die von Ohnmacht und Hilflosigkeit bestimmt ist und Angst und Lähmung auslöst, zum Handeln in der Perspektive der Hoffnung auffordert?

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

September 2020

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.
(2. Korinther 5,19/Einheitsübersetzung)

Das Ja Gottes ist klar und eindeutig. Daran sollte eigentlich kein Zweifel bestehen. Doch auf einmal waren sich die Christen in Korinth nicht mehr so sicher. Was war geschehen? Paulus hatte angekündigt, auf seinem Weg nach Mazedonien kurz in Korinth vorbeizuschauen (2Kor 1,15f.). Für den Rückweg hatte er sich einen zweiten Besuch dort vorgenommen. Beide Aufenthalte sollten dazu dienen, der korinthischen Gemeinde die Gnade Gottes zu verkündigen. Zweimal Gnade, – doppelt hält bekanntlich besser. Doch dann hatte der Apostel erneut seine Reisepläne geändert. Das hatte in Korinth für Irritationen gesorgt und kritische Rückfragen ausgelöst: Gilt für den Apostel „zugleich Ja, Ja und Nein, Nein“ (2Kor 1,17)? Und das nicht nur für seine Reiseplanung, sondern womöglich auch für seine Verkündigung? Heute hü und morgen hott? Paulus versucht, die Kritik der Korinther an seiner Person ernst zu nehmen und vor allem der Verunsicherung ihres Glaubens mit einem deutlichen Ja zu begegnen (2Kor 1,19f.): „Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündet wurde – durch mich, Silvanus und Timotheus – , ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. Denn er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum ergeht auch durch ihn das Amen zu Gottes Lobpreis, vermittelt durch uns.“

Auf diese Weise und vor diesem Hintergrund betont Paulus das Ja Gottes. Dabei erinnert er nicht nur an Gottes zahlreiche Verheißungen (2Kor 1,20). Sondern er unterstreicht zugleich deren Zuspitzung „in Christus“. Ganz allein Gottes Handeln durch Christi Tod und Auferstehung hat die Versöhnung aufgerichtet. Das versöhnende Handeln kommt von Gott her und führt zu ihm hin. Es ist am Kreuz grundlegend geschehen und kommt zum Ziel, wo die Verkündigung des Evangeliums angenommen wird. Nicht wir Menschen müssen uns mit Gott versöhnen, sondern er hat uns in Christus in die Versöhnung hinein gezogen. Diese Botschaft lässt Gott durch Paulus und die Christen und Christinnen aller Zeiten an jene ausrichten, die davon noch nicht gehört oder ihr noch nicht zugestimmt haben (2Kor 5,20b): „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“
Fest steht: Gott ist nicht Ja und Nein zugleich, und wir müssen das auch nicht sein. Nicht in unseren alltäglichen Planungen und Beziehungen und schon gar nicht im Hinblick auf Gottes Liebesbeziehung zu uns. Zum großen, grundlegenden und umfassenden JA Gottes gehört unser kleines, vielleicht zweifelndes, tastendes, mutiges, wachstumsfähiges, die Versöhnung in Jesus Christus für uns wahr sein lassendes: ja.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

August 2020

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Ps 139,14 (L)

Wofür dankt der Psalmbeter hier eigentlich? Für bestimmte Vorzüge, die er vom Schöpfer mitbekommen hat? Etwa: „Ich danke dir, Gott, dass ich kräftig, willensstark, klug, schön oder hochbegabt bin?“ Ja, wenn man das ist, kann und soll man Gott gewiss dafür danken und es zum Wohle anderer einsetzen. Aber an solche Vorzüge seiner Person denkt der Psalmbeter hier gar nicht. Das deutsche Wort „wunderbar“ bedeutet ja nicht nur „herrlich“, „großartig“ oder „sehr schön“, sondern auch „erstaunlich“ und „wie ein Wunder erscheinend“, und eben diese zweite Bedeutung kommt dem Sinn der Psalmworte am nächsten. Im Deutschen gibt es zudem das Eigenschaftswort „wunderlich“, und auch dieses Wort würde hier passen – nicht im Sinne von „seltsam“ oder „schrullig“, sondern im Sinne von „zur Verwunderung Anlass geben“. Der Psalmbeter staunt also über die Weise, wie Gott ihn und jeden Menschen erschaffen hat: „Du hast mich in einer Weise gemacht, die Staunen erregt und so außergewöhnlich ist, dass man vor Ehrfurcht schaudert.“

Nun könnte jemand einwenden: Heute können wir so nicht mehr beten, denn heute wissen wir, wie ein Mensch im Mutterleib entsteht, und können es mit technischer Hilfe sogar sehen. Also kein Staunen, keine Ehrfurcht vor dem Leben mehr? Doch, auch heute noch! Denn immer noch ist es erstaunlich, wie zweckmäßig alle Vorgänge sind, die zur Entstehung und zur Geburt eines Menschen führen. Es drückt sich in ihnen ein überlegenes Wissen aus. Manche sprechen von einem Wunder der Natur, Christen sprechen vom Wunder Gottes. Darum können auch wir heute mit dem Psalmisten beten: „Du, Gott, hast mich gebildet im Mutterleibe“ (V. 13). Statt mit „gebildet“ kann man hier auch übersetzen „gewoben“ oder „bunt gestickt“. Der menschliche Leib ist also wie ein kunstvolles Geflecht, in dem eins ins andere greift. Und obwohl man heute anscheinend alles erklären kann, wirklich verstehen können wir es nicht.

Der gesamte Psalm 139 ist eine Anbetung Gottes, des allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Schöpfers. Wer also den Monatsspruch recht bedenken will, der erhebe die Gedanken von sich selber weg zu Gott dem Schöpfer. Er bedenke, dass der Monatsspruch ein Gebet zu Gott ist, und stimme in dieses Gebet ehrfürchtig mit ein.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2020

Der Engel des Herrn rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir! (1. Könige 19,7)

Elia war auf der Flucht, er hatte Angst um sein Leben. Nachdem er seinen Diener in Beersheba in Juda gelassen hatte, floh er allein in die Wüste. Die Wüste, der Ort der Einsamkeit, der Ort, wo Leben nicht wachsen kann. Im Weltbild des Alten Testaments einer der lebensbedrohenden, lebensfeindlichen Gebiete der Welt. In dieser Einsamkeit lässt sich Elia nieder und gibt auf – er gibt sein Leben auf und bittet Gott, es ihm zu nehmen. Doch Gott hat andere Pläne. Ein Engel des Herrn weckt Elia aus seinem Schlaf und fordert ihn auf: Steh auf und iss! Dort, mitten in der Wüste, bekommt Elia das, was er zum Leben braucht. Er findet einen Krug Wasser und geröstetes Brot neben sich liegen. Elia isst und legt sich wieder schlafen. Es ist eine tiefe Erschöpfung, die Angst, das auf der Flucht sein, die Last seines Gewissens und das Gefühl, nicht besser zu sein, als seine Väter – all diese Gedanken und Emotionen wirken sich bei Elia in einem resignierten, erschöpften Schlaf aus. Doch der Engel kommt zum zweiten Mal. Er weckt Elia erneut: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

In der Bibel ist die Wüste nicht immer als lebensbedrohlich dargestellt. Ganz im Gegenteil. Nicht selten ist es in der Stille, Leere und Einsamkeit, dass Menschen Begegnungen mit Gott haben, die ihrem Leben neue Hoffnung und Kraft geben. So auch bei Elia. Er hatte aufgegeben, doch Gott hatte ihn noch lange nicht aufgegeben. Der Weg in die Wüste war der Weg zu seiner weiteren Bestimmung. Es war in der Wüste, dass er neue Kraft zum Leben bekam, dass ihm eine Perspektive gezeigt wurde. Doch bis Elia in diese Bestimmung und Perspektive eintreten konnte, musste etwas anderes passieren: Er brauchte Zeit – Zeit zum Schlafen, Zeit in der Stille und Nahrung für seinen Körper. Gott bereitet Elia vor, indem er ihm menschliche Grundbedürfnisse zur Verfügung stellt. Nicht optional, denn Elia wird mehrmals von dem Engel darauf hingewiesen, Gebrauch von diesen Bedürfnissen zu machen. Er bekommt Schlaf, Nahrung und Wasser, er wird geweckt, wenn es Zeit zum essen ist, er wird geweckt, wenn es Zeit für den nächsten Schritt ist. Diese Ruhe in der Wüste, in der Elia aufgebaut wird, gibt ihm letztendlich Kraft, um vierzig Tage und vierzig Nächte, bis zum Berg Horeb, zu laufen. Diese Tage in der Ruhe und Stille waren wichtig und essentiell, um die nächsten Schritte zu tun.
Die Geschichte von Elia verdeutlicht, dass es unterschiedliche Phasen gibt, die alle ihre Berechtigung haben. Die letzten Wochen und Monate waren geprägt von sozialer Isolation, von Unsicherheiten und für viele sicherlich auch tiefer Einsamkeit. Vielleicht ist auch jetzt eine Wüstenzeit, in der wir in der Stille und Einsamkeit auf Gott warten können. Vielleicht ist es für einige von uns an der Zeit, nicht mehr auf der Flucht zu sein, sondern sich versorgen zu lassen – da und genau dann, wenn uns Unsicherheiten und Dürre umgeben. Vielleicht ist es Zeit, aufzuwachen, um zu essen und sich zu stärken. Und vielleicht ist es aber auch an der Zeit, aufzustehen und loszugehen. Die Wüste ist nicht der Ort, wo alles endet. Bei Elia ist sie der Ort, wo der Grundbaustein für Neues gelegt wird. Denn da, wo wir aufgeben wollen, da hat Gott einen anderen Plan.

Dana Sophie Weiner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Hochschule Elstal

Juni 2020

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1.Kön 8,39 (L))

Als König Salomo diesen Satz sprach – als Bestandteil eines umfangreichen Gebetes anlässlich der Einweihung des Jerusalemer Tempels –, konnte er trotz all seiner Weisheit nicht ahnen, in welch globaler Bedeutungsdimension sein Gebet eines Tages gesprochen werden würde. Dass Gott das Herz aller Menschen kennt, genauer: das Herz all jener „die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen“ (V. 38), bezieht Salomo auf Klagen über Unglücksfälle (Krankheiten, Hungersnöte oder Kriege), die zunächst sein Volk, also Israel, treffen könnten. Und weil Gott das Herz aller Menschen genau kenne, darum möge er auch rettend eingreifen, wenn jede und jeder sich aus ganzem Herzen an ihn wende, wie groß auch immer die Not sei. Doch auch Nichtisraeliten schließt Salomo in sein Gebet ausdrücklich ein (V. 41). Damit teilt er eine den gesamten Alten Orient verbindende Gewissheit, der zufolge die Götter sich erbarmen, wenn das Schicksal die Menschen unversehens trifft. Wie umfassend dieses quasi ökumenische Gebet dreitausend Jahre später klingen würde, konnte er zwar nicht wissen, doch er war damit seiner Zeit schon voraus. Manche moderne „Salomos“ warnten schon seit Längerem, dass ein kleines, unsichtbares „Gift“ (lat. virus) in der Lage sein würde, binnen kurzer Zeit Millionen Menschen um den gesamten Globus zu infizieren und die Weltwirtschaft an den Rand des Kollaps zu bringen – sie wurden meist überhört. Würde Salomo heute beten, dann darum, dass wir in massiven Krisenzeiten, die uns in vielen Bereichen zur sozialen Isolation zwingen, den anderen nicht aus den Augen verlieren – gerade weil wir nicht in ihn hineinschauen können. Der Blick zu Gott, der das Herz aller Menschen kennt, zeigt uns die Würde des/r Anderen und dass wir einander brauchen, um Mensch zu sein, auch wenn jeder Mensch ein Individuum ist. Möge uns das Gebet Salomos daher immer wieder in unserem Handeln leiten.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Mai 2020

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat. (1. Petr 4,10)

Was erwartet man von einem guten Verwalter? Zunächst einmal, dass er das, was ihm zur Verwaltung anvertraut wurde, gut bewahrt und für seinen ordnungsgemäßen Einsatz Sorge trägt. Aber darüber hinaus auch, dass das ihm übertragene Vermögen sich vermehrt und möglichst gute Ergebnisse hervorbringt. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes gebraucht dieses Bild aus dem antiken Wirtschaftsleben, um alle Mitglieder der christlichen Gemeinden anzusprechen. In seiner Gemeindeermahnung, die von V.7-11 reicht, fordert er die Christen auf, aus der Hoffnung des Glaubens heraus, ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass die Liebe deutlich wird, die die Gemeindemitglieder miteinander verbindet. Dazu gehört sowohl die Fürbitte füreinander (V.7) wie die liebevolle wechselseitige Vergebung der Sünden (V.8) und die Bereitschaft die bedürftigen Gemeindemitglieder zu versorgen, ohne dabei zu murren (V.9).

Und an diese Ermahnungen schließt sich der Monatsspruch an, der gleichsam eine allgemeine Regel für das Miteinander in der Gemeinde formuliert: Alle Gläubigen sollen die Gaben, die Gott ihnen gegeben hat, nicht für sich behalten, sondern sie so einsetzen, wie es ein guter Verwalter täte. Gott hat allen Gemeindemitgliedern unterschiedliche Gaben gegeben. Diese können sehr vielfältig sein, aber alle lassen sich zum Dienst für andere einsetzen. Wer über die Gabe des Betens verfügt, kann die anderen in seine Gebete einschließen. Wer die Gabe der Liebe hat, soll den anderen vergeben. Und wer über ein Haus oder die notwendige Finanzkraft verfügt, soll den Bedürftigen Gastfreundschaft erweisen. Und die Liste ließe sich mit weiteren Gaben verlängern.

Entscheidend ist die Haltung, aus der heraus die Gemeindemitglieder ihre Gaben einsetzen sollen. Weil sie unverdiente Gnadengaben Gottes sind, sollen sie so gebraucht werden, dass neue Gnade entsteht. Gnade lässt sich nicht dadurch vermehren, dass man sie knapphält, um ihren Preis hochzutreiben, sondern nur, indem man sie kostenlos weiterverschenkt. Weil Gott aus seiner Gnade den Menschen spezifische Gaben geschenkt hat, können und sollen diese die Gaben in das Gemeindeleben investieren. Nur im Dienst aller an allen kann die Vielfalt der Gnadengaben von allen erlebt werden. Nur wenn niemand seine Gaben für sich behält, erhalten alle an allen Gaben Anteil. Nur so wird dann auch die bunte Vielfalt der Gnade Gottes von allen erkannt werden.

Diese Ethik eines gnädigen, sich wechselseitig beschenkenden Miteinanders, die der 1. Petrusbrief hier seinen Leserinnen und Lesern vor Augen stellt, überfordert niemanden. Nur das soll geteilt werden, was zuvor verliehen wurde. Nur das, für das alle als Verwalterinnen und Verwalter der Gnade Gottes Verantwortung tragen, soll eingebracht werden. Und das ist auch möglich, denn jeder Dienst, der aus der Gnade Gottes heraus geschieht – das macht der abschließende Vers 11 deutlich – lebt letztlich von der Kraft, die Gott geschenkt hat und immer wieder neu dazu gibt.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
(Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal)

April 2020

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich (1. Korintherbrief 15,42)

Wer sich nicht vorstellen kann, wie eine Auferstehung der Toten aussehen soll, der kann sich vielleicht mit der Erkenntnis trösten: Bereits in den ersten Christengemeinden gab es Menschen, denen es ähnlich ging. Die Apostel hatten verkündigt: Am Ende der Weltgeschichte werden die Toten auferstehen, und zwar nicht, um irgendwann einmal wieder zu sterben, auch nicht, um als bloße Geister weiterzuexistieren, sondern um in einem neuen Leib ewig zu leben. Diese Erwartung hatten Jesus und seine Apostel vom Judentum ihrer Zeit übernommen. Für nicht-jüdische Christen aber war das schwer zu verstehen. Sollen wir im kommenden Reich Gottes etwa wieder dieselben Leiber tragen wie jetzt – aus Fleisch und Blut? Dann könnten wir in der kommenden Welt allerdings nicht ewig leben, denn Körper aus Fleisch und Blut sind notwendigerweise sterblich.

Der Apostel Paulus antwortet auf diese Frage mit einem Hinweis auf die Natur. Dort gibt es Gestaltwandel: Ein Weizenkorn verändert, nachdem es ausgesät wurde, in der Erde seine Gestalt: Aus einem Korn wird ein Halm mit einer Frucht. So ähnlich können wir uns auch die Auferstehung vorstellen. Unsere jetzigen Leiber sind verweslich. „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“, hatte Gott zu Adam gesagt (1. Mose 3,19). Bei der Auferweckung aus dem Tode bekommen wir aber einen Leib anderer Art, nämlich einen überirdischen, vom Geist Gottes durchdrungenen Leib. Dieser Leib ist nicht mehr armselig, sondern herrlich, nicht mehr schwach, sondern stark, nicht mehr verweslich, sondern unverweslich. In diesem irdischen Leben haben wir alle einen sterblichen Leib wie Adam ihn hatte. Im kommenden Gottesreich dagegen werden wir einen unsterblichen Leib erhalten wie ihn der auferstandene Christus hatte.

Dann wird der Tod endgültig besiegt sein.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

März 2020

Jesus Christus spricht: Wachet! (Markus 13,37)

Wer glaubt, muss wach sein. Natürlich können auch glaubende Menschen nicht ohne Schlaf auskommen. Das sollen sie auch nicht. Guter Schlaf ist etwas Wunderbares. Und schöne Träume erhellen nicht nur die Nacht, sondern leuchten zuweilen sogar in den Tag. Aber das Kennzeichen von Christen ist nicht der Schlaf, sondern das Wachsein. Denn nur wer wach ist, ist bereit für Begegnungen. Wer schläft, bleibt immer bei sich. Das Wesen des Glaubens jedoch ist es, sich aus sich selbst herausrufen zu lassen. Um nicht mehr unentwegt um sich selbst zu kreisen, sondern dem auferstandenen Christus zu begegnen. Unter den vielen Stimmen, die uns täglich umgeben und uns müde machen, hört der Glaube seine Stimme. Die fordert unsere Aufmerksamkeit nicht lautstark, sondern erbittet sie behutsam. Um sie zu hören, müssen wir daher hellwach sein. Ein Leben lang. In dieser Wachheit erwartet unser Glaube dann auch zugleich die unmittelbare und universale Begegnung mit Jesus Christus am Ende aller Tage und Nächte. Denn, so hat es ein lateinamerikanischer Dichter einmal einprägsam formuliert: „Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt. Aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik“ – wenn wir wach sind. Der Glaube will aber auch darum wacher Glaube sein, um mit seinen Mitmenschen eine gemeinsame Welt zu haben. Die Schläfer haben immer nur ihre eigene Welt. Da kommt es zu keinen Begegnungen. Einander begegnen – wirklich begegnen – können wir nur als wache Menschen. Nur dann nämlich sind die Augen geöffnet und wir können uns sehen: in unserer Freude und in unserem Kummer, in der zum Himmel schreienden und in der oft genug auch verborgenen Not. Die vor uns liegende Passionszeit kann man als eine besondere Zeit zur Wachsamkeit begreifen und gestalten. Wer mit Christus den Weg zum Kreuz mitgeht, muss schließlich geistlich und geistig hellwach sein. Und damit wir dabei nicht allein auf uns gestellt sind, haben wir viele andere Christinnen und Christen an unserer Seite. Die rufen uns, wenn es nötig ist, das Wort unseres Herrn ins schläfrig verschlossene Ohr: Wach auf!

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

Februar 2020

Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. (1.Kor 7,23)

Paulus setzt mitten in der Lebenswelt seiner korinthischen Leser und Leserinnen ein. Er zeigt ihnen Lebensperspektiven von höchster Relevanz auf: Sie sind jetzt nicht mehr Knechte von Menschen, sondern Diener Christi. Wo moderne Übersetzungen meist von „Knechten“ sprechen, da geht es in der Antike eigentlich um „Sklaven“. Von ihnen gab es auch in der korinthischen Gemeinde etliche. Wenn nun jene Sklaven das Wort für „Herr“ hörten oder lasen, dann dachten sie wohl nicht zuerst daran, mit erhobenen Händen Christus als ihren Herrn zu preisen. Viel eher bedrückte sie der Gedanke an ihren allzu irdischen Besitzer. Für jene „Herren“ waren Sklaven nicht ein menschliches Gegenüber, sondern ein „Objekt“, ein „Besitz“, über den man mit mehr oder eher weniger Wertschätzung verfügen konnte. Warum wurden Menschen zu Sklaven? Einige verkauften sich selbst in die Sklaverei, um damit Schulden abzuzahlen. Andere wurden von einer Mutter geboren, die bereits Sklavin war und ihnen den Status gleichsam vererbte. Gelegentlich liest man auch von Sklavenhändlern (vgl. 1.Tim 1,10), die Kinder oder Erwachsene entführten und verkauften. Auch Kriegsgefangene wurden zu Sklaven gemacht. Zwar berichten antike Quellen auch von Sklaven, die im Haushalt oder als Landarbeiter, Finanzverwalter, Lehrer ebenso wie als Sekretäre durchaus verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgingen. Solchen mochte es durchaus besser gehen als „freien“ Tagelöhnern. Andere dagegen mussten in Bergwerken gesundheitsschädliche Arbeit verrichten, wurden sexuell ausgebeutet oder fanden als blutiges Vorprogramm in der Arena ein tödliches Ende. Manche hatten die Aussicht auf Freilassung, andere wurden nach vielen Jahren „als altes Gerümpel ausrangiert“, wie der griechische Schriftsteller Plutarch (geb. um 45 n.Chr.) formuliert. Ob es einem Sklaven oder einer Sklavin gut oder schlecht erging, hing zentral von ihrem Herrn ab. Genau hier setzt die Argumentation des Paulus an. Im Hintergrund steht die Frage: Wer ist der Herr der korinthischen Christen und Christinnen, seien sie nun Sklaven, Freigelassene oder Freie? Ihr sozialer Status war durchaus unterschiedlich. Aber für alle gilt, egal ob Sklaven oder Freie: Sie sind allesamt „einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Für diese Befreiung hat Christus sich selbst in die Rolle eines Sklaven begeben (Phil 2,7) und ist am Kreuz stellvertretend gestorben. Damit hat er den entscheidenden Herrschaftswechsel „teuer erkauft“. Juden und Griechen, Sklaven und Freie ebenso wie Männer und Frauen bekennen sich jetzt zuallererst zu Jesus Christus als ihrem Herrn, dem sie allein uneingeschränkt gehören. Damit ist der entscheidende Impuls gesetzt, der später zur Abschaffung von Sklaverei führte. Entsprechend gilt auch heute: Wo immer neu aufkommende Formen von Menschenhandel Gottes Geschöpfe entwürdigend degradieren, ist dem mutig entgegenzutreten! Jeder Mensch ist eingeladen, ein „Sklave Christi“ zu werden (1.Kor 7,22) und dadurch die Würde eines geliebten Gotteskindes zu erlangen. Der Gegensatz zu irdischer Sklaverei könnte dabei kaum größer sein. Denn bei Jesus Christus gilt, wie es in einem Lied heißt: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein.“ So können wir jetzt gemeinsam singen: „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“.

Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Januar 2020

Gott ist treu. (1. Kor 1,9)

Treue erwartet man von Ehepartnern und lobt sie an Hunden. Bei Menschen ist sie eine Tugend, bei Hunden beruht sie auf Dressur, die die natürlichen Instinkte des Tiers lenkt und formt. Es ist auch ein weises Wort, dass man sich selbst treu sein soll. Das kann in Konfliktsituationen bekanntlich sogar bedeuten, dass man anderen Menschen die Treue aufkündigen und seine eigenen Wege gehen muss. Wer allerdings nur noch sich selbst treu sein kann oder will, hat es aufgegeben, anderen Menschen zu vertrauen. Bei Treue geht es um Vertrauen zu einem Gegenüber, um Beziehung, die sich bewährt in einer gemeinsam erlebten Geschichte.
Dass Gott treu sei, klingt für manche Menschen vertraut und selbstverständlich, für andere dagegen sonderbar oder gar absurd. Zu der Zeit, als der Apostel Paulus seinen ersten Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb, hätten die meisten Leute auf der Straße mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihnen gesagt hätte, Gott sei treu. Nicht dass sie an der Existenz des Göttlichen oder von Göttern zweifelten, das taten damals nur wenige, aber sie verstanden darunter vor allem jene unberechenbaren Mächte, denen das menschliche Leben ausgeliefert ist: Naturgewalten, Gesundheit, Krankheit, Reichtum, Armut, Liebe, Tod wechseln ohne Mitleid und auf unbegreifliche Weise einander ab.

Als nah und schwer zu fassen, als unwiderstehlich mächtig, aber völlig willkürlich erlebten die Griechen das Göttliche. Die Ungebildeten und Abergläubischen versuchten die Götter durch Opfergaben zu besänftigen. Die aufgeklärten Philosophen lehrten, dass man nur sich selbst vertrauen dürfe. Man müsse sich innerlich  von allem frei machen, was Menschen oder übermenschliche Mächte einem an Gutem oder Bösem zufügen können. Nur sich selbst dürfe man treu sein, lehrten die Philosophen, nichts dürfe man fürchten und auf nichts hoffen, was nicht in der eigenen Macht stehe.

Das Leben des Apostels Paulus war nicht weniger als das Leben anderer Menschen ein wechselvolles Auf und Ab von frohen und schweren Zeiten, war Gefahren, Leid, Krankheit und Schmerzen ausgesetzt. Dass Gott treu ist, schrieb Paulus, weil er unter dem Wort „Gott“ nicht das unberechenbare, unausweichliche Schicksal verstand, sondern den Gott Israels, den Vater Jesu Christi.

Paulus begriff sein Leben als Teil der großen Geschichte der Treue, die einst mit Gottes Verheißungen an Abraham begann und die sich durch die ganze Geschichte des Volkes Israel zieht und zu der durch Jesus alle Menschen eingeladen sind. Wenn jemand der Botschaft der Bibel begegnet und sein Leben als Teil der großen Geschichte Gottes mit den Menschen zu sehen lernt, wenn diese Geschichte zum roten Faden im eigenen Leben wird, wenn jemand gemeinsam mit anderen Gläubigen unterwegs ist, dann wird zur lebendigen Erfahrung, was Paulus zu den Korinthern schrieb: „Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Amen.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

Jahreslosung 2020

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Mk 9,24)

Wie passen diese beiden Worte: Glaube und Unglaube in einen Satz? Ist das eine nicht das Gegenteil vom anderen? Geht beides gleichzeitig: glauben und nicht glauben?
Und darf das überhaupt sein?

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das ist hier das Gebet eines verzweifelten Vaters. Es ist sein Gebet um Hilfe für sein Kind in einer aussichtslosen Situation. Wie oft hatte er schon gebetet und gehofft? Wie oft hatte er Gott schon angefleht um Hilfe? Jedes Mal, wenn sein Sohn einen epileptischen Anfall erlitt, war es das Erste was er tat: beten. Umsonst. Jetzt hatte er die Jünger Jesu gebeten, ihm zu helfen. Doch sie konnten es nicht. Und darüber geraten sie auch noch mit den Schriftgelehrten in einen Streit. Verworrener und unangenehmer kann die Situation gar nicht mehr werden: Mit dem kranken Kind Mittelpunkt eines Streits zu sein. Jesus kommt dazu und fragt nach der Ursache des Streits. Der Vater löst sich aus der Menge und wendet sich an ihn, erzählt ihm von der Krankheit seines Sohnes. Jesus wird aufmerksam, fragt nach. Der Vater erzählt. Sein ganzes Leben lang leidet der Junge schon an den unkontrollierten Anfällen. Er fällt plötzlich hin, manchmal sogar ins Feuer oder ins Wasser. Die Angst um das Kind ist für den Vater eine ständige Begleiterin. „Wenn Du es kannst, erbarme Dich und hilf uns“, schließt der Vater seinen Bericht. Jesus antwortet: „Du sagst, wenn Du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Das sagt Jesus in gewisser Weise auch zu den Jüngern. Sie waren mit ihm unterwegs, kannten ihn, haben erlebt wie er sich Menschen zuwendet und sie gesund werden. Die Jünger haben von ihm gelernt und in seinem Namen auch schon geheilt. Und doch waren sie diesmal dazu nicht in der Lage. Ihnen fehlte der Glaube. Ungläubig werden sie von Jesus genannt.

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Das sagt Jesus auch dem Vater. Damit eröffnet er ihm neue Perspektiven. Nicht die Heilkunst der Jünger oder des Meisters sind ausschlaggebend für die Heilung. Der Glaube macht es möglich. Hoffnung kommt auf und zugleich nimmt der Vater deutlich eine Grenze wahr: Wenn der eigene Glaube es möglich machen soll – kann das gehen? Reicht der eigene Glaube denn? Der Vater weiß um seine menschlichen Grenzen, weiß um die Grenzen seines Glaubens. So oft hatte er ja schon erlebt, dass keine Hilfe möglich war, trotz seiner Hoffnung auf Heilung, trotz seines Glaubens. Er weiß um Beides: seinen Glauben und zugleich seinen Unglauben. Im Gegensatz zu den Jüngern, die die Heilung des Jungen versucht haben und doch gescheitert sind. Was unterscheidet den Unglauben der Jünger vom Unglauben des Vaters? Vielleicht nur, dass der Vater seinen Unglauben mit in sein Gebet einschließt.? „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das kann auch als ein „Bekenntnis“, dass die Heilung vom Gott ausgeht und nicht von Heilkunst oder von Qualität und Form des Gebets, verstanden werden. Der Vater hat die Erfahrung gemacht, dass nichts geholfen hat. Nach so einer Erfahrung ist ein Gebet wie dieses oft das einzig mögliche Gebet und eine sehr ehrliche Reaktion auf die Verheißung Jesu: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“.

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie