Vorwort Bund aktuell Nr. 11 | 6. November 2025
Lieber Leserin, lieber Leser,
die Tage werden kürzer, das Wetter trüber, Blätter fallen von den Bäumen und die Sonne zeigt sich seltener. Diese meteorologischen Veränderungen im Herbst können bei vielen Menschen eine gewisse Schwermut und Melancholie hervorrufen, den Novemberblues. Dazu noch Gedenktage wie der Volkstrauertag oder der Ewigkeitssonntag gepaart mit viel genereller Unsicherheit, Anspannung und auch Erschöpfung in unserer Gesellschaft. Das ist der Novemberblues. Viele Menschen fragen sich: Wie soll das alles weitergehen? Wie wird es werden? In der Ukraine, in Gaza, im Sudan? Vom 10. bis 21. November findet in Brasilien die 30. Weltklimakonferenz statt. Wie wird es werden? Werden wir Menschen kluge Entscheidungen für das Klima treffen und dabei die Auswirkungen auf unsere Mitmenschen, unsere Kinder und Kindeskinder im Blick haben? Wir sollten diesbezüglich um Weisheit für die Delegierten beten! Wie wird es werden in der Politik, in der Wirtschaft, im gesellschaftlichen Miteinander? In meiner Gemeinde? In unserem Bund von Gemeinden? Wird unser Strukturprozess UB25 Früchte tragen?
Ob es „nur“ der Novemberblues ist oder Verzweiflung sich breitmacht: In einer solchen Zeit tut es gut, auf das Wort Gottes zu hören. Das ist natürlich immer gut, aber eben gerade auch, wenn die Stimmung sich eintrübt. Seit letztem Sonntag begleitet mich der Wochenspruch aus den Herrnhuter Losungen (Micha 6,8 nach Luther 1984): „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Der Prophet Micha spricht mit diesen Worten circa 700 Jahre, bevor Jesus Christus auf dieser Erde lebte, das damalige Volk Israel an. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ Was für eine klare, einfache und zugleich herausfordernde Botschaft! Hat sie Kraft gegen den Novemberblues?
Michas Anklagen richten sich gegen soziale Ungerechtigkeit und die religiöse Verderbtheit seiner Zeit. Er beklagt insbesondere die gesellschaftlich schlechte Stellung der Kleinbauern und Bürger. Sie wurden durch den Staat und seinen bürokratischen Apparat unterdrückt, um dessen Unterhalt zu sichern. Und Micha erinnert in seinen Tagen daran, was angesichts solch einer Stimmung im Volk dran ist. Und was wir Menschen im Grunde genommen auch wissen, dass es gut ist und die Lebensstimmung aufhellen kann: nämlich Recht tun, Güte lieben und demütig wandeln mit deinem Gott.
Gott ruft uns auf, aktiv zu werden, uns nicht zurückzuziehen, aufs Sofa, vor den Kaminofen, wo es so schön heimelig ist, uns nicht in unsere frommen Nischen zu flüchten. Das machen viele in dieser dunklen Jahreszeit, und wir dürfen uns auch ausruhen, sollten da aber nicht stehenbleiben. Denn Gott ruft uns, seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, seine Gemeinde, dazu auf, Recht zu tun, also aktiv Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet, Ungerechtigkeit nicht zu übersehen, sondern hinzuschauen: auf Armut, auf soziale Ungleichheit, auf Menschen, die keine Stimme haben. Als Gemeinden sind wir an vielen Orten engagiert – in Diakonie, Nachbarschaftshilfe, Flüchtlingsarbeit, in der Arbeit mit Senioren, Kindern und Jugendlichen. Das ist nicht Nebensache, sondern Ausdruck unseres Glaubens. Gerechtigkeit ist ein geistlicher Auftrag. Auch deshalb machen Gebete für die anstehende Weltklimakonferenz sehr viel Sinn! Vielleicht würde Micha dazu aufrufen, wenn er heute leben würde?!
Der zweite Ruf lautet: „Liebe üben.“ Nicht bloß freundlich sein, sondern eine Haltung der Liebe einüben – auch dort, wo es uns schwerfällt. Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen voneinander entfremden. Die gesellschaftlichen Debatten sind oft hart, verletzend, polarisierend. Als Gemeinde Jesu sind wir berufen, anders zu leben. Die Liebe, die Gott durch Jesus Christus gezeigt hat, soll unser Handeln prägen. Wir wollen Brücken bauen, Versöhnung suchen, zuhören statt verurteilen. Ich bin fest davon überzeugt: Die glaubwürdigste Botschaft, die wir in diesen Tagen haben, ist nicht ein perfektes theologisches Argument, sondern eine gelebte Liebe, die sichtbar wird – in unseren Gemeinden, Familien und im Umgang miteinander.
Und dann heißt es: „demütig sein vor deinem Gott.“ Demut ist nicht Schwäche, sondern Stärke aus Vertrauen. Wir wissen: Wir haben nicht alle Antworten. Wir sind Teil eines größeren Ganzen. Und wir dürfen unseren Weg gehen – Schritt für Schritt – in dem Bewusstsein, dass Gott uns führt. Als Bund von Gemeinden sind wir vielfältig. Wir denken unterschiedlich, wir beten unterschiedlich, wir leben unseren Glauben in verschiedenen Kontexten. Aber genau darin liegt die Schönheit: Wir sind vereint in der Nachfolge Jesu – demütig, dankbar, lernbereit.
Ich wünsche mir, dass dieses Bibelwort einen anderen Ton in unseren Novemberblues bringt. Hoffnungsvoller. Da geht was. Etwas, das uns als ganzen Bund prägt – in unserem Denken, Reden und Handeln. Dass wir als Christen nicht zuerst laut oder mächtig sein wollen, sondern gerecht, liebevoll und demütig. Dass wir nicht Angst und Perspektivlosigkeit verbreiten, sondern Hoffnung und Nähe und Menschenfreundlichkeit. Und dass wir durch unser Leben zeigen: Glaube verändert. Glaube trägt. Glaube dient.
Beten wir, dass unsere Gemeinden Orte sind, an denen Menschen mitten in ihrem Novemberblues und auch in tiefer Verzweiflung erfahren, wie Gottes Liebe praktisch wird – mitten im Alltag, mitten in einer Welt, die nach Orientierung sucht.
Gott segne Euch, Eure Gemeinden und Euren Dienst. Bleibt mutig, bleibt liebevoll, bleibt nahe an Gottes Herz.
Übrigens: Wisst Ihr, was der größte Fehler beim Novemberblues ist? Sich zurückzuziehen und die Aktivitäten einzustellen. Jede Aktivität hebt die Stimmung, weil sich dadurch mehr Glückshormone bilden. Deshalb: Recht tun, Güte lieben und demütig wandeln mit deinem Gott – das ist eine gute Strategie gegen den Novemberblues!
Gott segne Euch!
Christoph Stiba
Generalsekretär