Bund aktuell Nr. 11 | 5. November 2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
„wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor“ – diesen alten Satz höre in den letzten Jahren immer mal wieder, wenn es in der öffentlichen Debatte um die großen Themen von Krieg und Frieden geht. Die Logik dieses Satzes geht davon aus, dass Abschreckung hilft, Krieg zu verhindern. Wer gut vorbereitet ist auf eine mögliche Auseinandersetzung, wer sich wehrhaft und stark zeigt, den greift man womöglich nicht so schnell an, den lässt man lieber in Ruhe und in Frieden. Und es steckt leider Wahrheit in diesem Satz. Denn: Wir leben eben nicht im Garten Eden, sondern unter den Bedingungen einer gefallenen Schöpfung und als gefallene Geschöpfe – und unter diesen Bedingungen ist Abschreckung wohl ein Mittel, um Auseinandersetzung und Krieg zu vermeiden. Jetzt ist das wohl noch so.
Doch der Monatsspruch für November macht ein Fenster auf in eine Zeit, in der es anders zugeht. Jesaja 2 eröffnet einen Blick in die „letzte Zeit“, so heißt es in Vers 2, in der diese Welt von einer Wirklichkeit durchdrungen ist, die Frieden schafft, ohne mit Abschreckung arbeiten zu müssen. Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Jesaja 2,3-4
Es ist Gott selbst, der von Zion aus regiert und die Völker dieser Welt in einer Weise an sich heranzieht, dass sie vor lauter Angezogen-Sein durch Gott den Krieg und die Auseinandersetzung untereinander verlernen. Plötzlich, so zeigt es uns Jesaja, ist da eine Bewegung der Völker dieser Welt zu Jahwe hin, eine Bewegung, in der Recht geschaffen und gesprochen wird; in der Zurechtweisung und Unterweisung geschehen; in der Feindschaft und Aufruhr zwischen den Völkern gelöst und überwunden werden. Gemeinsam ziehen Völker, in all ihrer Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit, zu dem einen Gott, um seine Meinung, seinen Richtspruch, sein Wort, seine Unterweisung, seine Lebensschule zu hören und zu leben. Und während sie mit Schwertern und Spießen und Argwohn und gegenseitiger Abschreckung gekommen sind, gehen sie erfüllt und gelöst und verändert mit Pflugscharen und Sicheln – um die reiche Ernte eines Lebens in Frieden und Gemeinschaft zu genießen und einzufahren.
Was ist passiert? Menschen, in all ihrer Verschiedenheit, Völker in all ihrer Unterschiedlichkeit, haben ihre Einheit und ihre Erlösung und ihre Erfüllung in dem einen und einzigen Gott, dem Gott Israels gefunden. Sie stehen nicht mehr starr, wie angewurzelt, einander gegenüber in Argwohn, in gegenseitiger Abschreckung, bewaffnet mit Schwertern und Lanzen, gefangen im Blick auf die Unterschiedlichkeit und das Anders-Sein der anderen, unterjocht unter die Logik des Krieges und der Abschreckung, versklavt an das Muster von Gewalt und Gegengewalt, gebunden an Ehre und Gesichtswahrung – jetzt ist Bewegung in ihr Leben gekommen, in das Leben der Völker und Menschen. Während sie vorher das Schwert gegeneinander erhoben haben, in Auseinandersetzung einander gegenüberstanden, an den Grenzmauern und Grenzverläufen dieser Welt, machen sie sich jetzt, in Jesaja 2, plötzlich gemeinsam auf den Weg. Und wer nicht mehr statisch einander gegenübersteht, sondern sich gemeinsam auf den Weg macht, hin zu dem einen Ziel, der rückt auf diesem Weg unausweichlich ein Stück näher aneinander ran.
Und auch, wenn die letzte Zeit noch nicht da ist; der Gott dieser letzten Zeit sitzt heute schon auf seinem Thron, und er regiert. Und er ruft uns zu sich. Auch heute schon. Jetzt regiert er verborgen, dann regiert er offenbar. Und die Strahlen dieser letzten Zeit, dieser Wirklichkeit fallen heute schon in unsere Zeit. Die Staatslenkerinnen und Staatslenker werden bis zum Eintreten der Vision von Jesaja 2 weiter auch auf Abschreckung bauen müssen. Aber ich frage mich, ob wir ganz persönlich und wir als Gemeinden es wagen wollen, schon heute gemeinsam aufzubrechen, uns gemeinsam auf den Weg zu machen, in all unserer Unterschiedlichkeit und Verschiedenheit. Ja, es fühlt sich sicherer an, hinter unseren Grenzen zu bleiben, die Schwerter und Lanzen des Streits und der Auseinandersetzung in den Händen zu halten – im übertragenen Sinne; und dann schauen wir auf die Unterschiede und das, was uns trennt und aneinander ärgert. Wollen wir es wagen, uns daraus zu lösen und gemeinsam den Blick auf den einen lebendigen Gott zu richten und in seine Richtung gehen? Wir können ja auf dem Weg weiter streiten. Vielleicht hat er ein veränderndes Wort für uns, einen Richtspruch, eine erlösende Unterweisung. Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen.
Dr. Maximilian Zimmermann
Generalsekretär