Vorwort Bund aktuell Nr. 10 | 2. Oktober 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gäbe so viel zu sagen …

Die Welt ist in Bewegung – und oft fühlt es sich an, als würde sie aus den Fugen geraten. Kriege erschüttern Länder und Leben. Menschenrechte werden missachtet. Not, Ungerechtigkeit und politische Gewalt prägen die Schlagzeilen. Migration, Sicherheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt werden hitzig diskutiert. Narrative bestimmen zunehmend, was als „Wahrheit“ gilt. Es gibt so vieles, was uns Sorge bereitet: Die Ressourcen unserer Erde sind bedroht, die Wirtschaft schwächelt, Preise steigen, Renten reichen nicht aus. Antisemitismus und Diskriminierung nehmen zu, der Ton im Netz und auf der Straße wird rauer. Frieden scheint fragiler denn je – von innen wie von außen bedroht.

Es gäbe viel dazu zu sagen – und es muss dafür auch Raum sein. Es braucht Orte, an denen wir ehrlich miteinander sprechen, gemeinsam um Lösungen ringen und Haltungen entwickeln können, die eine gute Zukunft ermöglichen. 

Es gäbe so viel zu sagen, und wir können uns gerade kaum retten vor Meinungen zu jedem Thema. Ich glaube aber, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt. Mitten hinein in unsere Realität eröffnet Jesus uns eine andere Perspektive auf die Welt: „Seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17,21). Dieser Satz stammt nicht aus einer heilen Welt. In Jesu Leben selbst zeigte sich, wie brutale Gewalt politische Ziele durchsetzte, wie damals Menschen systematisch ausgegrenzt wurden, wie Angst instrumentalisiert wurde, um Macht zu sichern. Die Zeit war damals eine andere, aber die Themen erschreckend ähnlich. Darum gilt sein Wort damals wie heute: Seht hin! Das Reich Gottes ist schon da. Mitten in dieser zerbrechlichen Welt. Oft unscheinbar, nicht leicht zu identifizieren – und doch erfahrbar. Das Reich Gottes ist da, wo Menschen Heilung und Würde finden. Wo Hunger gestillt, Barmherzigkeit gelebt, Menschen innerlich aufgerichtet und heil werden. Wo Versöhnung geschieht, Tischgemeinschaft geteilt wird – unabhängig von Status und Herkunft.

Was nach einer Utopie klingt, beschreibt Jesus als Realität, die schon begonnen hat. Das Reich Gottes ist schon da. Es zeigt sich gerade angesichts der Themen, die uns bewegen. Das Reich Gottes hat nicht die heile Welt im Blick, sondern geht mitten hinein in die Dunkelheit, den Zerbruch und die Verunsicherung. Es ist mitten unter Euch, mitten unter uns – und in dem, was unsere Herzen bewegt. Es zeigt sich, wenn einem Menschen Gerechtigkeit widerfährt, wenn Würde wiederhergestellt wird. Wenn Menschen mitten im Krieg inneren Frieden und Bewahrung erleben. Es leuchtet auf, wenn wir zwischen den Schlagzeilen auch die Hoffnungsgeschichten wahrnehmen. Und es wird ganz praktisch, wenn wir erkennen: „Mitten unter euch“ heißt auch „mit euch“ und „durch euch“. Wir sind eingeladen, hinzusehen – und dann auch Gottes Reich erfahrbar zu machen: durch Barmherzigkeit, Liebe, durch Eintreten für Gerechtigkeit. 

Wenn wir Nachfolge leben, sind wir berufen, Mitgestalterinnen und Mitgestalter des Reiches Gottes zu sein. Wir sind Teil der Mission Gottes. Mich motiviert dieser Gedanke – und ich finde darin auch Trost. Denn im Kern vertraue ich: Gott hält diese Welt in seiner Hand. Er regiert – anders, als es die politischen Machthaber tun. Karl Barth sagte 1968 zu seinem Freund Eduard Thurneysen: „Ja, die Welt ist dunkel. … Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern … hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her!“ Diese Botschaft vom Reich Gottes möchte ich, bei allem, was passiert, nicht aus dem Blick verlieren.

Diese Woche begehen wir gleich zwei Feiertage, die für mich auch etwas mit dem Reich Gottes zu tun haben: Erntedank und den Tag der Deutschen Einheit. Erntedank lenkt unseren Blick auf das, was Gott schenkt: auf Früchte, die wir im Leben ernten dürfen, auf die Versorgung, die wir erfahren, auf die Schönheit des Lebens, die wir genießen dürfen. Nichts ist selbstverständlich. Das meiste im Leben ist uns geschenkt. Und so ist es gut, wenn wir mit Dankbarkeit auf unser Leben und auch auf die Welt schauen. Wir haben viel, für das wir dankbar sein können. Manchmal brauchen wir da den Aufruf: Seht hin! Der Tag der Deutschen Einheit erinnert mich immer daran, dass Einheit auch nicht selbstverständlich ist, sondern gesucht und gepflegt werden muss. Auch sie kann beschädigt werden. Einheit in Vielfalt ist ein Kennzeichen des Reiches Gottes: In Christus sind wir eins – trotz unterschiedlicher Biografien, Kulturen, sozialer Herkunft oder auch Werte. Und so wünsche ich mir, dass wir stärken, was uns eint, und hinterfragen, was uns zu trennen droht.

So sind Dankbarkeit und Einheit Zeichen des Reiches Gottes mitten in dieser Welt. Beides will uns ermutigen, genauer hinzusehen: Wo Gott schon wirkt. Wo Hoffnung wächst. Wo wir selbst Teil seines Reiches sein dürfen.

Ich wünsche Euch viel Segen – persönlich und in unseren Gemeinden.
Und vergesst nicht: Das Reich Gottes ist mitten unter Euch.

Natalie Georgi
Präsidentin