Bund aktuell Nr. 10 | 1. Oktober 2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
Am kommenden Wochenende liegen zwei besondere Tage dicht beieinander: der Tag der Deutschen Einheit und das Erntedankfest. Über dem Erntedanksonntag steht ein Wort aus Psalm 145: „Aller Augen warten auf dich, denn du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit“.
Beide Tage stellen mir eine Frage: Wohin schaue ich? Schaue ich auf das, was fehlt? Auf das, was Angst macht? Oder auf das, was gelungen sein könnte, das Gute, das Gott schenkt und möglich macht? Erntedank erinnert mich daran: Es gibt Grund zum Danken. Für Bewahrung. Für Menschen an meiner Seite. Für Aufgaben, die gelungen sind. Für Leben, das mir anvertraut ist.
Und zugleich merke ich: Der Blick auf unser Land - am Tag der Deutschen Einheit - fällt mir nicht leicht. Ich bin dankbar für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die Ereignisse von 1989 und die Werte, für die unser Grundgesetz steht. Und zugleich frage ich mich, welche Überschrift zum Tag der Deutschen Einheit 2026 passt. Ich sehe doch, wie viel Un-Einheit da ist. Wie viel Härte. Wie viel Misstrauen. Was ich in unserem Land wahrnehme, macht mir Sorgen.
Nun, Karl Barth hat einmal sinngemäß gefragt: Wie kann ein Mensch sich denn nicht sorgen? Sorgen sind nicht einfach falsch. Sie zeigen mir, dass mir etwas nicht egal ist. Wer sich sorgt, nimmt die Wirklichkeit ernst, sieht Gefährdungen und übernimmt innerlich Verantwortung. Aber Sorgen können den Blick eng machen. Sie nehmen Kraft. Sie nehmen Mut. Sie nehmen manchmal sogar den Schlaf.
Jesus lädt dazu ein den Blick, den Horizont zu weiten. In der Bergpredigt sagt er (Matthäus 6,33): „Macht das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen, lebt in Gottes Gerechtigkeit, und er wird euch all das geben, was ihr braucht.“
Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, geht es um mehr als um ein frommes Wort. Es geht um eine Wirklichkeit, die schon jetzt - durch und mit ihm - da ist: in der Menschen Gutes erfahren, in der Frieden wächst, wo Leben heil wird. Darum ermutigt Jesus uns im Vaterunser – gewissermaßen als Dauerauftrag - zu der konkreten Bitte: „Dein Reich komme.“
So kann ich den Grundgedanken des Erntedankfestes mit dem Tag der Deutschen Einheit gut verbinden: Ich kann auf das Gute in meinem und in unserem Land achten, es suchen, es stärken, dort wo ich lebe: Zuhause, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Gesellschaft.
Das heißt nicht: ‚Augen zu‘ vor den Problemen, sondern dem widerstehen zu lernen, was dem Reich Gottes - von dem Jesus redet - widerspricht. Und es heißt: nicht nur über Probleme reden, sondern nach Wegen suchen. Nach dem, was Frieden stärkt. Nach dem, was Menschen verbindet. Nicht ohne oder gegen andere, sondern gemeinsam mit anderen. Unabhängig von seiner oder ihrer religiösen oder politischen Einstellung, Perspektiven für- und miteinander zu finden. Auch wenn es nicht einfach sein mag, viel Kraft und Zeit braucht.
Und es beginnt damit: aufmerksam zu sein. Anderen würdevoll und mit Respekt zu begegnen. Ausgrenzung und Menschenverachtung zu widersprechen. Auf ein wahrhaftiges und faires Miteinander achten und dabei selbst als Vorbild voranzugehen. Durchaus selbstkritisch, aber immer konstruktiv. Einen Lebensstil zu führen „zur Ehre Gottes und zum Wohle der Menschen“, wie es einer der baptistischen Gründervater, Johann Gerhard Oncken auf den Punkt gebracht hat.
Zwei Feiertage liegen dicht beieinander. Das Erntedankfest und der Tag der Deutschen Einheit. Das mag in diesen Tagen herausfordern. Aber es ist auch eine Ermutigung: Dankbarkeit macht wach für das Gute. Und der Glaube an Jesus Christus und die Botschaft vom Reich Gottes machen Mut, dieses Gute nicht nur zu sehen, sondern ihm bewusst und entschieden Raum zu geben - in mir, in unserer Gesellschaft und in unserem Land.
Pastor i.R. Volker Bohle (Mitglied des Präsidiums)