Vorwort Bund aktuell Nr. 9 | 4. September 2025

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht habt Ihr auch noch den Duft des Meeres und der Sonnencreme in der Nase. Oder die klare Bergluft. Oder die Idylle der endlosen Natur und Stille in Skandinavien und die ausgelassene Stimmung in der Familie. Vielleicht habt Ihr die letzten Tage auch in vollen Zügen oder im Stau auf der Autobahn verbracht. Auf jeden Fall: Die letzten Urlaubstage und die Ferienzeit neigen sich dem Ende zu und der Alltag kehrt nun unaufhaltsam zurück. Ich wünsche allen, dass es gelingt, ein wenig von der „schönsten Zeit des Jahres“ in den Alltag hinüberzuretten: in Schule, Arbeit, Gemeindeveranstaltungen und sonstige Verantwortungsbereiche.

„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“, lautet der Monatsspruch aus Psalm 46,2. Und dann geht es in medias res: „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben.“

Das ist das konstante Versprechen, egal, ob Urlaub oder Arbeit. Egal, ob Sommer oder Winter, Sonne oder Regen, gesund oder krank, easy going oder von herausfordernden Problemen belastet. Wer trägt uns durch die kommenden Wochen, wer hält uns fest, wenn Stürme drohen und die Alltagswelt wieder über uns hereinbricht? Gott ist da! Er ist unsere Zuversicht und Stärke.

Es ist ja wahr, dass das Leben nicht eine fortwährende Urlaubszeit, sondern unser Alltag manchmal sehr herausfordernd ist, von Problemen förmlich überlagert. Nicht nur privat, familiär oder auf der Arbeit, sondern auch gesellschaftlich, weltpolitisch und nicht zuletzt auch in unserem Bund von Gemeinden. „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.“ Große Nöte gibt es, damals und heute, und manchmal treffen sie eben auch uns, unsere Gemeinden, unser eigenes Leben. Und dann wäre es doch gut, wenn wir es so sagen könnten: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke! Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge…“

Nun, den Weltuntergang will ich nicht gleich an die Wand malen, auch wenn Gott diese Welt eines Tages vollenden und es laut der Schrift einen neuen Himmel und eine neue Erde geben wird. Aber es geht ja auch ein bisschen kleiner, und dennoch sind manche Herausforderungen bedrängend. Die strukturellen Veränderungen in unserem Bund zum Beispiel. Sie verlangen nach der Entscheidung im Mai im Bundesrat nun viel Nachdenken, Umdenken und Neudenken. Wir müssen Wege finden, wie die neuen Strukturen ins Leben kommen, wie Menschen – Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – dabei fair und wertschätzend behandelt werden, auch wenn das Ende einer Beschäftigung manchmal unausweichlich ist. Wir wollen achtsam sein, dass wir das Alte nicht geringschätzen und das Neue überschätzen. Und zugleich wollen wir entschlossen sein, dem Neuen ins Leben zu verhelfen und nicht auf halber Strecke stehen zu bleiben. Dies alles erfordert eine gemeinsame Kraftanstrengung, einen gemeinsamen Willen, unser gemeinsames Gebet und unser gemeinsames Vertrauen darauf, dass Gottes Geist uns Zuversicht und Stärke gibt. Darum fürchten wir uns nicht, sondern packen die Veränderungen gemeinsam und entschlossen an…

In diesem Jahr erinnern wir uns mit vielen Christinnen und Christen in der Ökumene auch an „500 Jahre Täuferbewegung“. Die frühen Täufer wollten als mündige Menschen gemeinsam ein an biblischen Maßstäben ausgerichtetes Leben führen. Aus dem Studium der Bibel gewannen sie die Erkenntnis, dass die Taufe dem persönlich bezeugten Glauben eines Menschen folgt. Sie lehrten, dass der Glaube ein freies Geschenk Gottes ist, das kein Mensch erzwingen kann. Ihr Ideal war die Glaubens- und Religionsfreiheit, die sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen Menschen forderten, sowie ihr Einsatz für die konsequente Trennung von Kirche und Staat und für Frieden und Gewaltlosigkeit. Sie erlitten aufgrund ihrer Überzeugungen „große Nöte“, um es mit dem Psalm zu sagen, Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung bis hin zu Hinrichtung und Folter. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren täuferische Kirchen und ihre Mitglieder mit Diffamierungen und Repressionen konfrontiert. Aber auch sie haben daran festgehalten: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke! Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge…“ Darin sind sie uns ein bleibendes Vorbild, was wir auch am 21. September in Hamburg in einem Gottesdienst und einem Festakt mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier feiern werden.

Die Zuversicht, die wir in Psalm 46 verankert finden, ist keine flüchtige Empfindung einiger weniger Söhne Korachs, sondern eine Grundhaltung der Christen aller Generationen und Denominationen. Die Täufer sind da nur ein Beispiel. Und ich bin überzeugt, in unseren Debatten und bei allen Sorgen und Befürchtungen in dieser Gesellschaft braucht es nach wie vor diese christliche Stimme: Wir brauchen nicht eine Stärke „Kraft eigener Wassersuppe“, sondern eine Quelle, die bleibt, wenn alles andere schwankt. Wir brauchen die Erinnerung daran und Menschen, die entschlossen daran festhalten: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke! Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge…“ Denn selbst wenn die Welt unterginge, würde Gott immer noch im Regiment bleiben und ein neuer Himmel und eine neue Erde kämen ins Dasein.

„Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben.“ Der Ausdruck „fein lustig“ klingt vielleicht etwas eigenartig, doch darin liegt etwas Mutmachendes: Gottes Gegenwart schenkt eine heitere Zuversicht, die Herausforderungen nicht ignoriert, sondern verwandelt. Diese Zuversicht ist kein Verbergen von Problemen, sondern ein Standortwechsel: Wir sehen die Dinge aus der Perspektive Gottes, der größer ist als unsere Schwierigkeiten.

Psalm 46 ist für mich ein bisschen wie ein verlängerter Urlaub, eine Einladung, in der Mitte von turbulenten Zeiten innezuhalten, Atem zu holen und zu hören, wie der Ton der Zuversicht erklingt: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke.

Gott segne Euch, Eure Gemeinden und unsere Bundesgemeinschaft!

Christoph Stiba
Generalsekretär