Bund aktuell Nr. 9 | 3. September 2026
Liebe Leserin, lieber Leser,
Dr. Maximilian Zimmermann: Der September ist da und viele Menschen in unserem Land schauen mit Sorge und Unruhe auf diesen Monat, weil durch die Wahlen in drei Bundesländern möglicherweise neue politische Realitäten geschaffen werden. Für andere verbinden sich die Wahlen mit der Hoffnung auf Veränderung. Die einen verspüren Aufbruchstimmung, die anderen große Verunsicherung, und nicht wenige fragen sich: Wie soll in diesen riesigen Unterschieden das Miteinander funktionieren, ein gemeinsamer Weg aussehen?
Natalie Georgi: Ich habe im Ohr, wie sozial-diakonische Einrichtungen um ihre Zukunft bangen. Ich habe Menschen vor Augen, die teilweise seit Jahrzehnten in Deutschland arbeiten und sich fragen, ob sie noch sicher sind und wann sie ausreisen müssen.
Ich kenne Menschen, die sich fragen, ob sie ihre Meinung eigentlich noch laut sagen können und sich lieber zurückziehen.
Und manchmal führen die unterschiedlichen Einstellungen zu Gräben, die durch Familien, Freundeskreise und auch durch Gemeinden gehen.
Noch wissen wir nicht, wie die Wahlen ausgehen und wie viel Veränderung tatsächlich kommt. Und doch wurde durch die letzten Monate schon deutlich, dass ein Riss durch Teile unserer Gesellschaft geht. Es wird immer spürbarer, wie sich die Polarisierung verstärkt hat und das Unverständnis und der Frust immer größer werden. Und wir und unsere Gemeinden sind mittendrin und müssen uns fragen: Wie gehen wir damit um? Was ist unser Auftrag?
Im ersten Brief an Timotheus, Kapitel 2,1-2 heißt es: Das Erste und Wichtigste, wozu ich ‚die Gemeinde‘ auffordere, ist das Gebet. Es ist unsere Aufgabe, mit Bitten, Flehen und Danken für alle Menschen einzutreten, ‚insbesondere‘ für die Regierenden und alle, die eine hohe Stellung einnehmen, damit wir ungestört und in Frieden ein Leben führen können, durch das Gott in jeder Hinsicht geehrt wird und das in allen Belangen glaubwürdig ist.Diesen Appell spricht Paulus hinein in die Situation der Gemeinde vor 2000 Jahren. Paulus ermutigt die Christinnen und Christen, im Gebet für alle Menschen einzutreten. Es ist ein Gebet, das nicht nur um sich selber kreist, sondern ein Leben in Frieden in den Blick nimmt, eben das Wohl der gesamten Gesellschaft. Es ist ein Gebet, das darum fleht, dass wir in einer Gesellschaft leben können, in der wir unsere Werte frei leben können: den Respekt gegenüber jedem Menschen und die Nächstenliebe, die allen ohne Unterschied gilt. Und wer für alle Menschen eintritt im Gebet, kann nicht zugleich Feindbilder pflegen. Es ist ein Gebet für alle Menschen, die um uns leben, und nicht zuletzt für die Regierenden und die Verantwortungsträger. Sie alle ins Gebet einzuschließen und sie damit in Gottes Hände zu legen, das ist die Grundhaltung dieses Betens. Für Regierende und Verantwortliche zu beten, bedeutet dabei keinesfalls, jede Entscheidung unkritisch gutzuheißen. Vielmehr bedeutet es, auch die politischen Fragen im Horizont der Liebe Gottes zu sehen.
Ich wünsche mir sehr, dass wir es den ersten Christinnen und Christen gleichtun und den Blick für das Ganze stärken und nicht nur das eigene Wohl vor Augen haben. Dem Wohl des Landes zu dienen bedeutet auch, zu wissen, wofür wir stehen. Wir stehen unmissverständlich für die unantastbare Menschenwürde jedes Einzelnen, für tätige Nächstenliebe und für die Freiheit des Glaubens und des Gewissens. Diese Werte sind kein Parteiprogramm, sondern die direkte Konsequenz unseres Glaubens an einen Gott, der jeden Menschen liebt. Wo Würde an Bedingungen geknüpft wird, wo Ausgrenzung Raum greift oder Gewissensfreiheit bedroht wird, leidet das Wohl der gesamten Gesellschaft.
Und wo gegen diese Grundwerte verstoßen wird, können wir nicht schweigen. Wenn Menschen aufgrund von deren Herkunft, Religion oder anderen Eigenschaften abgewertet werden – von wem auch immer –, wenn die freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage gestellt wird – von wem auch immer –, dann erheben wir unsere Stimme und dann stellen wir uns an die Seite der Schwachen und Benachteiligten.
Wichtig ist gleichzeitig, dass wir in unserer Gesellschaft miteinander im Gespräch bleiben. Als Christinnen und Christen dürfen wir Menschen nicht abwerten, weil sie Parteien wählen wollen, deren Positionen wir nicht teilen oder sogar höchst problematisch finden. Der Polarisierung wollen wir begegnen, indem wir das Gespräch suchen. Wir vertreten unsere Positionen mit Klarheit, laden aber ein zum Diskurs. Gegen populistische Parteien, die trennen wollen, und gegen ihre Vertreter und Positionen grenzen wir uns klar ab. Gegenüber allen Wählenden muss die Tür für Gespräche offenbleiben. Nur so lassen sich Gräben überwinden – und vielleicht kann es durch den Austausch auch zu einem Umdenken, zu einem Hinterfragen von Positionen kommen.
Doch es fängt bei uns selbst an. Wir und unsere Gemeinden können ein gutes Zeugnis davon sein, wie Glaube Menschen miteinander verbindet und Mauern überwindet – wo gemeinsame Werte unsere Perspektiven prägen. Wir können Orte sein, an denen Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Überzeugungen am selben Tisch sitzen, einander in die Augen schauen und sich gegenseitig verstehen wollen. Das Ringen um den richtigen Weg ist anstrengend. Aber dort, wo wir einander Raum geben und das Zuhören über das Rechtbehalten stellen, kann die Gemeinde zu einem Ort der Versöhnung werden.
Glaube nimmt uns nicht die politische Verantwortung, aber er nimmt uns die lähmende Angst. Wir müssen die Zukunft nicht erzwingen. In allen Debatten darf uns die Verheißung tragen: „Ich lasse euch Frieden zurück. Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch einen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann. Lasst euch nicht im Herzen erschüttern und habt keine Angst!“ (Johannes 14,27 BB). Dieser Friede schenkt uns tiefen Trost und bewahrt unsere Herzen. Lasst und klar sein im Engagement gegen Ungerechtigkeit und gleichzeitig stets aktiv darin, Gräben zu überbrücken, besonnen zu handeln und Hoffnung in unsere Gesellschaft hineinzutragen.