An den Brennpunkten der Gesellschaft präsent sein

Reisebericht: Lernen von den Baptistengemeinden in Nordwestengland

Ein siebenköpfiges Team (Christoph Stiba, Gunnar Bremer, Carsten Hokema, Michael Kißkalt, Gaby Löding, André Peter und Oliver Pilnei) aus den Dienstbereichen Mission und Gemeindeentwicklung des BEFG verbrachte fünf Tage in England, um missionarische Projekte von Baptistengemeinden kennenzulernen. Phil Jump, Superintendent der „North Western Baptist Association“, einer von 13 „Landesverbänden“ des englischen Baptistenbundes, empfing die deutsche Delegation und besuchte mit ihr Gemeinden und Projekte „Missionarischer Präsenz“ im Großraum Manchester und Liverpool. Stolz teilte Ian Bunce, Leiter des Mission Department der Baptist Union mit, dass die Baptisten die einzig wachsende kirchliche Konfession in England seien. Zwar würden die traditionellen Mitgliederzahlen des Baptistenbundes in England leicht abnehmen, doch steigt die Zahl derjenigen, die sich zu den Gemeinden halten, ihre Veranstaltungen besuchen und mitarbeiten –  ohne allerdings Gemeindemitglieder zu werden. Besonders unter Jugendlichen zählen Baptistengemeinden einen starken Zuwachs, bei den jungen Erwachsenen allerdings gehen die Zahlen nach unten. Von daher unterstützt die Union nach Kräften die Gründung von Kirchen für junge Erwachsene, wie sie sich z.B. in den Cafe Churches (in öffentlichen Cafés!) organisieren. Und sie ermutigt Pastoren, bei der englischen Bewegung der „Straßenpastoren“ mitzumachen: In Uniform gehen Seelsorger in Problemgebieten auf Menschen auf der Straße und in Parkanlagen zu, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Auffallend war an allen Orten die starke ökumenische Vernetzung der Baptisten. An den Straßen findet man in den Schaukästen der Gemeinden immer wieder den Satz: „Part of the Christian Body in ...“ (Teil der christlichen Kirche in …). Diakonische, sozialpolitische und Bildungsprojekte entwickeln unterschiedliche Kirchen oft in enger Zusammenarbeit gemeinsam. Baptisten befinden sich gegenüber Anglikanern und Katholiken zwar in der Minderheit, sie werden aber überall respektiert. Der Seelsorger im bekannten Fußballverein „Manchester United“ ist Baptistenpastor. Sozialpolitische Initiativen der Kirchen werden von Baptisten mitinspiriert und vorangetrieben. An der Liverpool Hope University, die von den beiden großen Kirchen getragen wird, studieren und lehren auch viele Baptisten. Im Gespräch mit der deutschen Delegation sprach der anglikanische Prinzipal der Universität seine Hochachtung vor der baptistischen Tradition und Initiative aus, die auch sein Leben sehr befruchtet habe.

In den Ortsgemeinden bemüht man sich darum, in der Bevölkerung als positive soziale Größe wahrgenommen zu werden. Gemeinderäume werden selbstverständlich sozial engagierten Gruppen in der Umgebung zur Verfügung gestellt. In der Situation der knappen kommunalen Kassen hat die Baptistengemeinde in Altrincham das dörfliche Gemeinschaftszentrum „The Hub“ übernommen, um der Bevölkerung weiterhin einen Raum für Begegnung und soziales Engagement zu bieten. In Chester engagieren sich Baptisten in der Night Church in der anglikanischen Kirche im Stadtzentrum, um im städtischen Nachtleben als christliche Gemeinde seelsorgerlich präsent zu sein.

Besonders beeindruckend ist die Situation der kleinen Chelwood Baptist Church im Süden Manchesters. Anstatt sich resigniert mit der Tatsache abzufinden, dass die Gemeinde langsam ausstirbt, beschlossen die Mitglieder, in ihrem verarmten Viertel ein Café zu eröffnen, in dem die Leute Gastfreundschaft erfahren. Als vor ihrem Gemeindehaus zwei Jugendliche aus der Gegend mit einem gestohlenen Auto tödlich verunglückten, boten die Baptisten ihr Café als zentralen Ort der Trauer für die Einwohner an. Seitdem sind sie in dem Viertel sehr bekannt. In den Jahren danach wuchs die Zahl der Gäste im Café so kräftig, dass sie hier ihr Ziel der besonderen Gastfreundschaft und Begegnung nicht mehr leben konnten. So haben sie das Café verkauft und dafür ein neues Projekt begonnen: die „Messy Church“, zu Deutsch: „chaotische Kirche“, macht ihrem Namen mit einer chaotischen Form von Gottesdienst alle Ehre – allerdings auf äußerst positive Weise: hier können sich alle irgendwie kreativ und spontan beteiligen, weil nicht alles bis ins Letzte durchgeplant ist. Bisher wird die „Messy Church“ eher von Kindern und Jugendlichen angenommen, aber es werden schon noch andere kommen, vertrauen die Verantwortlichen.

Natürlich gibt es daneben auch manche Gemeinden, die nicht so recht vorwärts kommen und um ihr Überleben kämpfen. In und neben den vielen gesellschaftlichen Aktivitäten das Evangelium zu verkündigen, ist nicht leicht. Viele Gemeinden engagieren sich in Alphakursen, aber nur wenige Menschen werden verbindliche Nachfolger Christi. Dennoch werden die Baptisten nicht müde, ihre Kirchen als Orte zu gestalten, die nahe bei den Menschen sind . Mit diesem Ziel vor Augen probiert man alle möglichen Wege aus und freut sich, wenn dadurch mehr Menschen vom Evangelium angesprochen werden. Diese allgegenwärtige Atmosphäre der Offenheit und des Ausprobierens – es muss gar nicht perfekt sein – hat die Gäste aus Deutschland sehr beeindruckt.

Von der Offenheit und Menschenfreundlichkeit der Baptistengemeinden im Nordwesten Englands fühlte sich die deutsche Delegation besonders angesprochen. Manches kann man nicht einfach in den deutschen Kontext übernehmen. Dennoch will Christoph Stiba, der Leiter des Dienstbereichs Mission und Leiter der Delegation, einige Impulse an die deutschen Gemeinden weitergeben: „Wir wollen Gemeinden ermutigen, sich in ihrer Mission am Evangelium und an den Menschen zu orientieren, denen wir das Evangelium schulden. Wir wollen Gemeinden inspirieren, sich kreativ für die Menschen zu engagieren und sich dabei manches Unperfekte zu erlauben. Mit der Liebe Gottes im Herzen und auf dem Weg zu den Menschen müssen wir auch etwas riskieren, ausprobieren, und Gott wird uns überraschen. Vielleicht ist das ein Ansatz, der uns in unserer deutschen Mentalität schwer fällt, aber in England erfahren Gemeinden auf diesem Weg den Segen Gottes.“

Ein Artikel von Michael Kißkalt