
Dem Hass auf das Fremde widerstehen
Ratstagung der Europäischen Baptisten im Zeichen der Flüchtlingskrise
(Sofia) Das Schicksal der Flüchtlinge in Europa beherrschte die Ratstagung der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF) vom 23. bis 27. September in Sofia. Aus mehreren Ländern wurde über das starke Engagement von Gemeinden berichtet, die zum Beispiel an den ungarisch-serbischen und kroatisch-serbischen Grenzübergängen Flüchtlingen Hilfe leisteten. Im Libanon und in Jordanien sind Tausende Familien auf die Unterstützung von Baptistengemeinden angewiesen. In einer Resolution forderten die Delegierten ihre 51 Mitgliedsbünde auf, gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit aufzustehen und für das biblische Gebot der Gleichbehandlung des Fremden einzutreten. In einer weiteren Erklärung wurde die Regierung Israels aufgerufen, jüdische und christliche Privatschulen in gleicher Weise zu unterstützen. Die gegenwärtige Benachteiligung christlicher Schulen bedrohe unter anderem auch das baptistische Gymnasium in Nazareth in seiner Existenz.
Die Flüchtlingsarbeit der Baptisten soll künftig noch stärker europaweit vernetzt werden. Alle Bünde wurden aufgefordert, Flüchtlingsbeauftragte zu benennen. Ein kleiner Arbeitskreis, in den auch der deutsche Pastor Thomas Klammt (Elstal) berufen wurde, wird die gegenseitige Unterstützung koordinieren.
Als neues Mitglied der EBF wurde die Faith Baptist Church in Zypern aufgenommen. Es handelt sich um eine singalesischsprachige Gemeinde, die von Wanderarbeitern aus Sri Lanka gegründet wurde. Sie wird von einem tamilischen Pastor aus Norwegen geleitet, der regelmäßig nach Zypern fährt, um die Gemeinde zu begleiten. Auf der Mittelmeerinsel leben 100.000 Arbeiterinnen aus dem südasiatischen Land. Auf Zypern gab es bislang keine Baptistengemeinde und damit auch keinen Bund.
Nahapetyan neuer Präsident, Entrican neue Vizepräsidentin der EBF
Zum neuen Präsident der EBF wurde Asatur Nahapetyan aus Armenien gewählt, seine Stellvertreterin wurde Jenni Entrican, die derzeitige Präsidentin des Baptistenbundes von Großbritannien. Mit der Wahl zur Vizepräsidentin ist in der Regel die spätere Wahl zur Präsidentin verbunden. Nahapetyan (Eriwan) ist Generalsekretär der armenischen Baptisten. Er studierte am Internationalen Theologischen Seminar in Prag und leitet einen der am schnellsten wachsenden Bünde der EBF. Entrican war ursprünglich Lehrerin, studierte in Bristol Theologie und gilt als Spezialistin in Gemeindegründung innerhalb der säkularisierten Gesellschaft.
Der scheidende Präsident der EBF, Otniel Bunaciu (Bukarest), rief die Delegierten aus über 40 Baptistenbünden Europas, Zentralasiens und des Nahen Ostens dazu auf, die Einheit nicht durch Rechthaberei zu gefährden. Die Gefahr subjektivistischer Auslegung der Bibel sei weit verbreitet. Oft käme dann nicht die Bibel zur Sprache, sondern die eigene Meinung.
Über die Lage syrischer und irakischer Flüchtlinge in Jordanien und im Libanon berichteten Nabile Costa (Beirut) und Philip Modanat (Aman). In Jordanien werden Hunderte Familien versorgt. Dabei kommt es zu vielen Kontakten zu Muslimen. „Bisher konnte sich niemand vorstellen, dass Christen und Djiahdisten Freunde werden könnten. Aber nun passiert genau das, was bisher unvorstellbar war“, hieß es in dem Bericht. Im Einzelfall führte die gute Zusammenarbeit mit den Islamisten in Jordanien zur Freilassung eines jungen Baptisten, der in Syrien als Geisel festgehalten wurde. „Unsere selbstlose Hilfe für Menschen jeden Glaubens, führte zum Gesinnungswandel der islamistischen Kidnapper“, so der Bericht weiter.
Fast die Hälfte der bulgarischen Baptisten sind Roma
Weitere Schwerpunkte der Diskussion waren die Situation der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sowie die Lage der Roma – einer Minderheit in Bulgarien. Fast 50 Prozent der Baptisten des Landes gehören dieser Bevölkerungsgruppe an. Im europäischen Netzwerk gegen Menschenhandel haben Gemeinden eine besondere Bedeutung, weil sie gemeinsam den Widerständen der Schlepper besser begegnen können. Wichtig sei, so der Bericht der Arbeitsgruppe, eine stärkere Akzeptanz ehemaliger Prostituierter in osteuropäischen Gemeinden, in denen Prostitution mit Sünde und Schande in Verbindung gebracht wird.
In einer Arbeitsgruppe, in der es um die christlich-muslimischen Beziehungen ging, wurde betont, dass man sich vor vorschnellen Urteilen hüten müsse. Vielmehr müsse eine Kultur des Zuhörens eingeübt werden. „Jeder Muslim hat ein eigenes Gesicht“, hieß es im Bericht, der dazu aufrief, jeden Menschen als Individuum ernst zu nehmen und ihn nicht auf seine Religionszugehörigkeit zu reduzieren.
European Baptist Aid (EBAid) diskutierte die Bedeutung einer intensiven Kommunikation angesichts von Katastrophen. Auch kleine Bünde beteiligen sich durch die Vermittlung von EBAid an der Nothilfe, zum Beispiel bei Überschwemmungskatastrophen in Albanien und Georgien oder in der Unterstützung von Flüchtlingen in der Ostukraine.
Bulgariens Staatspräsident Plewneliew besucht Konferenz
Die Baptistengemeinde von Sofia konnte wenige Tage vor der Konferenz ihr großes Gemeindezentrum einweihen, das die veränderte Rolle der Baptisten in Bulgarien dokumentiert. Der Besuch des Staatspräsidenten Rossen Plewneliew unterstrich die gewachsene Akzeptanz der kleinen baptistischen Kirche in der modernen bulgarischen Gesellschaft. Der Präsident forderte die Baptisten auf, ihr Netzwerk zu nutzen, um Europa eine gemeinsame Identität zu geben. Die Europäische Union dürfe sich nicht allein auf ökonomische Rahmenbedingungen beschränken. Vielmehr gelte es, die gemeinsamen Werte zu betonen. Mit diesem ersten Besuch eines Staatspräsidenten in einer bulgarischen Baptistengemeinde wollte dieser die Relevanz der Baptisten für das Land unterstrichen. Für die Baptisten des Balkanstaates waren das bisher nie gehörte Töne. Das neue Gemeindezentrum dient zugleich als Sozialzentrum mit medizinischen Angeboten und sozialen Angeboten sowie einer Suppenküche. Zum Zentrum gehören auch Büroräume, der Miete der Finanzierung der Sozialarbeit dient.
Deutsche Teilnehmer waren Generalsekretär Christoph Stiba, der als Vorsitzender des Nominierungsausschusses zur Leitung der EBF gehört, Frank Fornaçon für das Präsidium des BEFG und Joachim Gnep als Leiter des Dienstbereiches Mission, in dessen Bereich auch German Baptist Aid fällt. Für dieses Hilfswerk nahm Birgit Fischer an der Konferenz teil.
Ein Artikel von Frank Fornaçon

