Der Kraft des Christuswortes trauen

Auf dem Konvent der Pastorenschaft

Über 450 Pastorinnen, Pastoren und Gemeindereferenten nahmen vom 12. bis 15. März 2012 am Theologischen Konvent in Kirchheim (Hessen) teil – so viele wie schon lange nicht mehr. Bei den Teilnehmenden war im Vorfeld neben der Vorfreude auf ein Wiedersehen mit alten Weggefährten die Neugier auf das Thema des Konvents sehr groß: „Ich bin – Ihr seid“.  

Und so zogen sich die „Ich-Bin-Worte“ Jesu wie ein roter Faden durch den Konvent. In den Gottesdiensten, den geistlichen Impulsen und auch im Konvent-Lied tauchten sie auf. Extra zum Konvent hatte Martin Englisch (Reutlingen) eine Band zusammengestellt, die die Teilnehmenden mit in eine moderne Form des Lobpreises hineinnahm. Zu den kreativen Ideen der Band gehörte, dass ein Lied nicht mit konventionellen Instrumenten, sondern ausschließlich mit modernen Smartphones und deren Musik-Apps begleitet wurde. Immer wieder war auf dem Konvent Raum für Begegnungen mit Gott und seinem Wort und für Gebet, alleine und in der Gruppe.

Licht und Salz sein
Die meisten Teilnehmenden fühlten sich positiv herausgefordert, dass die thematischen Impulse nicht einfach nur die aktuelle evangelisch-freikirchliche pastorale Situation widerspiegelten, sondern Möglichkeiten des Weiterdenkens aufzeigten. So warb der katholische Theologe Prof. Dr. Paul Zulehner aus Wien in seinem Vortrag „Wie geht ER mit seiner Kirche weiter?“ um das Vertrauen, dass Gott auch heute in der Lage ist, seine Kirche (und darüber hinaus auch seine Schöpfung) zu einem guten Ende zu führen. Zulehner wandte sich gegen die pessimistische Sicht, dass nur wenige das Heil erlangen. Er plädierte stattdessen für eine weiter gefasste Sicht auf das Heil. Matthäus 5, 13f definierte er als Aufforderung an die Christen, heilend und therapeutisch (als Salz) sowie enthüllend (als Licht) in die Welt hinein zu wirken. Neben zahlreichen Versen in der Bibel, die auf ein exklusives, auf wenige Menschen eingeschränktes Heil weisen, gebe es auch jene Bibelstellen, die ein weiter gefasstes Heils-Verständnis hinweisen, so Zulehner. Diese würden aber in der Praxis oft unter den Tisch fallen.

Der als Kommunist in Russland aufgewachsene Prof. Dr. Johannes Reimer antwortete in seinem Referat auf die Frage „Warum sollte die Gemeinde die Gesellschaft verändern wollen?“: Weil die Gemeinde Gottes Akteurin in der Gesellschaft sei, die an positiven Veränderungsprozessen teilnehmen und diese (als Botschafterin der Versöhnung) sogar auslösen solle, so Reimer. Dabei dürfe das soziale Engagement nicht als Köder für das „Eigentliche“ aufgefasst werden. Evangelisation müsse sich natürlich aus einer Beziehung zwischen Menschen heraus ergeben. Als Begründung seiner Thesen führte Reimer neben dem aus den Evangelien stammenden Gedanken vom angebrochenen Reich Gottes auch die alttestamentlichen Schilderungen über das Jubeljahr an, in denen er eine Vorlage für das Wirken der Gemeinde sieht. Des Weiteren habe er er bei seinen Untersuchungen der christlichen Reform- und Erweckungsbewegungen festgestellt, dass geistliche Aufbrüche unter Christen immer auch eine Veränderung der Gesellschaft angestoßen hätten. Anschließend erläuterte Reimer, wie eine Gemeinde sich in diesem Sinne entwickeln könne. Am Anfang stehe dabei die klassische Ortsgemeinde, deren Vielfalt Grundvoraussetzung für die gewünschten Veränderungsprozesse sei. Spezielle Zielgruppengemeinden hätten es schwerer, da sie aufgrund ihres homogenen und damit  eingeschränkten Mitgliederspektrums schneller den Kontakt zur Gesamtgesellschaft verlieren würden.

Am letzten Abend stellte die evangelische Theologin Christina Brudereck – gemeinsam mit Benjamin Seipel am Klavier – ihr musikalisches Programm „2Flügel“ vor, in dem es auf sehr berührende Art und Weise um Menschen geht, die sich gegen Unterdrückung zur Wehr setzen und so Zeichen für Gerechtigkeit setzen. Am nächsten Morgen verglich Brudereck in ihrem Referat ausgehend von der Noah-Geschichte die Kirche mit der Arche, der Taube und dem Regenbogen. Sie veranschaulichte so praktisch, auf welche Weise wir heute dem postmodernen Menschen predigen können: Brudereck füllte die biblischen Symbole neu mit Leben, brachte sie so gewissermaßen auf den aktuellen Stand und stellte sie in einen Kontext von Geschichten, die dem Menschen des 21. Jahrhunderts verständlich sind.

Impressionen
Weitere wertvolle Impulse auf dem Konvent lieferten 27 Seminare aus den Bereichen „Gemeinde/Ökumene & Gesellschaft“, „Theologie“, „Person & Beziehung“ sowie „Zukunft-Veränderung“.

Neben diesen thematischen Impulsen stellten die Pastorenschaftsfragen einen weiteren Schwerpunkt dar. In den letzten drei Jahren ist viel passiert, was aus pastoraler Perspektive besprochen und bewertet werden will, beispielsweise ein neues Vikariatskonzept oder die Überarbeitung der Grundsätze der Pastorenschaft.

In seinem Grußwort beschrieb der Rektor des Theologischen Seminars Elstal (FH), Prof. Dr. Volker Spangenberg, das Seminar als Dienerin der Heiligen Schrift, welche nach Joh. 5,39 durchsucht, erforscht und ausgelegt werden wolle.

Des Weiteren standen Neuwahlen an. Zwei der bisherigen Vorsitzenden der Pastorenschaft, Peter Arpad (Hamm) und Siegfried Wolf (Wiehl) standen nicht mehr zur Wahl. Der Konvent dankte ihnen für ihr langjähriges engagiertes Wirken. Als neue Vorsitzende wurden Jochen Jäger (Elmshorn), Dorothea Weiand (Hassenhausen) und Manuel Lüdin (Rostock) gewählt.

Als Sprecherin der Pastorinnen wurde Katrin Laug gewählt.


Verrückte Pastoren?
Am Ende des Konvents standen der Segen und die Sendung zurück in den pastoralen Alltag mit seinen wunderschönen, manchmal aber auch herausfordernden Seiten. Ich denke an dieser Stelle an das Impulsreferat des GJW-Leiters Pastor Christian Rommert vom ersten Abend über die Frage, wie wir auf gesellschaftliche Trends reagieren. Man könne, so Rommert, seine kreative Vorstellungskraft dazu verwenden, sich Sorgen zu machen und ein „Worst-Case-Szenario“ auszumalen – oder aber versuchen, Lösungsansätze zu entwickeln, gerne auch unkonventionelle! Um diesen Gedanken einer kreativen Problemlösungsstrategie zu unterstreichen, hatte Rommert ein Zitat von G. B. Shaw angeführt: „Was wir brauchen, sind verrückte Leute. Seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“

Christoph Schirrmacher

Ein Artikel von Christoph Schirrmacher