Einheit unter den Bedingungen der Diktatur

Studientag zur Entstehung des BEFG

Eine historische Fachtagung befasste sich am 8. März mit der Gründung des BEFG 1942 und deren Vorgeschichte, die bis in die 30er Jahre zurückreicht. 50 Teilnehmer waren für die Tagung aus allen Teilen Deutschlands nach Kassel gereist. Sie diskutierten die Entstehung des Bundes aus Baptisten- und Brüdergemeinden aus der Sicht dieser beiden Bewegungen. 

Professor Dr. Andrea Strübind (Oldenburg) schilderte die baptistische Sicht und zeigte auf, wie die Idee einer großen deutschen evangelischen Freikirche neben der evangelischen Reichskirche in allen Freikirchen gedacht wurde. Auffällig war die Zielstrebigkeit, mit der später Männer wie der Baptist Paul Schmidt oder der Leiter des Bundes freikirchlicher Christen, Dr. Hans Becker, den Zusammenschluss vorantrieben. Dabei war beiden immer wichtig, die geistliche Dimension der Vereinigung zu betonen und das eigene politische Geschick in den Hintergrund treten zu lassen. Neue Perspektiven auf den Zusammenschluss bietet eine im Druck befindliche Dokumentation der Auseinandersetzungen zwischen Schmidt und dem profilierten Baptisten Jacob Köbberling. Dieser hatte die Haltung Schmidts während der NS-Zeit und darüber hinaus als zu staatsnah kritisiert.

Die politischen Rahmenbedingungen waren auch beim Zusammenschluss der verschiedenen Zweige der Brüderbewegung bedeutend. Darauf wies Dr. Andreas Liese (Bielefeld) hin. Exklusive und Offene Brüder sowie die Stündchenbewegung um Dr. Hans Becker waren jedoch nicht erst auf staatlichen Druck hin bereit, aufeinander zuzugehen. Sie hatten schon zuvor die Einheit mit anderen freikirchlichen Kreisen bewusst gesucht. So waren sie aktiv an den Verhandlungen mit den Mitgliedern der Vereinigung Evangelischer Freikirchen über mögliche die Bildung einer gemeinsamen Kirche beteiligt.

Weitere Akzente setzten der pensionierte Baptistenpastor Reinhard Assmann (Berlin), Matthias Schmidt (Wiedenest) und Dr. Ulrich Brockhaus (Wuppertal), die über das Miteinander von Baptisten- und Brüdergemeinden im BEFG sprachen. Assmann und Schmidt schilderten die Entwicklung in der DDR, wo beide Gemeindebewegungen durch die politischen Rahmenbedingungen gezwungen waren zusammenzubleiben. Brockhaus erläuterte, warum die Brüdergemeinen in den 90er Jahren im BEFG blieben. Man habe sich damals sehr bewusst entschieden, die gewachsene Gemeinschaft mit den Baptisten nicht zu verlassen, so Brockhaus: „Der Riss wäre durch die Gemeinden und die Familien gegangen.“ Man habe sich nicht wegen äußerer Vorteile, etwa der Körperschaftrechte, zum Bleiben im Bund entschieden, sondern aus innerer Überzeugung, dass die Einheit ein Gebot Jesu sei.

In den Referaten und der Aussprache wurde deutlich, dass es im Miteinander von Baptisten und Brüdern immer wieder eine Ambivalenz zwischen dem machtbewussten Agieren Einzelner und dem geistlichen Prozess der Einheitssuche gab. Führende Persönlichkeiten wie Becker und Schmidt hatten den Zusammenschluss der Freikirchen als notwendig und wünschenswert erkannt. Ihre Zielstrebigkeit, diese Erkenntnis auch zu verwirklichen, zog manche Irritationen nach sich. Denn einige Meinungsunterschiede konnten durch den schnellen Zusammenschluss nicht ausreichend diskutiert werden, und unter den Bedingungen der Diktatur war dies auch später nicht mehr möglich. So akzeptierten die Baptisten zum Beispiel aus rein pragmatischen Gründen die Säuglingstaufe in Brüderkreisen. Eine theologische Debatte fand nicht statt, auch nicht über die offene Mitgliedschaft, die Baptisten damals nur schwer zu vermitteln war. Spätere Generationen hatten dann mit der vorgefundenen gemeinsamen Struktur umzugehen.

Die Rückmeldungen der Teilnehmer auf die Tagung waren positiv. Dr. Gerd Goldmann (Krefeld) äußerte den Wunsch, öfter in dieser Weise gemeinsam Kirchengeschichte zu betreiben. Pastor Frank Fornaçon (Kassel) sah die Chance, durch den Blick in die Kirchengeschichte Kriterien zu gewinnen, wie die Freikirchen zum Beispiel das Verhältnis von Kirche und Staat mitgestalten können. Der Generalsekretär des BEFG, Christoph Stiba (Elstal bei Berlin),  zeigte sich sehr beeindruckt von der intensiven Arbeit und betonte, dass Geschichte immer wieder neu erforscht werden müsse, um keinen Vorurteilen aufzusitzen. Vielmehr müsse man aus der Vergangenheit lernen, um die Zukunft zu gestalten. Das 75-jährige Jubiläum des BEFG 2016 solle, so Stiba, in diesem Sinne zum kritischen und konstruktiven Rück- und Ausblick genutzt werden.

Veranstaltet wurde der Studientag vom Arbeitskreis Geschichte der Brüderbewegung und dem Historischen Beirat des Präsidiums des BEFG. Die Referate werden voraussichtlich in der Schriftenreihe des Oncken-Archivs in Elstal publiziert.

Ein Artikel von Frank Fornaçon