
Foto: David Vogt
„Etwas heilt, wenn Menschen einfach machen“
Ein Abend mit Soul, Food and Sharing – mit Seele, Essen und Teilen
Worship mit Abendmahl, ein Dokumentarfilm über die EBMI-Arbeit in Mosambik, Lyrik mit „Hope-Musik“, eine lange Menschenschlange an einem Pommes-Stand und gesellige Gespräche in einer Lounge. Was hat das mit dem Bundesrat zu tun? Eine Reportage.
Fünf Räume – ein Ziel
Ein gesellschaftliches Abendprogramm in fünf Räumen. Am dritten Tag der Bundesratstagung 2026 in Kassel. Warum? Weil es für eine Tagung essenziell ist, den formellen Wissensaustausch des Tages durch informelle zwischenmenschliche Beziehungen zu ergänzen und zu festigen. Ein Abendprogramm fördert stets das Netzwerken, stärkt den Teamgeist und bietet den Teilnehmern und Teilnehmerinnen eine Auszeit vom inhaltlich dichten Ratsprogramm.
Worship im blauen Wohnzimmer
Direkt neben dem großen Festsaal im Kasseler Kongress Palais schließt sich der „Blaue Saal“ an, architektonisch ein beeindruckendes Ambiente aus neo-klassizistischen Säulen, erbaut im frühen 20. Jahrhundert. Farblich gehalten in einem satten Blau, die herausragenden Säulenelemente und Emporen in Gold abgesetzt. 602 Personen finden hier Platz. Und dennoch nennt der Dortmunder Musik-Produzent und Liedermacher Jan Primke, der sich besonders in der christlichen Musikszene einen Namen gemacht hat, den „Blauen Saal“ ein „Wohnzimmer“. Es sei kein klassisches Wohnzimmer wie zu Hause, meint Primke, „aber wir gestalten es dazu um. Ich weiß, dass die Zuhörer dafür kommen.“ Man könne auch in einer großen Halle „eine tolle Atmosphäre schaffen“, ist der Musiker überzeugt. Schon seit Jahren ist er der musikalische Gestalter der gesamten Bundesratstagung.
Wie im Vorjahr, hat Primke wieder Studierende der Theologischen Hochschule Elstal dazu eingeladen, während des Worships ein Abendmahl anzubieten. Passt das? Ist Abendmahl nicht originär Bestandteil eines Gottesdienstes? Primke betrachtet den Worship-Abend tatsächlich als eine Art Gottesdienst. „Die Dimension des Abendmahls fand ich bei einem ‚Wohnzimmer-Worship‘ ohnehin schon immer schön, weil wir in dem Moment gemeinsam an den Tisch des Herrn kommen. Wir treffen uns eben nicht nur, um gemeinsam Lieder zu singen.“ Vielmehr gebe das Abendmahl als Teil des Worships jedem Einzelnen die Möglichkeit, „in geistlicher Tiefe wirklich an dem Gottesmoment, der erzeugt wird, zu partizipieren“. Für den Abend wünscht sich Primke, dass die Teilnehmenden auch „zum Kreuz kommen“, ihre Lasten dort ablegen. Außerdem hat er in diesem Jahr den Musikabend um eine kleine Andachtspredigt erweitert: zum Psalm 98 „Singt dem Herrn ein neues Lied“. Ihn interessiert: „Warum singen wir eigentlich neue Lieder? Was macht das mit uns im Alltag? Wie kann das auch bei nichtmusikalischen Personen zu etwas Neuem führen?“
Zu frischem Wasser
In seiner Predigt ging er darauf ein: Wenn man – wie der Psalm 98 anregt – neue Lieder singt, dann könne man nicht einfach neue Lieder um des Neuseins willen spielen. Vielmehr soll „etwas Belebendes und geistlich Gewinnbringendes“ hinzukommen, vor allem an neuen Texten. Denn „hinter jeder neuen Liedzeile steckt auch ein neues Erlebnisfeld“, ist Primke überzeugt. Das „neue Lied“ bewege Menschen, „zu frischem Wasser“, sagt Primke und verweist damit als Metapher auf Gottes lebensspendende Kraft und geistliche Erquickung. Diesen Impuls setzt der Dortmunder Musik-Allrounder am Worship-Abend überzeugend um.
Denn Primke spielt mit seiner Band eine Reihe völlig neuer Titel. Sie wurden von ihm, von Mitgliedern seiner Band sowie von Robin Zabel komponiert. Zabel ist unter anderem bekannt durch seine Zusammenarbeit mit Primke im Musik-Podcast „Kreuztonarten“. Primke liegt auf dem Herzen, dass sich seine Zuhörer für neues geistliches Wachstum anregen lassen, dass sie bereit sind, „dies für sich selbst zu finden“, sagt er.
Wichtig sei ihm aber auch, festzuhalten, dass die neuen Lieder keine Abwertung alter Lieder bedeuteten. Sie zählen vielmehr zu jenem Liedgut, das „uns über lange Zeit getragen hat.“ Die alten Lieder würden durch die neuen Songs „weder gelöscht noch verneint“. Die Band legt los. Auch der Anbetungssong „Wohnzimmer“ aus dem Jahr 2021, Text und Komposition von Dania König und Primke, ist dabei und ist inzwischen selbst zu einem Klassiker geworden, der natürlich am Worship-Abend im „Blauen Wohnzimmersaal“ nicht fehlen darf. Primke beschrieb den Song einmal als Ausdruck, Gott im eigenen Wohnzimmer zu ehren, und dann Gottes Liebe aus den eigenen vier Wänden hinaus in die Welt zu tragen. Besonders anrührend auch der Song „Goodness of God“ von Jenn Johnson, ein Lied, das die Treue, Güte und Barmherzigkeit Gottes im täglichen Leben und in schwierigen Zeiten feiert.
Der Worship-Abend mit seinen „neuen Liedern“ findet seinen Abschluss jedoch mit einem sehr alten Lied – noch dazu einem deutschen Volkslied: „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius aus dem Jahr 1779. „Weil ich daran die letzte Strophe so sehr liebe“, sagt Primke. Sie lautet: „So legt euch denn, ihr Brüder, / in Gottes Namen nieder; / kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen. / Und unsern kranken Nachbarn auch!“
Etwas heilt
Um Heilung ging es auch in einem in dunklen Farben gehaltenen hohen Saal nebenan. Vorherrschend ist die Farbe Schwarz, von ein wenig Grün und Terracotta hie und da aufgehellt. Im antikisierten Stil bepinselt, blicken die griechische Göttin der Jagd, Diana, und Neptun von den Wänden auf die Besucher herunter. „Pompejianischer Stil“ wird diese Wandmalerei genannt. Elena Becker aus Ennepetal und Jasmin Brückner aus Halle an der Saale, die in diesem Raum Lyrik und meditative Musik anbieten, sind beide „total begeistert“ von dem Ambiente. Sie halten es für passend, für das, was sie an dem Abend vermitteln wollen. Die Lyrikerin Jasmin rezitiert aus ihrer Gedichtsammlung „Kontur“ mit Worten wie diesen: „Etwas heilt, / bei denen, / die zum ersten Mal die Worte aussprechen, / die sie so lang vor dem Außen vergraben haben.“ Und: „Etwas heilt, / wenn Menschen einfach machen.“
Jasmin und Elena, genannt Elli, sind erst „seit Januar dieses Jahres gemeinsam unterwegs“. Kennengelernt haben sich beide Künstlerinnen auf einem „Freak-Stock-Festival“ in Eichstätt, das jährlich von den „Jesus Freaks“ veranstaltet wird. Die „Jesus Freaks“ entstanden vor etwa dreißig Jahren als christliche Szene-Kirche für Punks und Metal-Fans. Jasmin: „Die Jesus Freaks sind für Leute, die nicht im Mainstream unterwegs sind. Heute sind sie aber gar nicht mehr so punkig, wie am Anfang.“ Und genau dies spürt man dann auch am Abend im „Pompeji-Saal“.
Denn Elli entlockt zwei Klangschalen sanfte, melodische Töne und singt dazu auf Englisch: „I am loved, from the bottom of my soul I am loved – ich bin geliebt, aus tiefstem Herzen bin ich geliebt“.
Als Ziel für den Abend haben sich beide Künstlerinnen vorgenommen, jenes mit den Zuhörerinnen und Zuhörern zu teilen, was sie selbst bewegt und was sie in ihre „Texte und Lieder gegossen haben“, erklärt Jasmin. Und weiter: „Wir teilen gerne viel von uns, um eine Anschlussfähigkeit zu schaffen.“ Das heißt: Sie wünschen sich, dass die Zuhörenden in den Gedichten und Liedern etwas finden, das sie berührt. Und sie möchten Menschen ermutigen. „Du darfst manchmal loslassen / vom ganzen Rest der Welt“, lautet denn eine der Gedichtverszeilen von Jasmin, die sie an dem Abend vorträgt und die die Band von Elli mit raumfüllenden, sanften Tönen untermalt. Für manch eine Zuhörerin mag dies zu tiefer Entspannung geführt haben, für einen anderen Zuhörer zur Verarbeitung intensiver Gefühle, die möglicherweise die Debatten des Tages verursacht haben.
Zum Handeln anregen
Um etwas ganz anders – aber durchaus auch um Gefühle - geht es in einem Seitentrakt des Konferenzgebäudes. Die Europäische Baptistische Mission International (EBMI) zeigte Interessierten einen einstündigen Dokumentarfilm aus dem Jahr 2025 über das Sozialzentrum „Sekeleka“ in Mosambik. Gedreht hat den Film die spanischstämmige Schweizerin Eli Padilla. Die Dokumentation (Trailer auf Spanisch TRAILER - Película documental "SEKELEKA: Ciudad Refugio" ) erzählt die Geschichte des „Sekeleka Inklusions-Zentrum“, das sich um schutzbedürftige Kinder, insbesondere solche mit Behinderungen, in einer Region kümmert, in der diese oft ausgestoßen werden. Die Einrichtung befindet sich in der Kleinstadt Macia im Süden Mosambiks, nahe der Hauptstadt Maputo.
Michael Fischbeck, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising bei EBMI und Organisator dieses Teils des Abends, erhofft sich, dass er „Menschen mit hineinnehmen kann in dieses Projekt“. Er glaubt: Diese Sozialarbeit teilt „Jesu Liebe ganz praktisch“. Der Film mache deutlich, „dass es Familien und gerade Kindern mit Behinderungen besser geht in einem Land, in dem es nicht normal ist, dass Behinderte Unterstützung erfahren.“ Vielmehr gebe es in dem afrikanischen Land Stigmatisierung, betroffene Kinder würden „weggesperrt oder versteckt“. Fischbeck erhofft sich außerdem, dass die Anwesenden sehen, „wie die Verknüpfung von diakonischer Arbeit mit dem Evangelium in anderen Ländern funktioniert“. Das Ziel der Dokumentarfilmerin Padilla war es, eine emotionale Reaktion hervorrufen, die „zum Handeln anregt“, anstatt nur einen sentimentalen Film zu schaffen. Fischbeck ist überzeugt: Das Projekt „Sekeleka“ verändere „im Kleinen die Gesellschaft von Mosambik“. Es sei „wunderbar, dass wir das unterstützen dürfen und den Menschen zeigen, dass im Reich Gottes durch EBM International und unsere Missionare Schönes passiert“.
BUJU-Feeling auf dem Bundesrat
Und dann ’gibt es da noch die GJW-Pommes. Auf einem Innenhof weist eine lange Menschenschlange darauf hin, wo noch etwas Schönes passiert – für das leibliche Wohl. Tobias Köpke, Referent für den Freiwilligendienst beim Gemeindejugendwerk, frittiert unter einer riesigen Dampfwolke die Kartoffelschnitze. Dieses Jahr geht die Pommes-Aktion zum Wohle des Bundesjugendtreffens (BUJU) Anfang August in Krelingen. Tobias: „Weil es auch beim BUJU Pommes geben wird, haben wir uns gedacht, wir wollen ein bisschen BUJU-Feeling auch auf den Bundesrat bringen. Und wir wollen nebenbei die Botschaft des BUJU (Soli Deo Gloria! - BUJU 2026) verbreiten, also das Leitmotto ‚Soli Deo Gloria‘.“ Es bedeute, Gott allein die Ehre zu geben und es bedeute weiterhin, den Menschen Gutes zu tun. Schließlich sei dies „Teil des christlichen Liebesgebotes.“
Der Pommesverkauf soll dazu beitragen, jungen Menschen, die sich die Auslagen für das BUJU nicht leisten können, die Teilnahme zu erleichtern. Tobias hat deshalb mehr Pommes eingekauft als im vergangenen Jahr und ist durch die hohe Anzahl der Anstehenden überzeugt, richtig kalkuliert zu haben. „Die Pommes bekommen wir alle los“, freut er sich.
Auch GJW-Leiterin Lea Herbert packt mit an und verteilt Pommes auf Pappschalen. Sie sagt: „Für das BUJU schlägt mein Herz ganz besonders. Ich finde es toll, zu sehen, wie viele Ratsteilnehmerinnen und -teilnehmer sich hier anstellen, um einen Teil der Ausgaben für die Pommes dem BUJU zugutekommen zu lassen.“
Diese Fundraising-Aktion für das BUJU ist alleine aufgrund des Preisleistungsverhältnisses ein bemerkenswerter Erfolg. Den Ausgaben von etwa 300 Euro stehen Einnahmen von etwa 1.200 Euro gegenüber. Well done, Tobi!
Ein Artikel von Tom Goeller











