Foto: David Vogt

Kirche für Dich – inklusive Kirche gestalten

Teilhabe ermöglichen und andere Standpunkte aushalten

Bei der Bundesratstagung hat der Arbeitskreis Inklusion des Gemeindejugendwerks (GJW) das Forum „Kirche für Dich – inklusive Kirche gestalten“ organisiert. Wolfgang Günter war dabei und berichtet.

Landläufig versteht man unter Inklusion, dass in Gebäuden Fahrstühle eingebaut und Rampen angebracht werden, dass Texte auch in Blindenschrift und in Leichter Sprache präsentiert werden. Nicht ganz falsch, aber keineswegs die ganze Wahrheit. Im Forum 5 „Kirche für Dich – inklusive Kirche gestalten“ führten Mira Kuder vom GJW und Prof. Dr. Carsten Claußen, Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal, mit zwei Impulsen in das Thema ein.

Die gesellschaftliche Relevanz des Themas beleuchtete Mira Kuder anhand der Grundannahme, dass Inklusion schlicht und einfach Vielfalt bedeutet. Konkret heiße das: Allen sollte ganz selbstverständlich Teilhabe ermöglicht werden, und zwar nicht von oben herab oder erst auf Nachfrage. Wir reden nicht davon, dass jemand „behindert ist“, sondern dass jemand behindert wird. Unsere Aufgabe besteht also darin, die Situation so zu verändern, dass Teilhabe möglich wird.  Inklusion wird dann nicht als Last empfunden, sondern als Vielfalt und Bereicherung betrachtet. Natürlich werde das nie zu einhundert Prozent gelingen, doch wichtig sei es, überhaupt anzufangen.

Carsten Claußen führte zunächst Matthäus 21,14 an: „Dann kamen im Tempel Blinde und Gelähmte zu ihm, und er machte sie gesund.“ In unseren Gemeinden erleben wir ebenfalls, dass Menschen zu uns kommen, doch nicht alle werden geheilt. Theologisch steht die Frage nach der Gottesebenbildlichkeit dahinter. Wie sehen Menschen aus, die Gott nach seinem Bild geschaffen hat? Ein Gedanke des an Kinderlähmung erkrankten Theologen Ulrich Bach helfe hier weiter: Gottes Herrlichkeit wird nicht nur in Heilung offenbar, sondern ebenso, wo ein nicht Geheilter Gottes Gnade genug sein lässt. Das Reich Gottes ist kein Reparaturbetrieb für das, was wir für Beeinträchtigungen halten. Gottesebenbildlichkeit hat nichts mit einem vollkommenen Körper zu tun, sondern damit, sich an Gottes Gnade genügen zu lassen.

Immer wieder wurden die Teilnehmenden selbst beteiligt, indem sie zum Beispiel nach den Aspekten gefragt wurden, die sie am meisten interessierten, oder in Kleingruppen über ihre Erfahrungen und Wünsche in der Gemeindearbeit gefragt wurden. Zum Schluss unterstrich Mira Kuder noch einmal, dass Jesus sein Handeln darauf richte, Gemeinschaft wiederherzustellen – auch wenn das in Gemeinden nicht immer so gelebt werde und Einzellösungen und Ausnahmen angeboten würden, statt bestimmte Situationen von Grund auf zu ändern. Dabei spielt das Stichwort Ambiguitätstoleranz eine entscheidende Rolle – die Fähigkeit, andere Standpunkte als den eignen auszuhalten. Und manchmal gibt es ganz einfache Lösungen, die praktisch nichts kosten, um Teilhabe zu ermöglichen, zum Beispiel beim Abendmahl glutenfreies Brot und Traubensaft anzubieten oder Lieder in zwei Sprachen zu singen.

Bisher ist der Arbeitskreis Inklusion in das GJW eingebunden. Eine Ausweitung auf den ganzen Bund wird angestrebt. Am 29. Juni wird von 19:00 bis 21:00 Uhr ein Auftakttreffen für alle Interessierten angeboten. Es findet per Zoom statt und ist kostenlos. Die Anmeldung ist hier möglich.  

Ein Artikel von Wolfgang Günter (Die Gemeinde)