
Kulturelle Kompetenz und theologische Grundbildung
Zehn Jahre Ausbildung afrikanischer Gemeindeleiter am IBTB
Vor zehn Jahren gründete eine französischsprachige Gemeinde im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) in Bochum das Institut Biblique et Théologique (IBTB). Seitdem werden dort Gemeindeleiter afrikanischer Gemeinden ausgebildet. Michael Kißkalt, Dozent am Theologischen Seminar Elstal (Fachhochschule), unterrichtet an der Einrichtung einmal pro Jahr die Themen Missiologie, Evangelisation und Interkulturelle Kommunikation. Die Entwicklung des Institut Biblique hat er seit dessen Gründung interessiert mitverfolgt: „Der unbändige Hunger nach theologischer Bildung unter den afrikanischen Pastoren hat mich von Anfang an fasziniert.“ Für baptisten.de berichtet Kißkalt über seinen letzten Einsatz und darüber, wie es das Institut geschafft hat, trotz zunächst sinkender Schülerzahlen zu expandieren.
Um die sensiblen Themen des interkulturellen Zusammenlebens in den Gemeinden ging es in meiner Lehrveranstaltung im März. Acht Teilnehmer des theologischen Intensivkurses saßen im Klassenraum der Matthias-Claudius-Schule in Bochum. Über eine Audio- und Videoübertragung per Internet nahmen fünfzehn weitere Gemeindeleiter am Unterricht teil. Sie saßen unter anderem in Frankfurt, Irland, Holland und der Schweiz und konnten dem Unterricht nicht nur folgen, sondern sich auch aktiv an den Diskussionsrunden beteiligen.
Lehreinheiten und Diskussionsrunden wechselten sich ab. Die Gemüter erhitzten sich vor allem bei den kulturell sensiblen Fragen wie dem Umgang mit Macht und den Rollen von Mann und Frau. Christen, die in den patriarchalischen Strukturen Zentralafrikas aufgewachsen sind, haben andere Gemeindestrukturen entwickelt, als Christen in westlichen Gesellschaften. Im afrikanischen Kontext ist der Pastor als Vater der Gemeinde-Familie mit einer besonderen Autorität ausgestattet, die nicht angezweifelt werden darf. Die nachwachsende Generation in den Migrationsgemeinden Europas stellt dieses patriarchalische System zunehmend in Frage. Um diesen Konflikt zu lösen, stehen viele Migrationsgemeinden vor der Herausforderung, Wege der Machtteilung in den Gemeinden einzuführen, ohne das patriarchalische System revolutionär aufzulösen. Ähnlich spannungsreich entwickelt sich das Verhältnis von Männern und Frauen in den Gemeinden. Es gibt in den afrikanisch geprägten Gemeinden erst wenige Pastorinnen, deren Status unter den Pastorenkollegen und in den Gemeinden heftig diskutiert wird. Ich habe die Seminarteilnehmer ermutigt, bei diesen konfliktreichen, interkulturellen Übergängen Mediatoren zu suchen, z.B. ehemalige Missionare aus den europäischen Schwesterkirchen.
Das Institut Biblique et Théologique de Bochum wurde vor zehn Jahren von der französischsprachigen EFG Mouvement International du Réveil Spirituel gegründet. Inzwischen ist die Schule selbständig und bietet ein- bis dreijährige Kurse für frankophone Gemeindeleiter an. Zusammen mit Prof. Dr. Erich Geldbach (Marburg) und Dr. Rudolf Ficker, der vor seinem Ruhestand Direktor des Evangelischen Entwicklungsdienstes in Bonn war, arbeite ich im Beirat des Instituts.
Die afrikanische Bibelschule wird seit ihren Anfängen von afrikanischen Immigranten überwiegend ehrenamtlich geleitet und verwaltet. Als Direktor wirkt Herr Kany wa Kany, ursprünglich aus dem Kongo (Beruf: Informatik), als Geschäftsführerin Frau Florine Mbella Ngom, ursprünglich aus Kamerun (Beruf: Informatik), Pastorin einer afrikanischen Gemeinde in Dortmund. Studienleiter ist Mushidi Mayoyo Fidèle. Er ist kongolesischer Herkunft, Theologiedoktorand und Pastor einer frankophonen Gemeinde in Frankfurt.
In den zehn Jahren haben insgesamt achtzig Personen an den Kursen teilgenommen. Die Teilnehmer versammeln sich an 40 Wochenenden im Jahr von Freitagabend bis Samstagnachmittag, um den Unterrichtseinheiten zu folgen. Für ihre theologische Ausbildung investieren sie viel Zeit und Geld. Als Lehrer engagierten sich anfangs vor allem akademisch gebildete Theologen kongolesischer Herkunft aus Belgien. Inzwischen übernehmen auch ehemalige Studenten und in Deutschland tätige kongolesische Pastoren Unterrichtseinheiten.
Vor einigen Jahren ging die Zahl der Bibelschüler vor Ort zurück. Gleichzeitig nahmen die Nachfragen aus kongolesisch geprägten Gemeinden in ganz Europa zu. So entschieden sich die Verantwortlichen für die Vernetzung und Übertragung per Internet. Im irischen Dublin wurde eine Schwesterschule gegründet, mit ähnlichen Strukturen und Lehreinheiten wie in Bochum. Dort gibt es für afrikanische Gemeindeleiter, je nach Herkunft, Kurse auf Französisch oder Englisch. Da sich die Bochumer Schule zunehmend zu einer europaweit agierenden Internetschule entwickelt, wird hier Französisch vorerst die Unterrichtssprache bleiben.
Seit drei Jahren organisiert das Institut auch Studienreisen nach Israel und neuerdings auch in den Westen der Türkei, wo sich zu apostolischen Zeiten viele christliche Gemeinden gründeten. Die Reisen finden unter frankophonen Migranten in Europa großen Zuspruch.
Die Geschichte des Instituts zeigt, dass Migrantenchristen nicht einfach auf Hilfe von den Einheimischen warten, sondern mit ihrer Situation kreativ und aktiv umgehen, um ihre Berufung zu leben.
Michael Kißkalt
Ein Artikel von Michael Kißkalt
