
Totes Meer von Shagur in Jordanien
Verwoben – 75 Jahre Europäische Baptistische Föderation
Vielfältige Stimmen arabischer Christen bei Ratstagung in Jordanien
Vom 24. bis 27. September fand die jährliche Ratstagung der Europäischen Baptistischen Föderation (EBF) in Amman/Jordanien statt. In diesem Jahr wurde das 75-jährige Jubiläum der Vereinigung von Baptistenbünden aus Europa und dem Nahen Osten gefeiert. Heute zählen 59 Bünde aus 52 Ländern mit fast 750.000 Mitgliedern zur EBF. Spannende Begegnungen und Vorträge zogen sich durch das Programm, und die Kriegssituation in der Region prägte die Aufrufe zu Frieden und Solidarität von arabischen Christen. Ein besonderer Fokus lag auf Berichten aus Gaza und dem Westjordanland.
Bereits 1950, als die EBF gegründet wurde, prägten große Umbrüche die Region um Jordanien. „Seit unserer Entstehung sind wir für den Frieden miteinander verbunden“, sagte Alan Donaldson, Generalsekretär der EBF. „Unsere Einheit ist ein Zeugnis des Evangeliums in einer geteilten Welt.“ Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten während des Kongresses, ermutigte Pastorin Lynn Green, Generalsekretärin der britischen Baptisten und neugewählte Vizepräsidentin des Baptistischen Weltbundes (Baptist World Alliance), die Teilnehmenden, als baptistische Gemeinschaften vor Ort miteinander verwoben zu sein. Passend zum Konferenzthema „Woven together for peace“ („Zusammen verwoben für den Frieden“) nutze sie das Bild von einem Loch in einem Kleidungsstück: „So wie Löcher gestopft werden, können wir als Baptisten Beziehungen heilen, Lücken füllen und Zerbrüche überwinden.“ Dazu brauche es wie beim tatsächlichen Flicken eines Loches, „dass wir über die Ränder hinausgehen, Grenzen erweitern und wirklich die Fäden unserer Geschichten unter- und übereinanderlegen“.
Pastor Nabil Costa von der German Baptist Aid-Partnerorganisation Thimar aus dem Libanon war eine von vielen Stimmen aus der Region, die dazu aufgerufen haben, zu beten und finanzielle Unterstützung im Nahen Osten weiter zu stärken. Viele Menschen sind andauernd auf der Flucht, die Situation in Syrien bleibt unberechenbar und Hilfsprojekte stehen treu Menschen zur Seite, die ihre Heimat verlassen mussten. Besonders der bevorstehende Winter wird große Herausforderungen mit sich bringen.
Sein Cousin, Pastor Charles Costa (ebenfalls Libanon), wurde nach zwei Jahren als Vizepräsident nun zum EBF-Präsidenten gewählt. Gemeinsam mit dem schottischen Generalsekretär Alan Donaldson und der neuen Vizepräsidentin Dr. Einike Pilli aus Estland leitet er die EBF in den nächsten Jahren. In seiner Rede sprach er leidenschaftlich davon, sich im Angesicht aller Konflikte und Herausforderungen für Frieden und Versöhnung einzusetzen. „Jesus ist der Friedefürst und es ist unser Auftrag als Kirche, diese Wesensart Gottes in die Welt zu bringen“. Viele religiöse und staatliche Vertreter haben an dem Festabend zum 75. Jubiläum teilgenommen, der in Auszügen im jordanischen Fernsehen übertragen wurde.
An der Vorkonferenz zu humanitärer Arbeit hat Ehepaar Kakish aus Ramallah (Westbank) teilgenommen. Pastor Munir arbeitet seit 47 Jahren mit seiner Frau Sharon in Palästina. Sie meinte mit einem Augenzwinkern: „Bei Gott ist das immer noch ein Kurzzeiteinsatz“. Es ist beeindruckend, wie sich das Ehepaar für die Menschen in ihren Gemeinden in Ramallah, Ramla (auf israelischem Gebiet) und Gaza einsetzt. Pastor Munir zeigte Bilder von der dort zerstörten Baptistengemeinde und erzählte davon, wie die Christen sich immer noch treffen. Mehr als 700 Menschen konnte bisher in der Westbank und im Gazastreifen durch die Gemeinde von Munir und Sharon Kakish mit der Bereitstellung von Lebensmitteln geholfen werden. Als deutscher Bund leisten wir auf diesem Weg weiter Hilfe und rufen dringend zu Spenden an den Katastrophenhilfefonds auf.
Dr. Michael Rohde, Pastor in Kassel-Möncheberg, nahm an einer theologischen Vorkonferenz teil und berichtet von unterschiedlichen Impulse: Den Auftakt machte Professor Yohanna Katanacho (Israel) zum Thema „Fallstricke und Verheißungen der Predigt des Alten Testaments“. Katanacho zeigte, wie Jesus auf sechs verschiedene Weise selbst mit dem Alten Testament umgegangen ist und die Texte nicht wörtlich verstanden hat, sondern für seine Verkündigung gebrauchte. Rami Halaseh (Jordanien/USA) empfahl Baptisten heute, die Theologie der Baptisten im 17. Jahrhundert stärker zu beachten für ihre eigene Bildung von Grundsätzen. Anthony Peck (Großbritannien) erläuterte wie den ersten Täufern vor 500 Jahren und später den Baptisten Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit enorm wichtig gewesen sind. Er erinnerte an den Einsatz für diese Freiheiten gegenüber der staatlichen Macht wie von Thomas Helwys gegen König James. Dr. Toivo Pilli (Estland) warb dafür, baptistische Identität durch Erzählungen und Erzählen zu stärken. Beispielhafte nannte er Geschichten vom Preis der Nachfolge, von lebensverändernden Bekehrungen und von respektvoller aber radikaler Uneinigkeit. Anna Robins (Kanada) erinnerte an die Herrschaft Jesu Christi, welche baptistische Identität prägt und kritisch gegen jede Obrigkeit macht. In der Geschichte haben Baptisten mit Stillschweigen oder Anpassung auf staatliches Handeln oder auf Propaganda reagiert, Robin empfahl dagegen einen prophetisch-kritischen Umgang. Dabei zeigte sie anhand der biblischen Texte der Propheten Nathan und Elia und nach Matthäus 10, wie solche Prophetie in Form einer Erzählung, in direkter Kritik oder schlauer Intervention aussehen kann. In einem anschaulichen Bild stellten die Anwesenden fest, dass Elemente der Identität wie Legosteine bekannt sind, aber je nach Land und Kultur unterschiedlich zusammengefügt werden. Für Rohde war diese Vorkonferenz eine besondere Erfahrung, bei der verschiedene (Erzähl-)Fäden aus unterschiedlichen Kulturen von Jesus Christus zu einer gemeinsamen Identität zusammengewoben wurden.
Vor der Konferenz besuchte ich im Auftrag von German Baptist Aid das Zarqa Life Center. Zarqa ist eine Stadt mit 635.160 Einwohnern, nordöstlich von Amman. Hier werden Frauen gefördert, die Fluchterfahrungen haben. Es ist ein sicherer und ruhiger Ort, um aufzutanken, Gemeinschaft zu erleben und neue Kompetenzen zu erlernen. Es gibt seit Kurzem ein offenes Kaffee für junge Erwachsene. Ein besonderer Fokus liegt in der psychologischen Einzelberatung durch eine ausgebildete Fachkraft. Die Projektleiterin Gertrud Khouri kam als Deutsche in das Land und hat dort geheiratet. Sie spricht fließend Arabisch und hat eine beeindruckende Nähe zu den Frauen. Auf die Frage, nach einem prägenden Erlebnis, erzählt sie sichtlich gerührt folgende Geschichte: „An einem Muttertag haben wir den Frauen im Projekt Blumen geschenkt – eine Frau umarmte mich mit Tränen in den Augen und sagte: ‚Ich habe noch nie in meinem Leben eine Blume geschenkt bekommen.‘“
Jordanien ist ein vielfältiges, gastfreundliches und kulturell reichhaltiges Land. Mehrere Touren wurden rund um die Konferenz veranstaltet und so konnten die Teilnehmenden den Ort der Taufe Jesu, das Tote Meer oder den Berg Nebo besuchen. Von hier aus hat Mose am Ende der Wüstenwanderung vom einen Heiligen Land in das andere geschaut. Es gab auch noch eine Tour in die im Süden des Landes liegende Felsenstadt Petra. In Jordanien leben fast 12 Millionen Menschen – knapp sieben Millionen in der Metropolregion Amman. Viele Millionen Palästinenser leben dort. Das Land gilt seit langem als sicher und stabil, was einzigartig in der Region ist. Die Menschen sind stolz auf ihr Land und die konstitutionelle Monarchie. Die Anzahl der Christen geht in der Region schon lange zurück. Allerdings ist die jordanische Politik tolerant gegenüber allen Religionen und es leben fünf Prozent Christen im Land.
Ein Artikel von Matthias Dichristin (und Michael Rohde)











