
„Was macht dich froh und frei?“ – Vom Evangelium, dem Redeparadox und der Mäusejagd
Predigtschulung für Frauen mit Pastorin Anja Neu-Illg
Nicht die Frage, ob Frauen anders als Männer predigen, sondern die Feststellung, dass in freikirchlichen Kontexten Frauen unter den Predigenden dramatisch unterrepräsentiert sind, motivierte Pastorin Anja Neu-Illg (Baptistengemeinde Rostock), Anfang Februar im Möllner Tagungszentrum „Tannenhof“ eine Predigtschulung für Frauen anzubieten. Der Einladung gefolgt waren 14 Frauen im Alter von Mitte 30 bis 70, überwiegend – aber nicht ausschließlich – aus Gemeinden des Bundes. Manche hatten schon öfter in der eigenen Gemeinde oder als Gast gepredigt, andere wagten sich zum allerersten Mal an diese Aufgabe heran.
Das Seminar unter der Leitung von Neu-Illg war didaktisch klug aufgebaut und von methodischer Vielfalt gekennzeichnet und hatte die inhaltliche Aufbereitung einer Predigt (nicht etwa die Vortragsweise) im Fokus. Im Zentrum stand den Bericht über die Begegnung von Maria aus Magdala mit Jesus am Ostermorgen (Johannes 20,11-18).
Nach zweimaliger Lektüre des Textes wurden erste Eindrücke, Erinnerungen und Assoziationen notiert. Daraufhin wurde über verschiedene Aspekte der Predigt und der Predigtsituation nachgedacht, zum Beispiel über das „Redeparadox“, als Theologinnen über Gott reden zu müssen, gleichzeitig aber als Menschen, dies nicht zu können; über den unerfüllbaren Anspruch, im eigenen Leben die Botschaft des Evangeliums widerzuspiegeln; über das Privileg – und die Notwendigkeit –, zu reden, obwohl andere es besser könnten. Und über Authentizität, die zurzeit in vielen Freikirchen einen hohen Stellenwert genießt, aber nicht so weit ausgereizt werden darf, dass „too much information“ aus dem Privatleben der Predigerin mitgeteilt wird.
Im Mittelpunkt aber stand das Evangelium des Textes – verstanden als Antwort auf die Frage: „Was an diesem Text macht dich froh und frei?“ – sowie das Thema des Textes und das Ziel einer Predigt.
In einer weiteren Einheit erarbeiteten die Teilnehmerinnen in Kleingruppen die wesentlichen Schritte einer Exegese. Sie erörterten unter anderem den Kontext der Perikope, die handelnden und redenden Personen, die genauen Abläufe der Handlung und der Dialoge. Diese wurden nicht nur schriftlich, sondern auch zeichnerisch zusammengetragen.
Nachdem dann jede für sich gleich mehrere Themen, frohe und freimachende Botschaften des Textes sowie auch ein Predigtziel festgehalten hatte, ging es ans Schreiben von „Predigtminiaturen“, Texten mit einer Sprechlänge von rund drei Minuten. Diese konnten zum Beispiel Einleitung oder Schluss oder ein Teil aus der Mitte einer Predigt sein. Neu-Illg ermutigte die Teilnehmerinnen, auch literarische Formen wie den inneren Monolog auszuprobieren, und erinnerte daran, das Ziel der Predigt nicht aus den Augen zu verlieren.
Bevor die Predigtminiaturen vorgetragen werden sollten, ging es auf Mäusejagd. Neu-Illg nahm dabei ein Sprichwort auf, das der englische Baptistenprediger Charles Spurgeon oft zitierte: „Niemals den Pflug anhalten, um eine Maus zu fangen!“ Wer versucht, beim Pflügen Mäuse zu fangen, verliert sein Ziel aus den Augen. Die Furche wird schief. Mäuse, die auf Nebenspuren durch eine Predigt huschen und vom Predigtziel ablenken könnten, müssen in einem letzten Schritt eingefangen und beseitigt werden.
Schließlich wurden am Samstagabend in einer bewegenden Runde die erarbeiteten Predigten gehalten. Eine nach der anderen trugen fast alle Frauen Texte vor: innere Monologe, dialogisch gehaltene Texte, Lyrik – auch eine Predigt in klassischer Form mit mehreren Punkten und einer Aufforderung war dabei. Gemeinsam wurden die Arbeiten und die neu gewonnene Sprachfähigkeit gefeiert.
Eingerahmt wurden die Tage von Morgen- und Abendandachten sowie von einem Gottesdienst am Sonntagvormittag. Diese Zeiten der Stille und des Gebets luden ein, das Gelernte und Erlebte in Gottes Hände zu legen. Im Gottesdienst am Sonntag war Gelegenheit, die Botschaft vom auferstandenen Herrn und von Maria, die ihn sah und mit ihm sprach, noch einmal zu reflektieren, bevor die Teilnehmerinnen am Nachmittag nach Hause gingen, um – wie Maria – zu verkündigen, was sie mit Jesus und mit Gottes Wort erlebten und erleben.
Ein Artikel von Diane Brandt
