Bund aktuell Nr. 7 | 2. Juli 2026
Lieber Leserin, lieber Leser,
in fast all meinen Gesprächen der letzten Wochen gab es ein bestimmendes Thema: die Hitze. Wie geht es dir bei diesem Wetter? Müssen wir Veranstaltungen absagen, um die Menschen zu schützen? Und wie heiß ist es eigentlich in deiner Wohnung?
Dabei freue ich mich eigentlich auf den Sommer. Ich liebe es, wenn die Tage lang sind, das Leben sich draußen abspielt und mein Alltag ein wenig auf Pause schaltet. Der Sommer ist für mich die Zeit zum Durchatmen, für neue Erfahrungen, zum Reisen und Auftanken.
Doch neben diesen schönen Seiten spüren wir in diesem Jahr deutlicher denn je, dass der Sommer nicht für alle gleichermaßen unbeschwert ist. Die Hitzewellen zeigen uns: Wetterextreme sind längst Teil unserer Lebensrealität. Und sie treffen Menschen sehr unterschiedlich – zum Teil existenziell. Vor dieser Kulisse trifft der Monatsvers für Juli einen ganz besonderen Nerv. Im Buch des Propheten Amos heißt es:
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,24)
Um die Wucht dieses Bildes zu verstehen, müssen wir uns den Hochsommer im antiken Israel vorstellen. Die meisten Flussbetten, die Wadis, trockneten in den heißen Monaten vollständig aus. Sie wurden zu staubigen, rissigen Gräben, die nur noch erahnen ließen, wo einmal Leben floss. Ein Bach hingegen, der nie versiegt – der also auch in der extremsten Dürre unaufhörlich kühles, klares Wasser führt –, war ein lebensrettendes Naturwunder. Gott sagt uns hier: Meine Gerechtigkeit ist kein kurzes Sommergewitter. Kein flüchtiger Regenschauer, der den Staub von der Straße wäscht, eine Pfütze hinterlässt und verdunstet. Sie soll eine unaufhaltsame, verlässliche Lebensader sein. Ein Strom, der niemals aufhört und aus dem wir alle leben dürfen.
Dieses kraftvolle Bild sprach Amos im 8. Jahrhundert vor Christus in eine Gesellschaft hinein, der es wirtschaftlich gut ging. Es herrschte Frieden, Wohlstand und eine enorme religiöse Betriebsamkeit. Die Tempel waren voll, die Lieder prachtvoll. Doch hinter dieser glänzenden Fassade steckte eine korrupte Ungerechtigkeit: Der Wohlstand der Oberschicht war auf dem Rücken der Schwächsten aufgebaut. Die Reichen beuteten die Kleinbauern aus und kauften sich die Richter am Stadttor mit Bestechungsgeldern. Recht und Gerechtigkeit waren zu einer Ware geworden, die sich nur Privilegierte leisten konnten – und all das geschah unter dem Deckmantel einer frommen Gesellschaft.
Amos hält dieser Elite radikal den Spiegel vor. Er macht unmissverständlich klar: Glaube und soziale Verantwortung gehören untrennbar zusammen. Frömmigkeit und Gerechtigkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Ein Glaube und ein Gottesdienst, der die Augen vor dem Nächsten und der Not der Welt verschließt, verfehlt sein Ziel. Gottes Gerechtigkeit ist kein Luxusgut für wenige, sondern sie gilt ausnahmslos allen Menschen – ganz besonders den Armen, den Ausgebeuteten und den Schwachen.
Wenn wir dieses prophetische Wort in unsere Gegenwart holen, müssen wir ehrlich sein: Auch in unserer globalisierten Welt sieht es von außen oft beeindruckend aus. Und doch basiert unser verhältnismäßiger Wohlstand nicht selten auf globaler Ausbeutung, Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Für billige Güter werden Abhängigkeiten geschaffen und Menschen an den Rand gedrängt. Für wertvolle Ressourcen werden Kriege geführt und die Not der Schwachen in Kauf genommen. „Die Welt brennt“ diesen Satz habe ich in der letzten Zeit immer wieder gehört. Manchmal scheint es tatsächlich, als würde die Welt brennen – ökologisch, politisch und sozial.
Auch bei den Hitzewellen und Klimaveränderungen wird sichtbar: Die Armen und Schwachen trifft es am härtesten. Sie können sich am wenigsten schützen, ihre Wohnungen kühlen nachts nicht ab, ihre Lebensgrundlagen sind durch Dürre und Überschwemmungen in Gefahr. Die Schwächsten zahlen den höchsten gesundheitlichen und existenziellen Preis für eine globale Erderwärmung, zu der sie durch einen minimalen ökologischen Fußabdruck am allerwenigsten beigetragen haben.
Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Wenn Amos fordert, das Recht wie Wasser strömen zu lassen, dann meint er auch das: Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit sind Teil unseres biblischen Auftrags. Das darf uns nicht kaltlassen.
Gottes Gerechtigkeit ruft uns dazu auf, die Augen nicht zu verschließen – auch nicht vor der Ungerechtigkeit im eigenen Land. Denn auch bei uns leiden die Schwächsten am meisten, und sie wollen wir sehen.
Die ruhigeren Sommerwochen sind eine gute Gelegenheit, uns auch selbst zu hinterfragen: Was ist unser Anteil daran? Was können wir konkret tun, damit Gerechtigkeit wächst? Wo sollten wir uns vielleicht zurücknehmen, um anderen Raum und Chancen zu geben?
Ich wünsche uns für diesen Sommer, dass wir in den wohlverdienten Ruhephasen an der unerschöpflichen Quelle Gottes auftanken. Möge sein Geist uns erfrischen und uns den Blick für die Mitmenschen weiten, damit wir selbst für die Welt um uns herum zu einem sichtbaren Strom des Rechts, der Barmherzigkeit und der Hoffnung werden.
Pastorin Natalie Georgi (Präsidentin)