Bund aktuell Nr. 6 | 4. Juni 2026

Lieber Leserin, lieber Leser,

wir kommen von Pfingsten her. Was für ein Fest. Vor wenigen Tagen hat die Christenheit gefeiert, dass Gott selbst entschieden hat, mit seinem Geist bei uns einzuziehen und in uns zu wohnen. „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“, fragt der Apostel Paulus in 1. Korinther 3,16. Da heißt es nicht: „Wisst ihr nicht, dass der Geist Gottes euch besuchen kommt oder mal für eine Zeit lang vorbeischaut“, sondern: „Wisst ihr nicht, dass der Geist Gottes in euch wohnt?“ Wer irgendwo wohnt, der ist wirklich dort, mit allem, was ihn oder was sie ausmacht. In einem Hotelzimmer überlege ich manchmal, ob ich meine Koffer überhaupt auspacke, weil ich eh bald wieder weg bin. Dort, wo ich wohne, ist das ganz anders. Dort, wo ich wohne, da bleibe ich und da breitet sich über die Zeit mein ganzes Leben aus, bis in die letzten Ecken und Winkel der Wohnung. Gott, der Heilige Geist – das feiern wir an Pfingsten – kommt auf diese Welt und er zieht durch den Glauben bei uns ein, in unser Herz, und will dort wohnen, nicht nur übernachten für ein paar Tage. Und er tut das aus purer Liebe. Ich staune immer wieder neu darüber, dass der Heilige Geist durch den Glauben in uns wohnt. Denn mein Inneres hätte ich als Wohnung, ehrlich gesagt, nicht so uneingeschränkt empfohlen. In meinem Herzen gibt es helle und freundliche und aufgeräumte Bereiche; aber es gibt auch die Seiten meines Herzens, die dunkel und unfreundlich und unaufgeräumt sind. Es gibt wahrscheinlich wirklich schönere Wohnungen als mein Herz. Und dennoch entscheidet sich Gott selbst in uns und in unseren Herzen zu wohnen. Ob es dort hell und freundlich und aufgeräumt ist oder nicht. Gott klopft nicht an unsere Herzenstür und zieht erst ein, wenn dahinter alles schön und ordentlich und fein ist. Gott klopft an unserer Herzenstür und wenn die Tür im Vertrauen auf ihn aufgeht, dann kommt er rein und zieht dort ein und wohnt dort, egal, wie es dahinter aussieht. Denn sein Wohnen in uns ist Gnade, Gnade und nochmals Gnade.

Das heißt auch: Seit Pfingsten muss Dein und mein Herz nie mehr einsam sein. Seit Pfingsten ist Gottes Geist da in Dir und in mir. Paulus beschreibt diesen Geist in 2. Timotheus 1,7 mit ganz wenigen wunderschönen Worten: Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Mit Pfingsten ziehen Kraft, Liebe und Besonnenheit bei uns ein, um dort zu bleiben und zu wohnen. Kein Geist der Furcht, sondern der Kraft. Kein Geist der Angst, sondern der Liebe. Kein Geist der Sorge, sondern der Besonnenheit.

Trotzdem sind Furcht und Angst und Sorge ja nicht einfach weg, wenn der Geist Gottes in uns wohnt. Und doch kann durch den Geist in uns manches anders werden. Denn Furcht und Angst und Sorge haben durch den Geist in uns heilsame Gegenüber bekommen: die Kraft, die Liebe und die Besonnenheit. Manchmal mache ich mir das durch eine ganz einfache Übung deutlich: Wenn die Furcht in mir wachsen möchte, dann stelle ich sie der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit vor. Furcht, darf ich vorstellen, das ist die Kraft in mir. Kraft, das ist die Furcht. Angst, darf ich vorstellen, das ist die Liebe in mir; Liebe, das ist die Angst. Sorge, darf ich vorstellen, das ist die Besonnenheit; Besonnenheit, das ist die Sorge. Und manchmal, schneller als erwartet, können Angst und Furcht und Sorge sich dann nicht mehr so breit machen wie vorher. Warum? Weil seit Pfingsten Dein und mein Herz nie mehr allein sein muss. Der Geist in dir ist da. Die Kraft in dir ist da. Die Liebe in dir ist da. Die Besonnenheit ist da in dir. Und die gehen da nicht mehr weg. Die sind eingezogen, um zu wohnen und zu bleiben. Und manchmal braucht es vielleicht nicht mehr, als unser Herz immer wieder neu in die Gegenwart von Kraft, Liebe und Besonnenheit zu führen. Vielleicht in der Weise, wie es Franz von Sales, ein Mensch aus dem 16. Jahrhundert, formuliert hat – ich habe sein berühmtes Zitat nur ein wenig verändert: „Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz zurück und versetze es sanft in die Gegenwart des Heiligen Geistes in dir. Und selbst, wenn du in deinem Leben nichts getan hast, außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart des Heiligen Geistes in dir zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgeholt hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt.“ Gottes Segen Dir und Euch auf dem Weg.

Pastor Dr. Maximilian Zimmermann (Generalsekretär)