So viel Talent und so wenig Möglichkeiten
Begegnungen in Albanien
Ich möchte euch Lisa* vorstellen. Eine Teenagerin, die ich in Lezhe in Albanien getroffen habe. Die Unterhaltung mit ihr hat mich nachhaltig beeindruckt. Da war so viel Klugheit und Reflexivität in ihre Sprache, eine Zugewandtheit und Freundlichkeit, die man nicht oft in Gesprächssituationen erlebt. Und sie hat diesen einen Satz gesagt, der mich seit dieser Begegnung nicht mehr loslässt: „Menschen haben so viel Talent, so viel Sehnsucht und so viel Hingabe – aber es fehlen die Möglichkeiten.“
Von Begegnungen wie dieser handelt der Film, der bei meiner letzten Albanienreise entstanden ist. Ihr könnt ihn einfach über den Header anklicken. Gemeinsam mit Pastor Edmond und seiner Frau Nila konnte ich fünf Familien und einen Kindergarten besuchen, die sie als kleine Baptistengemeinde in Lezhe/Albanien unterstützen. Seit vielen Jahren erhalten sie dafür finanzielle Unterstützung von German Baptist Aid, mit der sie Lebensmittelhilfen über den Winter und in besonders herausfordernden Situationen auch über das ganze Jahr verteilen können. Lisa erzählt am Ende des Films auch davon, wie diese Hilfe ihr Leben positiv beeinflusst. Und es wird deutlich, dass es um viel mehr als Lebensmittelhilfe geht – es geht um ein Pastorenehepaar und ihre Gemeinde, die Menschen sieht und nach Möglichkeiten sucht, um ihnen zur Seite zu stehen.
So auch bei der alleinerziehenden Mutter, die mit zwei Kindern mit Beeinträchtigungen in einer für meinen privilegierten Erfahrungshorizont hoffnungslosen Situation lebt: Auch hier sind die Momente und Gespräche, die ich erlebe beeindruckend: Nila und Edmond kommen seit vielen Jahren regelmäßig in dieses Zuhause und überlegen, was sie für die Mutter und die Kinder tun können. Nach diesen Begegnungen lässt mich wie so oft das Leid der Menschen nicht los und ich frage Edmond, was man zusätzlich tun könnte. Er antwortet mir ganz ruhig: „Mach dir keine Sorgen, wir werden als Gemeinde sehen, was wir machen können.“
Einige Zeit nach der Reise bekomme ich eine Nachricht von Edmond mit einigen Bildern: „Lieber Matze, ich kann nicht bis zum nächsten Zwischenbericht warten, um diese Neuigkeiten mit dir zu teilen. Wir konnten kleine Gewächshäuser für drei Familien bauen und einen Hühnerstall für die Familie, die du besucht hast, so dass sie jetzt Hühner halten können. Mein Herz ist voll.“
Und weil mein Herz auch voll ist, teile ich diese Geschichte mit euch. Es ist voll, weil ich so stolz auf unsere Projektverantwortlichen wie Pastor Edmond bin, die Potentiale und Hoffnung in jeder Situation entdecken, die Menschen auf die Beine helfen mit ihren eigenen Möglichkeiten, die aus dem Wenigen, dass da ist so viel herausholen. Und mein Herz ist auch mal wieder voll mit all den großen Fragen, die mich so existentiell bewegen: Was kann ich persönlich tun, wie kann ich Menschen besser ernst- und wahrnehmen und wie kann eine Welt gelingen in der Gerechtigkeit und Frieden sich küssen?
*Name geändert
Ein Artikel von Matthias Dichristin


