Monatsandachten

Geistliche Impulse aus der Theologischen Hochschule Elstal

Die Andachten dürfen kostenfrei in Gemeindebriefen abgedruckt werden. Die Nutzungsbedingungen und alle Dokumente und Bilder zum Download finden Sie auf der Seite der Theologischen Hochschule. Dort können Sie auch bereits jetzt die Andachten für die kommenden Monate herunterladen.

Ältere Andachten finden Sie im Archiv.

Januar 2023

Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut. (Gen 1,31)

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres – das Jahr 2023. Vor uns liegen noch unbeschriebene Monate, hinter uns das Neujahrsfest. Vielleicht auch dieses Jahr mit neuen Vorsätzen und neuen Hoffnungen: Wird jetzt alles besser?

„Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ Sehr gut?! In den Nachrichten über die Ereignisse in unserer Welt sehe ich oftmals etwas anderes. Da möchte ich manchmal schreien oder auch weinen, aus Verzweiflung und Hilfslosigkeit. Und auch in meinem kleinen Alltag spüre ich Chaos, Ängste oder auch körperliche und seelische Schmerzen. Ist alles so, wie es ist „sehr gut“? Das bezweifle ich. Aber ich bin dankbar, trotz der vielen erschütternden Ereignisse dennoch Freude und Liebe erleben zu dürfen – diese kleinen und großen Lichtblicke, diese „sehr guten Momente“.

Der Schöpfungsbericht in Genesis 1 erzählt davon, wie Gott aus dem lebensfeindlichen Chaos, dem anfänglichen „Tohuwabohu“, ein geordnetes Ganzes erschafft. Seine Freude und Liebe an seiner Schöpfung wird dabei besonders deutlich: Nach jedem Schöpfungstag schaut er sich sein Werk an und bezeichnet es als gut. In Genesis 1,31 schaut er sich seine Schöpfung im Gesamten an – er sieht sie und betitelt sie als „sehr gut“. Er schafft Himmel und Meer, Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere und den Menschen, als sein Ebenbild. Und er sieht jeden einzelnen Aspekt seiner Schöpfung und nennt es sehr gut. Gesundes Wachstum geschieht, wenn wir Dinge mit Liebe ansehen und behandeln. In der Schöpfung gibt Gott uns seinen Zuspruch und seine Annahme. Er hat uns aus Liebe erschaffen, er kennt uns und er sieht uns. Auch wenn die Situation heute nicht diesen „sehr guten Zustand“ in der Schöpfungsgeschichte widerspiegelt und so viele Fragen offenbleiben, so kann uns dieser Vers als Erinnerung dienen: Gott ist immer noch unser Schöpfer. Er sieht uns mit Liebe an, bei ihm sind wir angenommen. Und vielleicht können auch wir dadurch unseren Blick wenden und uns auf die Liebe und das Gute in der Welt und in unserem Leben ausrichten. Vielleicht können die Menschen und die Umwelt, die uns anvertraut sind, sich auch unter unserem liebenden Blick gesund entfalten. Vielleicht dürfen wir die Momente, in denen wir die Schönheit und Liebe Gottes zu seiner Schöpfung spüren, noch bewusster wahrnehmen und benennen: Siehe, es war sehr gut.

Natürlich geht es nicht darum, so zu tun, als würde es das Leid und die Ungerechtigkeit nicht geben. Wir dürfen in unserer Ganzheit vor Gott kommen, auch mit dem, was weh tut. Wir dürfen klagen. Ich glaube, dass auch Gottes Herz über die Missstände dieser Welt, seiner Schöpfung, zerbricht. Vielleicht kann uns aber die Erinnerung und Zurückbesinnung auf diesen Ursprung, dem „sehr gut“ in der Schöpfungsgeschichte, neu Kraft und Sicherheit geben: Wir wurden in Liebe angesehen und dürfen so andere in Liebe ansehen. Lasst uns in diesem Sinne das Gute sehen und benennen und es auf diese Weise wachsen lassen.

Dana Sophie Jansen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Hochschule Elstal

Jahreslosung 2023

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13) 

„Du bist ein Gott, der mich sieht“. Eine kraftvolle Jahreslosung, die gut für sich selbst stehen kann. Mit diesem starken Titel benennt eine ägyptische Sklavin den Gott Israels. So ist unser Gott, das ist bis heute sein Wesen: Ein Gott, der mich, der dich sieht. Was für eine wunderbare Zusage, die uns 2023 begleitet!

Und doch: Manchmal lösen gerade solche positiven Aussagen Fragen aus. Siehst du auch mich, Gott? Ich habe nicht den Eindruck. Redest du mit mir? Ich höre so wenig. Ermutigung und Enttäuschung liegen manchmal nah beieinander.

Für mich wird dieser fast zu schöne Satz krisenfester, wenn ich ihn in seinem Kontext lese: Als Höhepunkt einer Geschichte, die in knappen Worten viel Schmerzhaftes erzählt. Viel Leid, das erduldet und einander angetan wird. Da ist eine Frau, die jahrelang auf Kinder gehofft hat und jetzt resigniert sagt: Gott hat mir verwehrt, zu gebären. Die ihrem eigenen Mann daher eine Zweitfrau zuführt, ihre Sklavin. Sarai heißt sie da noch, und ihr Mann Abram. Die Sklavin, Hagar, wird nicht nach ihrer Meinung gefragt. Sie wird von Sarai und Abram auch nie mit Namen genannt, immer nur als „meine/deine Sklavin“ bezeichnet. Und als sie, bald schwanger, auf ihre kinderlose Herrin herabsieht, wird sie von Sarai mit Abrams ausdrücklicher Erlaubnis gedemütigt.

In all den großen Themen, unerfüllter Kinderwunsch, Zwangsheirat, Eifersucht, gibt es ein stilleres Leitmotiv, das der Erzähler durch seine Wortwahl hervorhebt: Wie sehen wir einander an – und was lösen wir damit aus? Die Schwangere sieht auf die Kinderlose herab, die Herrin ist plötzlich „wie Nichts“ in den Augen ihrer Sklavin. Sarai ist davon so getroffen, dass sie sich bei Abram die Erlaubnis holt, mit Hagar zu tun, was „gut in ihren Augen ist“. Gut in Sarais Augen ist es, die Sklavin so zu demütigen, dass sie erkennt, wo ihr Platz ist: ganz unten. Die Augen anderer machen mich klein: Diese Erfahrung teilen beide Frauen. Wenn Blicke töten könnten…, sagen wir. Nicht selten erleben wir, wie wahr das Sprichwort ist. Wie schmerzhaft es ist, übersehen zu werden. Wie demütigend es sein kann, wenn meine Schwachstellen ausgeleuchtet werden, mein Versagen, meine wunden Punkte. Kein Wunder, dass die meisten Menschen beides kennen: Den großen Wunsch, gesehen zu werden – und die Angst davor.

Hagar flieht aus dieser Situation in die Wüste. Dort wird ihr ein anderer Blick zuteil. Ein Bote Gottes findet die entlaufene Sklavin. Er spricht sie mit ihrem Namen an, spricht ihr zwei große Verheißungen Gottes zu – mitsamt der Zusage, dass Gott ihre Not gehört hat. Hagars stammelnde Reaktion: „Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.“

Wieviel Hagar von Gott gesehen hat – wie deutlich sie seinen Blick gespürt hat? Das bleibt wunderbar vage. Zum einen begegnet Gott ihr in Gestalt eines Boten. Erst im Nachhinein erkennt sie in dessen Reden die Worte Gottes. Und dann diese spannende Formulierung am Ende: Die ganze Begegnung erscheint Hagar als „Hinterhersehen“ hinter dem Gott, der sie ansieht. (Ganz wie Mose in 2. Mose 33,18-23 nur hinter Gott hersehen darf.) Die alte griechische Übersetzung bewahrt allerdings eine andere Variante, hier erklärt Hagar mutiger: „ich habe das Angesicht dessen gesehen, der mich sieht.“ Ich mag diesen Nebel über der Szene. So einfach ist das nicht, Gottes Blick wahrzunehmen, seine Stimme zu hören. Er zeigt sich uns – und entzieht sich doch auch. Er geht uns nach auf vielfältige Weisen – aber wir erahnen sein Handeln, seinen Blick auf uns meist nur.

Hagars geheimnisvolle Gotteserfahrung bleibt im Namen des Orts in steter Erinnerung: Brunnen des Lebendigen, der mich sieht (V.14). Und noch viel länger klingt ihr Gotteslob in dieser ergreifenden Erzählung in 1. Mose 16 nach, bis heute. In diesem Jahr sind wir aufgerufen, stammelnd, hoffend, vielleicht auch jubelnd einzustimmen: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Dr. Deborah Storek
Altes Testament

Dezember 2022

Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. (Jes 11,6)

Morgens stehen Sie auf, machen sich vielleicht einen Kaffee, stellen das Radio an und können es nicht fassen. Über Nacht ist Krieg ausgebrochen. Sie sind völlig überrumpelt. Über Nacht sind Menschen, die auch nicht viel anders sind und leben und denken und reden als man selbst, zu tödlichen Feinden geworden. Die Eltern wecken die Kinder, holen sie zum Frühstückstisch. Sie erklären den Kleinen, dass sie sich von nun an vor den Leuten fürchten müssen, die über Nacht Feinde geworden sind. „Aber bei denen sind doch auch Kinder, warum sollen die plötzlich gefährlich sein?“, wundert sich der kleine Junge. Er wird es schnell begreifen. Nach wenigen Tagen wird er gelernt haben, Angst zu haben. Und je älter und vernünftiger die Kinder sind, desto mächtiger wird sich bei ihnen die Angst zu einem zähen Hass gegen die Feinde verdichten. Dass Menschen über Nacht von Frieden auf Krieg umschalten können, vor allem diejenigen, die vernünftig sind und Verantwortung tragen, ist furchtbare Wirklichkeit. Die Logik der Gewalt, der Angst und des Hasses, in die ein Kriegsausbruch die Menschen zwingt, ist eine unheimliche Realität.

Die Vision vom Friedensreich im elften Kapitel des Jesajabuches ist einer der traditionellen Predigttexte zum Weihnachtsfest, an dem die Christen Jesus als den von Jesaja verheißenen Friedensfürsten bekennen. Der Prophet verkündete in Kriegszeiten eine Vision vom Ausbruch des Friedens. „Welch eine Träumerei, in Kriegszeiten Friedensmärchen zu predigen“, denken vernünftige Erwachsene, vor allem die, die Verantwortung tragen, wenn sie die Worte des Propheten lesen: Der Wolf, also der Aggressor, beantragt beim Lamm, also dem Angegriffenen, Asyl. (So steht es im Hebräischen Text: Der Wolf wird sich beim Lamm als „Beisasse“ oder „Proselyt“ niederlassen, also er wird gewissermaßen zum „Lammsein“ übertreten oder konvertieren.) Der Löwe wird grasfressender Vegetarier und wartet morgens bei den Kälbern, damit man ihn auf die Weide führt. Und zwei Verse weiter: Giftschlangen werden zu niedlichen Kuscheltieren. Die Erwachsenen können den Ausbruch des Friedens noch gar nicht fassen. Sie wissen ja, wie gefährlich diese Tiere sind, leidvolle Erfahrung verbietet es ihnen geradezu, den Frieden zu ergreifen. Es sind die Kinder in ihrer ahnungslosen Furchtlosigkeit, die als erste etwas mit dem Frieden anfangen können. Ein kleiner Junge nimmt ein Stöckchen und führt als kleiner Hirte Rind und Raubtier aus dem Dorf auf die Weide. Ein Säugling grabscht mit seinen Händchen nach der Schlange, und es ist Frieden.

Sind wir bereit für den Ausbruch des Friedens? Beim Lesen der Bildrede des Propheten bleiben meine Gedanken an der Erwähnung der Kinder hängen. Im Erdgeschoss des Hauses, in dem ich wohne, ist ein internationaler Kindergarten. Kleine Franzosen und Algerier, kleine Belgier und Kinder aus dem Kongo, drei- und vierjährige Russen und Deutsche buddeln gemeinsam in der Sandkiste und wuseln über den Hof. Von den Kriegen, die ihre Urgroßväter einst gegeneinander geführt haben, von dem Leid und Unrecht, das die einen den anderen angetan haben, wissen sie nichts. Wenn ich die Kinder sehe, muss ich an das Wort unseres Herrn denken, dass wir umkehren und von den Kindern lernen sollen (Mt 18,3). Kein Mensch ist dazu geboren, eines anderen Menschen Feind zu sein.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Leiter der Bibliothek und Professor für Kirchengeschichte

November 2022

Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen! (Jesaja 5,20)

Eine Erfahrung, die viele kennen: Geschriebene Worte „klingen“ ganz anders, als wenn man direkt miteinander spricht. Per Email oder Handynachricht kommen Worte oft härter, kühler, verletzender an, als sie gemeint waren.

„Wehe…!“ Wie klingt dieses Wort für dich? Ein Gerichtswort, eine Drohung? Die in Jes 5 gesammelten Wehe-Rufe sind auch das. Allerdings leihen sie sich ihr „Wehe“ aus der Totenklage (vgl. 1. Kön 13,30). Neben der Anklage klingt also auch Trauer mit: Klage über einen Weg, der ins Verderben führt.

Der Grundton dieser An-Klagen passt zum leidenschaftlichen Ringen Gottes mit Israel, wie es kurz zuvor im Weinberglied (Jes 5,1-7) beschrieben wurde. Das bittere Resümee in V.7: „Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Ich finde es faszinierend, wie sich bei den Propheten Poesie und Gepolter verbinden. Jesaja hält seinem Volk in Gottes Namen einen herben Spiegel vor, seine Worte sind drastisch – aber auch poetisch-leidenschaftlich. Seine Gerichtsankündigungen sollen die Hörer aufrütteln, sie für Gottes Wege zurückgewinnen.

Die Wehe-Rufe in Jes 5 malen Israels Irrwege aus: Blindes Besitzstreben auf Kosten der Armen (V.8), ausschweifende Feiern (V.11-12.22), Gottvergessenheit und Gotteslästerung (V.12.19). Die schein-sichere Selbstzufriedenheit einer Oberschicht, die nun in politischen Krisen erschüttert wird (V.9.13-15).

Mittendrin richtet unser Monatsspruch den Blick auf Richter, die das Böse nicht aufdecken, sondern unter den Teppich kehren (vgl. auch V.23). Die Ungerechte gerecht sprechen, Gerechte verurteilen. Aber auch Licht und Dunkelheit, sauer und süß werden vertauscht: Eine umfassende Blindheit, ein fader Geschmacksverlust ist zu beklagen. Eine (bewusste?) Verzerrung der Wirklichkeit.

So geht die Anklage weit über die damalige Rechtsprechung hinaus und erreicht auch uns. Auch wir können uns fragen, von Gott zeigen lassen: Wie ist mein Urteilsvermögen? Wie klar sehe ich gesellschaftliche Zusammenhänge; beurteile ich Menschen gerecht? Wo ist mein Blick auf mein eigenes Leben verzerrt? Jesaja ruft auf, Böses offen anzusprechen – aber auch das Gute nicht zu Unrecht zu verurteilen. Das Süße genießen, und das Saure beim Namen nennen. Weder alles schwarzmalen noch das Dunkle schönfärben. Wo erkennst du dich in diesem alten Spiegel? Wer kann dir helfen, dich und andere klarer zu sehen? In diesem November ist nicht Nebel, sondern klare Sicht angesagt.

Dr. Deborah Storek
Altes Testament, Theologische Hochschule Elstal

Oktober 2022

Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, du König der Völker. Offb 15,3 (E)

Dieses Lied ist nicht von dieser Welt. Gewiss nicht. Wo auch immer die Sänger und Sängerinnen sich aufhalten, – ihr Lobpreis hat wahrhaft himmlische Dimensionen. In wenigen Worten fassen die Liedzeilen zusammen, was in Gottes Reich richtig und gut läuft. Die Taten Gottes werden als „groß und wunderbar“ gepriesen. Die Herrschaft über die ganze Schöpfung liegt in den Händen Gottes. Er regiert über alle Völker und das durchweg „gerecht und zuverlässig“. Weit spannt sich der Bogen von diesem endzeitlichen Lobpreis zurück über die gesamte Menschheitsgeschichte zu den Schöpfungsgeschichten der Genesis. Denn ganz am Anfang hatte Gott bereits sein Urteil über seine Schöpfungstaten gesprochen, „dass es gut war“ und das gleich siebenmal (Gen 1,4.10.12.18.21.25). Das Herrschaftsmandat über die Schöpfung erging damals an den Menschen (Gen 1,28): „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet...“ Aber die von Gott als „gerecht und zuverlässig“ geplanten Wege wurden von den Menschen bald verlassen. Sie wollten selbst „sein wie Gott“ (Gen 3,5). Doch was folgte waren oftmals schlechte Taten der Menschen, herrschsüchtige Ausbeutung und brutale Zerstörung der Schöpfung und Wege voller Ungerechtigkeit, Unzuverlässigkeit und gottloser Herrschaft. Die Bibel ist voll von solchen Geschichten und die Menschheitsgeschichte auch. So könnten einem viele Strophen eines Klageliedes einfallen, die die irdische Realität mit schrägen Tönen besingen. Doch so hat die Geschichte Gottes mit der Schöpfung und mit seinen Menschen eben nicht angefangen, und so wird sie auch nicht enden! Jene Sänger und Sängerinnen der Johannesoffenbarung proben schon einmal für das große ewige Lobpreiskonzert zur Ehre Gottes. Sie singen ein altes Lied des Mose und erinnern damit daran, wie Gott dereinst in schwerster Zeit die Israeliten aus Ägypten heraus und durch das Schilfmeer hindurch geführt hat (Ex 15). Und sie singen zugleich das Lied des Lammes, das von der Befreiung und der Erlösung durch Jesus Christus am Kreuz handelt. Dies ist das eine Lied des alten und den neuen Gottesvolkes, das mutig und mit schönsten Tönen Gottes neue Welt herbeisingt: „Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, du König der Völker.“ In diesem Lobpreis wohnt Gott (Ps 22,4) – schon jetzt und mitten unter uns.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

September 2022

Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit. Sirach 1,14

Was ist Weisheit? Wer ist weise und wie zeigt sich das?

Wenn ich mein Lexikon auf „Weisheit“ hin befrage, findet sich da unter anderem „Lebenserfahrung“ – „durch Erfahrung gewonnene Lehre“ - „innere Reife“. Das klingt nach einem langen Weg, an dessen Ende dann „Weisheit“ steht. Wie lange dauert es, weise zu werden? Wächst Weisheit wie ein Baum, langsam, aber beständig? Und irgendwann gibt es dann reife Früchte zu ernten? Oft wird Weisheit gewonnen durch Lebenserfahrung. Manchmal durch Krisen oder durch Fehler und Fehlentscheidungen. Das wirkt sehr anstrengend. Der Monatsspruch weist uns eine andere Möglichkeit, weise zu werden und die klingt ganz einfach. Auf diesem Weg braucht es keine Krisen oder Fehlentscheidungen. Es bedarf nur einer besonderen Haltung bzw. Einstellung: Gott lieben.

Was kann ich tun, wenn ich nicht weiß, wie ich mich entscheiden soll? Woher nehme ich die „Weisheit“, eine richtige Entscheidung zu treffen? Mit der Haltung aus Jesus Sirach brauche ich dann nur danach zu fragen, wie ich Gott besser lieben kann. Wie kann ich meine Liebe zu Gott ausdrücken, wenn ich dieses oder wenn ich jenes tue? Welche Entscheidung drückt meine Liebe zu Gott eher aus?

Aber nicht nur, wenn eine besondere Entscheidung ansteht, ist Weisheit gefragt. Weisheit kann unser alltägliches Leben durchziehen. Das betont auch Jesus, wenn er das Dreifachgebot der Liebe als das wichtigste Gebot bestätigt: Du sollst Gott lieben mit allem was Du tust und kannst und bist, mit jeder Faser deiner selbst und deine Mitmenschen sollst du lieben sowie auch dich selbst. Das ist die Grundhaltung in unserem Leben und wenn wir so leben, sind wir auch weise, egal wieviel Lebenserfahrung wir mitbringen. Kinder, junge und alte Menschen können sich in ihrer Liebe zu Gott als „weise Menschen“ erweisen.

Gott lieben, wie geht das? Gott lieben in guten und in schlechten Zeiten: in guten Zeiten durch Dankbarkeit, in schlechten durch Vertrauen. In Zeiten hoher Betriebsamkeit durch Gelassenheit. Wenn andere Menschen in Not sind durch Fürbitte, Beistand und Hilfe. In Warte- und Leerzeiten mit Gebeten und Lobpreis.

Gott lässt sich auf viele Arten lieben: Durch die Liebe zu Menschen, die mir nah sind und durch die Liebe zu Menschen, die mir fremd oder sogar feind sind. Und manchmal liebt Gott auch mich durch diese Menschen und kommt mir so nahe. Vielleicht liegt auch darin Weisheit, dass ich selbst geliebt werde, dass die Liebe zurückkommt auf vielen Wegen und mich liebt, wenn ich unterwegs bin, Gott zu lieben. Die Liebe wächst, indem ich liebe und die Weisheit wächst mit. Wenn ich weise sein will, dann suche ich nach Gelegenheiten, Gott zu lieben und ich bete: Herr, lass mich Dich lieben – zeige mir wie! Und ich suche nach Gelegenheiten, mich von Gott lieben zu lassen.

Was ist Weisheit? Die Antwort auf die Frage ist jetzt leicht: Gott zu lieben, denn Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.

Prof. Dr. Andrea Klimt

Professorin für Praktische Theologie

August 2022

Dann werden jubeln die Bäume des Waldes vor dem HERRN; denn er kommt, die Erde zu richten! (1. Chronik 16,33 E)

In den Osterferien fuhren wir als Familie für ein paar Tage in den Harz. Da wollten wir immer schon mal hin. Es solle sehr schön sein, hatten wir gehört. Wir malten uns die hohen Bäume und das dichte Grün der Nadeln und Blätter aus. Verglichen mit unserer Vorstellung, die wir uns zuvor gemacht hatten, war dann der tatsächliche Anblick eine große Enttäuschung. Der Wald, den wir dort am Aufstieg zum Brocken erblickten, glich eher einer Wüste. Unübersehbare Spuren von Jahren der Dürre. Das trockene Holz bietet dem Borkenkäfer kaum noch Widerstand. Auf halber Höhe abgebrochene Stämme ragen stumm in den Himmel. Ein trauriges Bild, weit entfernt vom Jubel der Natur, der in 1. Chronik 16,33 anklingt. Von diesem Eindruck her fällt es mir schwer, einen mehr oder weniger gezielt ausgesuchten Bibelspruch als zeitlose Wahrheit zu mir sprechen zu lassen. Die Bäume im Harz, würde ich sagen, singen derzeit statt ein Lob- eher ein Klagelied. Und ja, auch in der Bibel hat die Natur Grund zur Trauer: „Heult, ihr Zypressen; denn die Zedern sind gefallen und die Herrlichen vernichtet. Heult, ihr Eichen Baschans; denn der dichte Wald ist umgehauen“ (Sacharja 11,2). Ein förmlich himmelschreiendes Echo der gesellschaftlichen Zustände und des Unfriedens!

Was bleibt dann vom überschwänglichen Jubel der Natur in den Psalmen (Ps 96,12) und bei Jesaja (Jes 44,23; 55,12), aus denen der Chroniktext schöpft? Er behält seine Berechtigung als Intonation unseres Einsatzes für eine friedliebende Welt, die die gesamte Schöpfung einbezieht. Als Ansporn für die Integration von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit. Und er ist für mich ein Ausdruck der Gewissheit, dass Gottes universales Rettungshandeln bereits im Gang ist – auch wenn man es unserer Lebenswelt äußerlich nicht ansehen mag.

Prof. Dr. Dirk Sager

Professor für Altes Testament

Juli 2022

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. (Ps 42,3)

„Wo ist nun dein Gott“ – eine Frage, die dem Beter des Psalms täglich begegnet. Eine Frage, die ihn quält, angesichts seiner Situation, der gefühlten Ausweglosigkeit, angesichts des Schreckens und der Tränen. „Wo ist nun dein Gott“ oder auch „Wo bist du, mein Gott“ – das sind Fragen, die so manch einem Menschen vielleicht nicht so unbekannt vorkommen.

Nicht nur die Seele des Psalmbeters dürstet, meine tut es auch. Der Psalm spricht etwas in meinem Herzen an. Etwas, was sich auch in der Überschrift von Psalm 42 wiederfinden lässt: Sehnsucht. Der Duden beschreibt Sehnsucht als ein „inniges, schmerzliches Verlangen nach jemandem oder etwas“ und auch im Psalm wird deutlich, dass Sehnsucht wehtun kann. Vielleicht ist auch das der Grund, warum ich meine Sehnsucht nicht immer spüren will, warum ich sie oftmals eher „verdrängen“ will. Doch dann lese ich diesen Psalm oder sehe einen atemraubenden Sonnenuntergang oder darf einen Moment tiefster Liebe und Verbundenheit bezeugen und da ist es wieder: Dieser Schmerz, in den schönsten Momenten des Lebens, diese Sehnsucht, die über mich hinausgeht und die immer etwas Unverfügbares mit sich bringt. Oder ich schaue in die Nachrichten, erlebe das Leid um mich herum oder die Dunkelheit in mir drin. Wir können Sehnsucht in den Durststecken unseres Lebens spüren und wir können sie in den vollkommensten Momenten unseres Lebens spüren. Da ist etwas, wovon ich weiß, dass es da ist, dass ich aber noch nicht vollends greifen kann: „Wann werde ich dahinkommen, dass ich Gottes Angesicht schaue“ sagt der Psalmist. Er vergleicht seine schmerzhaft empfundene Sehnsucht im Angesicht der Ungerechtigkeit und des Leids mit dem Lechzen und Schrei eines Hirsches nach frischem Wasser. Durst ist überlebenswichtig und kann unangenehm und sogar tödlich sein, wenn er nicht gestillt wird. Er treibt und lenkt uns und erinnert uns daran, zu trinken. Klares, frisches Quellwasser – ein wundervoller Ausblick im Angesicht des Durstes.

Der Psalm macht mir Mut, den Durst meiner Seele, diese Sehnsucht in mir, wahrzunehmen und genauer hinzuhören: Wonach dürstet meine Seele? Und womit versuche ich, meinen Durst zu stillen? Meine Seele dürstet nach Gerechtigkeit, nach Frieden, nach Heilung. Meine Seele dürstet danach, das Wirken des lebendigen Gottes hier in dieser Welt und in meinem kleinen Alltag zu sehen. Meine Sehnsucht treibt mich ins Gebet, hin zu Gott. Mein seelischer Durst verlangt nach dem Lebendigen, nach dem klaren Quellwasser. Der Psalm ermutigt mich, meine Sehnsucht nicht „schön zu reden“, sondern ehrlich zu sein und mit all meinen Emotionen vor Gott zu kommen – auch meine Seele darf schreien, Gott, zu dir.

Dana Sophie Jansen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Theologische Hochschule Elstal

Juni 2022

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod. Hoheslied 8,6a

Der Vers für den Sommermonat Juni führt uns in das mit Abstand erotischste Buch des Alten Testaments und der ganzen christlichen Bibel: das Hohelied der Liebe, eine Sammlung knisternder Liebesgedichte. Sie zeichnen das Bild einer Liebe zwischen Frau und Mann, die sinnlich und stürmisch, leidenschaftlich und hingebungsvoll, dann wieder zurückhaltend und zärtlich und in all dem rundum beglückend ist. Wer das Buch einmal an einem Stück liest – und das muss man tun, um diesen Vers richtig einzuordnen –, folgt den Liebenden auf Felder und unter Granatapfelbäume; wird Zeuge, wie sich der Mann an der begehrenswerten Schönheit seiner Freundin und die Frau an der imponierenden Gestalt ihres Freundes ergötzt. Wer auch immer diese Texte geschrieben hat: Er oder sie wollte nichts von der Unterscheidung zwischen einer göttlichen Liebe, einer Zuneigung unter Freunden und der erotisch-begehrenden Liebe wissen. Die Verfasserin kannte die Liebe. Eine Kraft, die Zuneigung und Hingabe für einen anderen genauso umfasst wie die unbefangene Freude an der Sexualität. Diese Liebe ist stark wie der Tod, ein schützendes Siegel auf dem Lebensweg. Diese Liebe, die Mann und Frau so wunderbar umfassend vereinigt, ist eine Flamme des Herrn (Vers 6b) – also eine göttliche Kraft. Dadurch wird sie zu einer Erfahrung, in der das menschliche Leben durchsichtig wird für den Einfallsreichtum und die Schönheit des Schöpfers. Deshalb sind diese Texte nicht in einer altorientalischen Gedichtsammlung gelandet, sondern Teil des biblischen Kanons und somit Heilige Schrift geworden. Sie laden uns ein diese Liebe neu zu suchen, zu bewahren, um sie zu ringen, sie zu ehren und zu genießen; in ihr und durch sie dem schöpferischen Grund unseres Lebens ansichtig zu werden; und dem Schöpfer zu danken, dass er uns mit solcher Lebenskraft beschenkt.

Ja, ich weiß, die Liebe ist eine Flamme, die in den Händen von Menschen großen Schaden anrichten kann. Ja, ich weiß ebenfalls, dass es noch ganz anderes über die Liebe zu sagen gibt. Aber das wäre eine andere Andacht.

Deshalb: Nutzen wir doch den Sommermonat Juni, um die im Lied der Lieder beschriebene Liebe zu hegen und zu pflegen und uns an ihr zu freuen.

Prof. Dr. Oliver Pilnei
Professor für Praktische Theologie

Mai 2022

„Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht“ (3. Johannesbrief 2)

Von den 27 Einzelschriften des Neuen Testaments sind 21 apostolische Briefe. Aber nur wenige dieser Briefe haben einen so persönlichen, man könnte fast sagen privaten Charakter wie der 3. Johannesbrief. Sein Verfasser nennt sich „der Alte“; das genügte damals, um zu wissen, wer er war. Die kirchliche Überlieferung identifiziert ihn mit Johannes aus dem Zwölferkreis der Jesusjünger. Gerichtet ist sein Brief an einen Gaius, von dem wir sonst nichts wissen.

Dieser apostolische Brief beginnt, wie bis heute viele persönliche Briefe beginnen: Mein Lieber, ich hoffe, dass es Dir gut geht und Du gesund bist! Der apostolische Alte sagt es aber etwas ausführlicher und bringt dabei einen Aspekt ein, der anderswo oft fehlt. Er spricht nämlich von der Seele des Gaius und sagt: Deiner Seele geht es ja gut. Und auch sonst wünsche ich Dir Wohlergehen und Gesundheit.

Der Briefschreiber unterscheidet also Seele und Körper. Die Seele ist das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen. Als solche ist sie nicht einfach eine Funktion des Körpers, sondern steht in einer Beziehung zu ihm. Für den apostolischen Briefschreiber beschränkt sich die Seele aber nicht auf ihre Beziehung zum Körper, sondern stellt auch die Beziehung zu Gott her. Wenn also der Alte gewiss ist, dass es der Seele des Gaius wohlergeht, dann meint er die Beziehung des Gaius zu Gott. Diese Beziehung ist intakt, und das erfreut den Schreiber.

Dass unsere Beziehung zu Gott intakt ist, das ist das Wichtigste, weil es über unser ewiges Wohlergehen entscheidet. Aber auch das zeitliche Wohlergehen ist für einen Christen nicht unwichtig. Die Seele lebt ja im Körper, und die kommende Erlösung gilt auch dem Körper. Deshalb wünscht der Apostel dem Gaius, dass es ihm „in jeder Hinsicht“ gut geht und er auch körperlich gesund ist.

Wenn wir als Christen einander „Alles Gute!“ wünschen, dann lasst uns das gemäß dem apostolischen Vorbild sowohl auf das Verhältnis zu Gott als auch auf alle anderen Verhältnisse beziehen, in denen wir leben.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

April 2022

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte. (Joh 20,18)

In der Ostererzählung des Johannesevangeliums ist Maria von Magdala die wichtigste Auferstehungszeugin von allen. Zwei Tage zuvor hat sie noch direkt unter dem Kreuz gestanden und miterlebt, wie Jesus vom Kreuz herab dem Jünger, den er besonders liebte, die Verantwortung für seine Mutter übertrug (Joh 19,25-27). So war sie mit zur unmittelbaren Augenzeugin des Todes Jesu geworden. Aber nun ist Maria von Magdala von diesen Personen die Einzige, die sich am Morgen nach der Sabbatruhe in aller Frühe auf den Weg zum Grab macht und entdecken muss, dass das Grab Jesu offensteht.

Sofort läuft sie zu den Jüngern und erzählt ihnen, dass jemand den Leichnam Jesu aus dem Grab weggenommen haben muss. Erst durch ihren Hinweis laufen Petrus und der Jünger, den Jesus liebte, ebenfalls zum Grab und sehen die leeren Leichentücher des Verstorbenen. Doch während die beiden in den Jüngerkreis zurückkehren, bleibt Maria vor Ort und sieht plötzlich zwei Engel im Grab sitzen. Die beiden Engel fragen die weinende Maria nach dem Grund ihrer Trauer und auch ihnen erzählt sie vom gestohlenen Leichnam. Aber bevor die Engel reagieren können, steht plötzlich Jesus selbst hinter Maria und fragt sie: „Frau, warum weinst? Wen suchst du?“

Die folgende Szene entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn Maria nun auch den vor ihr stehenden Jesus selbst fragt, ob er den Leichnam weggetragen habe. Offenbar hält sie ihn in ihrer Trauer für den Friedhofsgärtner. So fixiert ist sie noch auf ihren Verlust, dass sie den Auferstandenen nicht erkennt. Noch kann sie an nichts anderes denken, als an den toten Körper des Verstorbenen, der nicht mehr da ist, wo er sein müsste.

Doch dann ändert sich alles, als Jesus Maria mit ihrem Namen anspricht. In diesem Moment erkennt sie ihn als ihren „Rabbuni“, als ihren Lehrer. Und von diesem Lehrer erhält Maria nun den Auftrag, die Botschaft der Auferstehung zu den Jüngern zu bringen. Dabei soll sie zugleich auch die Ankündigung weitergeben, dass Jesus nun zum Vater hinaufgehen wird. So wird Maria von Magdala zur ersten Botschafterin der Auferstehung und zur Verkünderin der Himmelfahrt Jesu.

Im Zentrum der johanneischen Osterzählung steht somit nicht Petrus, der Anführer des Jüngerkreises. Selbst der im Johannesevangelium ansonsten immer wieder hervorgehobene Jünger, den Jesus besonders liebte, muss hier an die zweite Stelle treten. Die erste Person, die vom Auferstandenen auserwählt wird, ihn direkt zu erleben und die Osterbotschaft zu verkünden, ist die Frau, die bis zu Jesu Tod treu unter dem Kreuz blieb. Es ist diejenige, die am stärksten um den Gekreuzigten trauert und deshalb bereits früh morgens zum Grab geht und als einzige weinend am Grab bleibt, als die Jünger bereits wieder in die Stadt zurückkehren.

Ihre Treue wird mit der Erfahrung des Auferstandenen belohnt und ihre Trauer um seinen Tod durch sein Erscheinen überwunden. Das Erlebnis der Maria von Magdala wird so zur Kernerfahrung der mit ihr beginnenden weltweiten Ausbreitung der Auferstehungshoffnung. Am Anfang des christlichen Glaubens an den Auferstandenen steht das Zeugnis einer trauernden Frau, die nicht aufhört, nach dem Leichnam des Gekreuzigten zu suchen. In dieser Treue wird sie zur ersten Osterzeugin und durch ihre Verkündigung werden dann auch die anderen Jünger darauf vorbereitet, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Auferstandenen zu machen, um diese dann in alle Welt hinauszutragen.

Prof. Dr. Ralf DziewasProfessor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

März 2022

Hört nicht auf zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen (Eph 6,18 [E])

Als Christ könnte man auf diese apostolische Anordnung nur Ja und Amen sagen: „Ja, Beten ist ganz wichtig!“ Andererseits haben wir auch verwirrende Erfahrungen mit dem Gebet, insbesondere mit dem fürbittenden Gebet, gemacht: Manche Bitten finden Antwort und erfüllen sich, andere nicht. Warum erhört Gott manche Gebete nicht? Welchen Sinn hat das Beten überhaupt?

Hier ein kleiner Antwortversuch: Im Gebet ist der Unterschied zwischen dem souveränen Gott und uns Menschen nicht aufgehoben. Es gibt keinen Automatismus, als ob unser Bittgebet auf jeden Fall erfüllt würde. Im Gebet steigen wir nicht zu Gott auf, als ob wir durch unser Gebet über Wohl und Wehe entscheiden würden. Als Menschen beten wir und schütten unser Herz vor Gott aus. Gleichzeitig sind wir uns im Beten dessen bewusst, dass nicht wir alles in der Hand haben, sondern der allmächtige, ewige Gott. Bewegt durch das biblische Zeugnis glauben wir, dass Gott nicht unberührt und unbewegt irgendwo weit weg sitzt, sondern sich durch unsere Geschichte und durch unsere Bitten berühren lässt. In Jesus ist er zu uns gekommen, um uns von Schuld zu befreien und uns in Freud und Leid zu begleiten. Im Heiligen Geist ist er uns nah, trägt und führt uns. Indem wir beten und bitten, suchen wir den Geist Gottes in uns und um uns und richten uns auf ihn aus. Darum gehört das Bittgebet zur Grundausrüstung eines jeden Christen: Wir sind uns unserer Begrenztheit bewusst und suchen die liebende Kraft Gottes. Weil wir dadurch mit den schöpferischen und erlösenden Kräften Gottes verbunden sind, und unser Leben dadurch seinen Grund und sein Ziel findet, sollte diese Art von Gebet und Bitte ein Grundton unseres Lebens sein – „jederzeit“, „wachsam“, ausharrend.

Wenn wir in der Fürbitte an unsere Glaubensgeschwister und mit ihnen an unsere Mitmenschen denken und ihre Not vor Gott bringen, sprechen wir ihnen die Lebenskraft Gottes zu, die uns selbst trägt und durchdringt. Weil wir als Menschen in Freud und Leid miteinander verbunden sind, denken wir fürbittend an die Leidenden und werden sicher auch selbst aktiv werden und Solidarität leben.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Februar 2022

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. (Epheser 4,26)

Wer eine zu stark geschüttelte Flasche Cola zu schnell und unbedacht öffnet, dem schießt der Inhalt mit Wucht entgegen. Einmal offen, lässt sich der Inhalt kaum noch zurückhalten und ergießt sich über Hemd und Hose.

Wer bei sich oder einem anderen schon mal einen Zornesausbruch erlebt hat, der kennt im übertragenen Sinn die Erfahrung mit der Flasche. Das Gemüt wurde geschüttelt, gereizt und provoziert. Und dann kommt dieser Punk: Mit Macht platzt es aus einem heraus. Das Bittere: Die folgenden Worte oder auch Taten können üblen Schaden hinterlassen.

Der Zorn ist eine Bewegung des Gemüts, die Menschen mit sich reißen kann. Sie holt etwas aus einem Menschen heraus, was ihn geradezu entstellt. Bilder und Zeichnungen von zornerfüllten Personen haben darum oft entstellende Züge. Aufgrund seiner verzerrenden und vernichtenden Wucht taucht der Zorn theologisch an prominenten Stellen auf: Er ist der Ursprung von Kains Brudermord („da packte ihn der Zorn“ Gen 4,5 Basis Bibel). In der katholischen Theologie gehört er zu einer der sieben sogenannten Todsünden, und die Persönlichkeitstypologie des Enneagramms verbucht ihn unter den Wurzelsünden.

Die Alten hatten einen wachen Blick für die Seelenbewegungen des Menschen. Thomas von Aquin (*1225) erkannte: Der Zorn richtet sich eigentlich auf das Gute, Gerechte, Ehrenhafte, das allerdings verbogen und getreten wird. Aber die Leidenschaft, die er entfacht, ist wie eine zu groß geratene Keule, die Verfehlungen und Schaden nach sich zieht.

Um all das wusste auch schon Paulus. Darum schreibt ein Wort der Weisheit nach Ephesus, das wir uns hinter die Ohren schreiben sollten. Es lautet nicht, dass wir nicht zürnen sollen. Wir sind Menschen. Aber unser Zorn soll keine Sünden nach sich ziehen. Es gilt ihn zu kanalisieren, Stück für Stück den Druck entweichen zu lassen. Wer oft zürnt, darf sich fragen, woher das kommt. Und wenn der Zorn uns mal wieder mitreißt, dann möge er vor Anbruch der Dunkelheit verrauchen. Es gilt den Blick zu heben und den Menschen, denen wir zürnten, mit offenem Angesicht zu begegnen. Dann lässt uns die Nacht zur Ruhe kommen und schenkt heilsame Selbsterkenntnis. Und der neu anbrechende Tag bietet Raum für frische, versöhnte Beziehungen.

Prof. Dr. Oliver Pilnei
Professor für Praktische Theologie

Januar 2022

Jesus Christus spricht: Kommt und seht!
(Joh 1,39 )

„Komm her, und sieh es dir an!“ So ein Satz weckt Neugier, wahrscheinlich auch bestimmte Erwartungen. Was gibt es dort zu sehen? Was ist so besonders, dass es mit den eigenen Augen angeschaut werden soll?

Einige Verse zuvor weist Johannes der Täufer auf Jesus hin. In Vers 36 heißt es „als er Jesus vorübergehen sah, sprach er „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Zwei seiner Jünger hören dies und fangen an, Jesus nachzufolgen. Sie haben auf den Messias gewartet, sie haben ihn erwartet. Welche Gedanken und Emotionen sie wohl hatten, als dieser nun vor ihnen ging und sie seinen Schritten folgten? Welche Erwartungen trugen sie in sich? Als Jesus sie bemerkt, reagiert er etwas anders, als es vielleicht zu erwarten gewesen wäre: „Was sucht ihr?“, fragt er sie.

Was sucht Ihr – was suche ich – in meiner Nachfolge heute? Welche Erwartungen bringe ich mit? Die ersten Jünger haben vielleicht jemanden erwartet, der nach außen hin noch mehr wie ein „König“ aussah. Vielleicht haben sie nicht mit dieser „Einfachheit“ in der Erscheinung Jesu gerechnet. Jesus nimmt sie mit, er lädt sie ein, er beantwortet ihr Suchen: „Kommt her und seht!“. Die Jünger folgen seiner Einladung, sie kommen zu ihm und verbringen den Tag an seiner Seite. Sie sehen ihn, hören ihn und begleiten ihn. Im Anschluss an diesen Tag erzählen sie weiter, dass sie den Messias getroffen haben. Die Begegnung mit Jesus hat Eindruck hinterlassen.

„Kommt und seht“ – eine Einladung Jesu an diejenigen, die ihm nachfolgen und Fragen stellen. Diese Einladung erfordert eine aktive Handlung auf Seiten der Zuhörenden und Suchenden. Sie werden eingeladen, näher zu kommen, sich in Bewegung zu setzen, auf ihn zuzugehen. Sie werden eingeladen, wachsam zu sein und hinzuschauen. Jesus nimmt seine Jünger mit in seinen „Alltag“, die Einfachheit, das normale, echte Leben. Und sie sind berührt – sie haben etwas gesehen und gefühlt, das ihr weiteres Leben verändert. Dafür mussten sie kommen und sehen, es am eigenen Leib erfahren. Nicht Gold oder Silber hat sie zur Nachfolge bewegt, sondern diese menschliche Begegnung mit Jesus. „Kommt und seht“ – vielleicht auch eine persönliche Einladung an mich, mich mitten in meinem Alltag wieder neu einzulassen und von Jesus überraschen zu lassen. Ich bin eingeladen, zu ihm zu kommen.

Dana Sophie Jansen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Theologische Hochschule Elstal

Jahreslosung 2022

Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. (Johannes 6,37)

Abgewiesen zu werden, ist wahrlich keine gute Erfahrung. Man fühlt sich abgelehnt, und das schmerzt. Vor einem Club vom Türsteher keinen Einlass zu bekommen, kann man noch verkraften. Schlimmer ist es, wenn es innerhalb der Familie Abweisung gibt hin und her, weil manche Konflikte nicht gut gelöst werden konnten. Leider findet sich das Ausgestoßen werden auch in der Geschichte und Gegenwart der christlichen Kirche, weil man vermeintlich ethisch nicht angemessen lebt oder seinen Glauben anders formuliert, als es vorgesehen ist. Demgegenüber ist doch unsere Bewegungsrichtung wichtig, dass wir zu Jesus kommen.

Jesus Christus sagt, dass er den nicht abweist, der zu ihm kommt. Interessanterweise gibt er in den Worten zuvor eine tolle Begründung dafür, dass er die Menschen annimmt, die zu ihm kommen: „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir.“ Er erlebt die Menschen, die zu ihm kommen, als Gabe seines himmlischen Vaters, als Gottesgeschenke. Er bewertet die Menschen nicht nach ihrem Tun oder Denken, sondern er sieht sie mit Gottes Augen – als Gottes Geschöpfe, die ihm anvertraut sind. Darum weist Jesus sie nicht ab.

Jesus nimmt uns an und passt auf uns auf! Das ist zuerst einmal eine wunderbare Botschaft für uns selbst. Mögen wir vielleicht von dem einen oder anderen Menschen abgewiesen werden, bei Jesus, und damit bei Gott, wird uns das nicht passieren. Egal, wie gut oder wie schlecht wir uns fühlen, Jesus nimmt uns an!

In dieser wunderbaren Zusage spüren wir aber auch die Frage an uns, wie wir mit Menschen umgehen, die zu uns kommen, zu mir persönlich oder zu uns in die christliche Gemeinschaft. Welche Voraussetzungen müssen sie erfüllen, um von uns angenommen zu werden? Wenn wir Jesus nachfolgen, dann werden wir unsere Herzen und Türen für alle Menschen öffnen – so wie Jesus es tat. Wenn Menschen sich von uns distanzieren, weil sie nicht mit uns zu Jesus kommen wollen, dann steht ihnen das frei. Falsch wird es, wenn Menschen mit uns zu Jesus kommen wollen, wir es ihnen aber nicht erlauben, aus welchen Gründen auch immer. Besser ist es, die Perspektive Jesu einzunehmen: Jeder Mensch, der zu uns kommt, ist ein Gottesgeschenk! Darum sind unsere Türen offen, und wir feiern zusammen Gottes Liebe.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie