Monatsandachten

Geistliche Impulse aus der Theologischen Hochschule Elstal

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Ältere Andachten finden Sie im Archiv.

November 2020

Gott spricht: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. (Jer 31,9 (L))

Hilfreicher Trost bedeutet vor allen Dingen Begleitung. Damals wie heute. Die Formen der Begleitung mögen sich ändern; im Wesentlichen kommt es immer darauf an, einem (oder mehreren) Menschen in herausfordernden Zeiten zur Seite zu stehen, mit zu gehen oder einfach da zu sein.

Die Prophezeiung aus dem Jeremiabuch beschreibt auch Gottes Handeln mit seinem Volk in ganz entsprechender Weise. Den aufgrund von Krieg, Flucht und Vertreibung vermutlich mehrheitlich traumatisierten Menschen wird zugesagt, dass sie getröstet werden, indem Gott sie leitet – was in diesem Fall nichts Anderes als Begleitung heißt, wie bei einer Eskorte. Auf einer assyrischen Reliefdarstellung aus dieser Zeit sieht man, wie Einwohner der eroberten judäischen Stadt Lachisch von den neuen Machthabern aus ihrer Heimat in eine ungewisse Zukunft abgeführt werden. Die Prophetie aus Jeremia wirkt wie ein dazu als Kontrast gemaltes sprachliches Bild: „Ich bringe euch wieder zurück, gehe neben euch her und schütze euch.“ Im vorherigen Vers (Jer 31,8) bezieht sich dieses Versprechen ausdrücklich auf die verwundbarsten Menschen der damaligen Situation: auf Blinde, Lahme, Schwangere und junge Mütter. Die Rückführung der nach Babylon Verschleppten wird mit ähnlichen Worten auch im Buch Jesaja angekündigt: „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden“ (Jes 55,12)“. Mit etwas anderer Betonung ist im Buch Hiob ist vom Geleiten des Toten zum Grab die Rede (siehe Hi 21,32) – ein Ritual, das wir aus guten Gründen bis heute pflegen, wenn wir jemanden „zu Grabe tragen“ und zugleich damit die Angehörigen trösten.

Ob es um die gegenseitige Unterstützung im engsten Familienkreis, in der Gemeinde oder vielleicht in einer Trauergruppe, in der sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gegenseitig von ihren Erfahrungen erzählen, geht: Die Formen der Begleitung mögen sich wandeln – gute Beziehungen zueinander sind in unserer heutigen Zeit, in der viele Menschen durch die äußeren Umstände ganz auf sich selbst zurückgeworfen sind, wichtiger denn je.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Oktober 2020

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht´s auch euch wohl. Jeremia 29,7 (Luther)

Dieser Aufruf erreicht Menschen inmitten einer sehr herausfordernden und leidvollen Lebenssituation. „Suchet der Stadt Bestes!“ Das ist eine Aufgabe, die genau diese Menschen in ihrer eigenen Stadt, in Jerusalem, gerne und gut erfüllen konnten. Dort hatten sie die wichtigen Positionen besetzt, Verantwortung übernommen, Menschen geführt, die Stadt aufgebaut, ihre Kompetenzen eingebracht, Karriere gemacht. Und jetzt sitzen sie mit dem König und seiner Mutter, einigen Ältesten, Priestern und Propheten, mit der Jerusalemer Führungsschicht und den Menschen, die zum Aufbau einer Stadt wichtig sind, der Stadtverwaltung, den Finanzfachleuten, Schmiedemeistern und Zimmerleuten, hier in der Fremde. Nun leben sie in Babylonien mitten unter ihren Feinden; besiegt und weggeführt, ohnmächtig und handlungsunfähig. Sie schauen zurück und trauern, und sie fragen sich: Wie lange noch? Wann können wir wieder zurückkehren? Wann ist das hier endlich vorüber? Hoffentlich schon bald?
Einige sagen es so: Ja, schon bald wird Gott euch aus dieser Situation herausführen. Er wird Euch zurückbringen. Anders Jeremia. Er macht keine falschen Versprechungen. Er sagt, was wahr ist und weh tut, aber er eröffnet auch neue Perspektiven. So schnell wird diese Situation nicht enden, macht er deutlich. Wer etwas anderes behauptet, der lügt. Es wird kein schnelles Ende geben, keine baldige Rückkehr. Richtet euch ein, baut Häuser, legt Gärten an, bekommt Kinder, bringt euch ein mit euren Kompetenzen, hier in dieser Stadt. Es wird lange dauern, mehrere Generationen werden hier leben. Nach 70 Jahren erst werdet ihr nach Jerusalem zurückkehren. Das sind keine gefälligen Worte. Das wäre Grund genug zu Resignation und Rückzug. Aber Jeremia eröffnet eine Perspektive der Hoffnung: Die Zeit in Babylonien wird keine verlorene Zeit. Gott ist die Situation nicht entglitten. Auch wenn das Volk besiegt ist und ins Exil geführt wurde, Gott ist nicht besiegt. Er ist der Handelnde. „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen...“ Jeremia führt dem Volk die guten Gedanken und Absichten Gottes vor Augen: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ Und er fordert zu einem Handeln in dieser Perspektive der Hoffnung auf. In Krisenzeiten geht der Blick oft zurück und es wird nach der Ursache gefragt. Oder der Blick geht weit nach vorn und es scheint, dass ein neues Engagement erst wieder möglich ist, wenn die schwierige Zeit der Krise vorüber ist. In der Perspektive der Hoffnung, dass Gott die Situation in seinen Händen hält und dass er eine Zukunft zusagt, ist ein Handeln im Hier und Jetzt möglich. Baut Häuser, legt Gärten an, bekommt Kinder, sorgt dafür, dass das Leben weiter geht und macht es hier, in dieser Stadt, bringt euch hier mit euren Kompetenzen ein. Das Leben wird in der Krise gestaltet, nicht erst danach. Und Schritt für Schritt kann so neues Vertrauen wachsen. Und Schritt für Schritt wächst ein neues Gottesverständnis mit. Das ist die eigentliche Herausforderung: Wie ist Gott in dieser Krise neu zu verstehen? Hat er uns verlassen? Ist auch er durch einen Feind besiegt worden, also zu schwach zu helfen? Wer ist Gott, wenn das Leben jetzt so ist? Wie können wir das verstehen? Diese Fragen bewegen die Menschen im Exil und sie kommen zu gültigen Antworten: Gott ist Schöpfer und Herrscher der ganzen Welt und nicht nur eines Volkes. Wenn das Volk besiegt ist, ist es Gott noch lange nicht. Er hält das Leben und die Geschichte und die Zukunft in seiner Hand. Er ist der eigentlich Handelnde und wir können ihm vertrauen. Es gilt, das Leben in der Tiefe zu verstehen und theologisch zu durchdringen. Einfache Antworten greifen zu kurz und entpuppen sich als Lüge. Im Exil, in der Krise entsteht eine neue Weltsicht, ein neues, tieferes Gottesverständnis, eine neue Theologie. Das ist das, was uns angesichts der Herausforderungen unserer Zeit nur zu wünschen ist. Welche Theologie brauchen wir heute? Eine der schnellen Antworten oder eine, die uns trotz einer Lebenssituation, die von Ohnmacht und Hilflosigkeit bestimmt ist und Angst und Lähmung auslöst, zum Handeln in der Perspektive der Hoffnung auffordert?

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

September 2020

Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat.
(2. Korinther 5,19/Einheitsübersetzung)

Das Ja Gottes ist klar und eindeutig. Daran sollte eigentlich kein Zweifel bestehen. Doch auf einmal waren sich die Christen in Korinth nicht mehr so sicher. Was war geschehen? Paulus hatte angekündigt, auf seinem Weg nach Mazedonien kurz in Korinth vorbeizuschauen (2Kor 1,15f.). Für den Rückweg hatte er sich einen zweiten Besuch dort vorgenommen. Beide Aufenthalte sollten dazu dienen, der korinthischen Gemeinde die Gnade Gottes zu verkündigen. Zweimal Gnade, – doppelt hält bekanntlich besser. Doch dann hatte der Apostel erneut seine Reisepläne geändert. Das hatte in Korinth für Irritationen gesorgt und kritische Rückfragen ausgelöst: Gilt für den Apostel „zugleich Ja, Ja und Nein, Nein“ (2Kor 1,17)? Und das nicht nur für seine Reiseplanung, sondern womöglich auch für seine Verkündigung? Heute hü und morgen hott? Paulus versucht, die Kritik der Korinther an seiner Person ernst zu nehmen und vor allem der Verunsicherung ihres Glaubens mit einem deutlichen Ja zu begegnen (2Kor 1,19f.): „Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündet wurde – durch mich, Silvanus und Timotheus – , ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht. Denn er ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat. Darum ergeht auch durch ihn das Amen zu Gottes Lobpreis, vermittelt durch uns.“

Auf diese Weise und vor diesem Hintergrund betont Paulus das Ja Gottes. Dabei erinnert er nicht nur an Gottes zahlreiche Verheißungen (2Kor 1,20). Sondern er unterstreicht zugleich deren Zuspitzung „in Christus“. Ganz allein Gottes Handeln durch Christi Tod und Auferstehung hat die Versöhnung aufgerichtet. Das versöhnende Handeln kommt von Gott her und führt zu ihm hin. Es ist am Kreuz grundlegend geschehen und kommt zum Ziel, wo die Verkündigung des Evangeliums angenommen wird. Nicht wir Menschen müssen uns mit Gott versöhnen, sondern er hat uns in Christus in die Versöhnung hinein gezogen. Diese Botschaft lässt Gott durch Paulus und die Christen und Christinnen aller Zeiten an jene ausrichten, die davon noch nicht gehört oder ihr noch nicht zugestimmt haben (2Kor 5,20b): „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“
Fest steht: Gott ist nicht Ja und Nein zugleich, und wir müssen das auch nicht sein. Nicht in unseren alltäglichen Planungen und Beziehungen und schon gar nicht im Hinblick auf Gottes Liebesbeziehung zu uns. Zum großen, grundlegenden und umfassenden JA Gottes gehört unser kleines, vielleicht zweifelndes, tastendes, mutiges, wachstumsfähiges, die Versöhnung in Jesus Christus für uns wahr sein lassendes: ja.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

August 2020

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Ps 139,14 (L)

Wofür dankt der Psalmbeter hier eigentlich? Für bestimmte Vorzüge, die er vom Schöpfer mitbekommen hat? Etwa: „Ich danke dir, Gott, dass ich kräftig, willensstark, klug, schön oder hochbegabt bin?“ Ja, wenn man das ist, kann und soll man Gott gewiss dafür danken und es zum Wohle anderer einsetzen. Aber an solche Vorzüge seiner Person denkt der Psalmbeter hier gar nicht. Das deutsche Wort „wunderbar“ bedeutet ja nicht nur „herrlich“, „großartig“ oder „sehr schön“, sondern auch „erstaunlich“ und „wie ein Wunder erscheinend“, und eben diese zweite Bedeutung kommt dem Sinn der Psalmworte am nächsten. Im Deutschen gibt es zudem das Eigenschaftswort „wunderlich“, und auch dieses Wort würde hier passen – nicht im Sinne von „seltsam“ oder „schrullig“, sondern im Sinne von „zur Verwunderung Anlass geben“. Der Psalmbeter staunt also über die Weise, wie Gott ihn und jeden Menschen erschaffen hat: „Du hast mich in einer Weise gemacht, die Staunen erregt und so außergewöhnlich ist, dass man vor Ehrfurcht schaudert.“

Nun könnte jemand einwenden: Heute können wir so nicht mehr beten, denn heute wissen wir, wie ein Mensch im Mutterleib entsteht, und können es mit technischer Hilfe sogar sehen. Also kein Staunen, keine Ehrfurcht vor dem Leben mehr? Doch, auch heute noch! Denn immer noch ist es erstaunlich, wie zweckmäßig alle Vorgänge sind, die zur Entstehung und zur Geburt eines Menschen führen. Es drückt sich in ihnen ein überlegenes Wissen aus. Manche sprechen von einem Wunder der Natur, Christen sprechen vom Wunder Gottes. Darum können auch wir heute mit dem Psalmisten beten: „Du, Gott, hast mich gebildet im Mutterleibe“ (V. 13). Statt mit „gebildet“ kann man hier auch übersetzen „gewoben“ oder „bunt gestickt“. Der menschliche Leib ist also wie ein kunstvolles Geflecht, in dem eins ins andere greift. Und obwohl man heute anscheinend alles erklären kann, wirklich verstehen können wir es nicht.

Der gesamte Psalm 139 ist eine Anbetung Gottes, des allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Schöpfers. Wer also den Monatsspruch recht bedenken will, der erhebe die Gedanken von sich selber weg zu Gott dem Schöpfer. Er bedenke, dass der Monatsspruch ein Gebet zu Gott ist, und stimme in dieses Gebet ehrfürchtig mit ein.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2020

Der Engel des Herrn rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir! (1. Könige 19,7)

Elia war auf der Flucht, er hatte Angst um sein Leben. Nachdem er seinen Diener in Beersheba in Juda gelassen hatte, floh er allein in die Wüste. Die Wüste, der Ort der Einsamkeit, der Ort, wo Leben nicht wachsen kann. Im Weltbild des Alten Testaments einer der lebensbedrohenden, lebensfeindlichen Gebiete der Welt. In dieser Einsamkeit lässt sich Elia nieder und gibt auf – er gibt sein Leben auf und bittet Gott, es ihm zu nehmen. Doch Gott hat andere Pläne. Ein Engel des Herrn weckt Elia aus seinem Schlaf und fordert ihn auf: Steh auf und iss! Dort, mitten in der Wüste, bekommt Elia das, was er zum Leben braucht. Er findet einen Krug Wasser und geröstetes Brot neben sich liegen. Elia isst und legt sich wieder schlafen. Es ist eine tiefe Erschöpfung, die Angst, das auf der Flucht sein, die Last seines Gewissens und das Gefühl, nicht besser zu sein, als seine Väter – all diese Gedanken und Emotionen wirken sich bei Elia in einem resignierten, erschöpften Schlaf aus. Doch der Engel kommt zum zweiten Mal. Er weckt Elia erneut: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

In der Bibel ist die Wüste nicht immer als lebensbedrohlich dargestellt. Ganz im Gegenteil. Nicht selten ist es in der Stille, Leere und Einsamkeit, dass Menschen Begegnungen mit Gott haben, die ihrem Leben neue Hoffnung und Kraft geben. So auch bei Elia. Er hatte aufgegeben, doch Gott hatte ihn noch lange nicht aufgegeben. Der Weg in die Wüste war der Weg zu seiner weiteren Bestimmung. Es war in der Wüste, dass er neue Kraft zum Leben bekam, dass ihm eine Perspektive gezeigt wurde. Doch bis Elia in diese Bestimmung und Perspektive eintreten konnte, musste etwas anderes passieren: Er brauchte Zeit – Zeit zum Schlafen, Zeit in der Stille und Nahrung für seinen Körper. Gott bereitet Elia vor, indem er ihm menschliche Grundbedürfnisse zur Verfügung stellt. Nicht optional, denn Elia wird mehrmals von dem Engel darauf hingewiesen, Gebrauch von diesen Bedürfnissen zu machen. Er bekommt Schlaf, Nahrung und Wasser, er wird geweckt, wenn es Zeit zum essen ist, er wird geweckt, wenn es Zeit für den nächsten Schritt ist. Diese Ruhe in der Wüste, in der Elia aufgebaut wird, gibt ihm letztendlich Kraft, um vierzig Tage und vierzig Nächte, bis zum Berg Horeb, zu laufen. Diese Tage in der Ruhe und Stille waren wichtig und essentiell, um die nächsten Schritte zu tun.
Die Geschichte von Elia verdeutlicht, dass es unterschiedliche Phasen gibt, die alle ihre Berechtigung haben. Die letzten Wochen und Monate waren geprägt von sozialer Isolation, von Unsicherheiten und für viele sicherlich auch tiefer Einsamkeit. Vielleicht ist auch jetzt eine Wüstenzeit, in der wir in der Stille und Einsamkeit auf Gott warten können. Vielleicht ist es für einige von uns an der Zeit, nicht mehr auf der Flucht zu sein, sondern sich versorgen zu lassen – da und genau dann, wenn uns Unsicherheiten und Dürre umgeben. Vielleicht ist es Zeit, aufzuwachen, um zu essen und sich zu stärken. Und vielleicht ist es aber auch an der Zeit, aufzustehen und loszugehen. Die Wüste ist nicht der Ort, wo alles endet. Bei Elia ist sie der Ort, wo der Grundbaustein für Neues gelegt wird. Denn da, wo wir aufgeben wollen, da hat Gott einen anderen Plan.

Dana Sophie Weiner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Theologischen Hochschule Elstal

Juni 2020

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1.Kön 8,39 (L))

Als König Salomo diesen Satz sprach – als Bestandteil eines umfangreichen Gebetes anlässlich der Einweihung des Jerusalemer Tempels –, konnte er trotz all seiner Weisheit nicht ahnen, in welch globaler Bedeutungsdimension sein Gebet eines Tages gesprochen werden würde. Dass Gott das Herz aller Menschen kennt, genauer: das Herz all jener „die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen“ (V. 38), bezieht Salomo auf Klagen über Unglücksfälle (Krankheiten, Hungersnöte oder Kriege), die zunächst sein Volk, also Israel, treffen könnten. Und weil Gott das Herz aller Menschen genau kenne, darum möge er auch rettend eingreifen, wenn jede und jeder sich aus ganzem Herzen an ihn wende, wie groß auch immer die Not sei. Doch auch Nichtisraeliten schließt Salomo in sein Gebet ausdrücklich ein (V. 41). Damit teilt er eine den gesamten Alten Orient verbindende Gewissheit, der zufolge die Götter sich erbarmen, wenn das Schicksal die Menschen unversehens trifft. Wie umfassend dieses quasi ökumenische Gebet dreitausend Jahre später klingen würde, konnte er zwar nicht wissen, doch er war damit seiner Zeit schon voraus. Manche moderne „Salomos“ warnten schon seit Längerem, dass ein kleines, unsichtbares „Gift“ (lat. virus) in der Lage sein würde, binnen kurzer Zeit Millionen Menschen um den gesamten Globus zu infizieren und die Weltwirtschaft an den Rand des Kollaps zu bringen – sie wurden meist überhört. Würde Salomo heute beten, dann darum, dass wir in massiven Krisenzeiten, die uns in vielen Bereichen zur sozialen Isolation zwingen, den anderen nicht aus den Augen verlieren – gerade weil wir nicht in ihn hineinschauen können. Der Blick zu Gott, der das Herz aller Menschen kennt, zeigt uns die Würde des/r Anderen und dass wir einander brauchen, um Mensch zu sein, auch wenn jeder Mensch ein Individuum ist. Möge uns das Gebet Salomos daher immer wieder in unserem Handeln leiten.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Mai 2020

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat. (1. Petr 4,10)

Was erwartet man von einem guten Verwalter? Zunächst einmal, dass er das, was ihm zur Verwaltung anvertraut wurde, gut bewahrt und für seinen ordnungsgemäßen Einsatz Sorge trägt. Aber darüber hinaus auch, dass das ihm übertragene Vermögen sich vermehrt und möglichst gute Ergebnisse hervorbringt. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes gebraucht dieses Bild aus dem antiken Wirtschaftsleben, um alle Mitglieder der christlichen Gemeinden anzusprechen. In seiner Gemeindeermahnung, die von V.7-11 reicht, fordert er die Christen auf, aus der Hoffnung des Glaubens heraus, ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass die Liebe deutlich wird, die die Gemeindemitglieder miteinander verbindet. Dazu gehört sowohl die Fürbitte füreinander (V.7) wie die liebevolle wechselseitige Vergebung der Sünden (V.8) und die Bereitschaft die bedürftigen Gemeindemitglieder zu versorgen, ohne dabei zu murren (V.9).

Und an diese Ermahnungen schließt sich der Monatsspruch an, der gleichsam eine allgemeine Regel für das Miteinander in der Gemeinde formuliert: Alle Gläubigen sollen die Gaben, die Gott ihnen gegeben hat, nicht für sich behalten, sondern sie so einsetzen, wie es ein guter Verwalter täte. Gott hat allen Gemeindemitgliedern unterschiedliche Gaben gegeben. Diese können sehr vielfältig sein, aber alle lassen sich zum Dienst für andere einsetzen. Wer über die Gabe des Betens verfügt, kann die anderen in seine Gebete einschließen. Wer die Gabe der Liebe hat, soll den anderen vergeben. Und wer über ein Haus oder die notwendige Finanzkraft verfügt, soll den Bedürftigen Gastfreundschaft erweisen. Und die Liste ließe sich mit weiteren Gaben verlängern.

Entscheidend ist die Haltung, aus der heraus die Gemeindemitglieder ihre Gaben einsetzen sollen. Weil sie unverdiente Gnadengaben Gottes sind, sollen sie so gebraucht werden, dass neue Gnade entsteht. Gnade lässt sich nicht dadurch vermehren, dass man sie knapphält, um ihren Preis hochzutreiben, sondern nur, indem man sie kostenlos weiterverschenkt. Weil Gott aus seiner Gnade den Menschen spezifische Gaben geschenkt hat, können und sollen diese die Gaben in das Gemeindeleben investieren. Nur im Dienst aller an allen kann die Vielfalt der Gnadengaben von allen erlebt werden. Nur wenn niemand seine Gaben für sich behält, erhalten alle an allen Gaben Anteil. Nur so wird dann auch die bunte Vielfalt der Gnade Gottes von allen erkannt werden.

Diese Ethik eines gnädigen, sich wechselseitig beschenkenden Miteinanders, die der 1. Petrusbrief hier seinen Leserinnen und Lesern vor Augen stellt, überfordert niemanden. Nur das soll geteilt werden, was zuvor verliehen wurde. Nur das, für das alle als Verwalterinnen und Verwalter der Gnade Gottes Verantwortung tragen, soll eingebracht werden. Und das ist auch möglich, denn jeder Dienst, der aus der Gnade Gottes heraus geschieht – das macht der abschließende Vers 11 deutlich – lebt letztlich von der Kraft, die Gott geschenkt hat und immer wieder neu dazu gibt.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
(Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal)

April 2020

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich (1. Korintherbrief 15,42)

Wer sich nicht vorstellen kann, wie eine Auferstehung der Toten aussehen soll, der kann sich vielleicht mit der Erkenntnis trösten: Bereits in den ersten Christengemeinden gab es Menschen, denen es ähnlich ging. Die Apostel hatten verkündigt: Am Ende der Weltgeschichte werden die Toten auferstehen, und zwar nicht, um irgendwann einmal wieder zu sterben, auch nicht, um als bloße Geister weiterzuexistieren, sondern um in einem neuen Leib ewig zu leben. Diese Erwartung hatten Jesus und seine Apostel vom Judentum ihrer Zeit übernommen. Für nicht-jüdische Christen aber war das schwer zu verstehen. Sollen wir im kommenden Reich Gottes etwa wieder dieselben Leiber tragen wie jetzt – aus Fleisch und Blut? Dann könnten wir in der kommenden Welt allerdings nicht ewig leben, denn Körper aus Fleisch und Blut sind notwendigerweise sterblich.

Der Apostel Paulus antwortet auf diese Frage mit einem Hinweis auf die Natur. Dort gibt es Gestaltwandel: Ein Weizenkorn verändert, nachdem es ausgesät wurde, in der Erde seine Gestalt: Aus einem Korn wird ein Halm mit einer Frucht. So ähnlich können wir uns auch die Auferstehung vorstellen. Unsere jetzigen Leiber sind verweslich. „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“, hatte Gott zu Adam gesagt (1. Mose 3,19). Bei der Auferweckung aus dem Tode bekommen wir aber einen Leib anderer Art, nämlich einen überirdischen, vom Geist Gottes durchdrungenen Leib. Dieser Leib ist nicht mehr armselig, sondern herrlich, nicht mehr schwach, sondern stark, nicht mehr verweslich, sondern unverweslich. In diesem irdischen Leben haben wir alle einen sterblichen Leib wie Adam ihn hatte. Im kommenden Gottesreich dagegen werden wir einen unsterblichen Leib erhalten wie ihn der auferstandene Christus hatte.

Dann wird der Tod endgültig besiegt sein.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

März 2020

Jesus Christus spricht: Wachet! (Markus 13,37)

Wer glaubt, muss wach sein. Natürlich können auch glaubende Menschen nicht ohne Schlaf auskommen. Das sollen sie auch nicht. Guter Schlaf ist etwas Wunderbares. Und schöne Träume erhellen nicht nur die Nacht, sondern leuchten zuweilen sogar in den Tag. Aber das Kennzeichen von Christen ist nicht der Schlaf, sondern das Wachsein. Denn nur wer wach ist, ist bereit für Begegnungen. Wer schläft, bleibt immer bei sich. Das Wesen des Glaubens jedoch ist es, sich aus sich selbst herausrufen zu lassen. Um nicht mehr unentwegt um sich selbst zu kreisen, sondern dem auferstandenen Christus zu begegnen. Unter den vielen Stimmen, die uns täglich umgeben und uns müde machen, hört der Glaube seine Stimme. Die fordert unsere Aufmerksamkeit nicht lautstark, sondern erbittet sie behutsam. Um sie zu hören, müssen wir daher hellwach sein. Ein Leben lang. In dieser Wachheit erwartet unser Glaube dann auch zugleich die unmittelbare und universale Begegnung mit Jesus Christus am Ende aller Tage und Nächte. Denn, so hat es ein lateinamerikanischer Dichter einmal einprägsam formuliert: „Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt. Aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik“ – wenn wir wach sind. Der Glaube will aber auch darum wacher Glaube sein, um mit seinen Mitmenschen eine gemeinsame Welt zu haben. Die Schläfer haben immer nur ihre eigene Welt. Da kommt es zu keinen Begegnungen. Einander begegnen – wirklich begegnen – können wir nur als wache Menschen. Nur dann nämlich sind die Augen geöffnet und wir können uns sehen: in unserer Freude und in unserem Kummer, in der zum Himmel schreienden und in der oft genug auch verborgenen Not. Die vor uns liegende Passionszeit kann man als eine besondere Zeit zur Wachsamkeit begreifen und gestalten. Wer mit Christus den Weg zum Kreuz mitgeht, muss schließlich geistlich und geistig hellwach sein. Und damit wir dabei nicht allein auf uns gestellt sind, haben wir viele andere Christinnen und Christen an unserer Seite. Die rufen uns, wenn es nötig ist, das Wort unseres Herrn ins schläfrig verschlossene Ohr: Wach auf!

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

Februar 2020

Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. (1.Kor 7,23)

Paulus setzt mitten in der Lebenswelt seiner korinthischen Leser und Leserinnen ein. Er zeigt ihnen Lebensperspektiven von höchster Relevanz auf: Sie sind jetzt nicht mehr Knechte von Menschen, sondern Diener Christi. Wo moderne Übersetzungen meist von „Knechten“ sprechen, da geht es in der Antike eigentlich um „Sklaven“. Von ihnen gab es auch in der korinthischen Gemeinde etliche. Wenn nun jene Sklaven das Wort für „Herr“ hörten oder lasen, dann dachten sie wohl nicht zuerst daran, mit erhobenen Händen Christus als ihren Herrn zu preisen. Viel eher bedrückte sie der Gedanke an ihren allzu irdischen Besitzer. Für jene „Herren“ waren Sklaven nicht ein menschliches Gegenüber, sondern ein „Objekt“, ein „Besitz“, über den man mit mehr oder eher weniger Wertschätzung verfügen konnte. Warum wurden Menschen zu Sklaven? Einige verkauften sich selbst in die Sklaverei, um damit Schulden abzuzahlen. Andere wurden von einer Mutter geboren, die bereits Sklavin war und ihnen den Status gleichsam vererbte. Gelegentlich liest man auch von Sklavenhändlern (vgl. 1.Tim 1,10), die Kinder oder Erwachsene entführten und verkauften. Auch Kriegsgefangene wurden zu Sklaven gemacht. Zwar berichten antike Quellen auch von Sklaven, die im Haushalt oder als Landarbeiter, Finanzverwalter, Lehrer ebenso wie als Sekretäre durchaus verantwortungsvollen Tätigkeiten nachgingen. Solchen mochte es durchaus besser gehen als „freien“ Tagelöhnern. Andere dagegen mussten in Bergwerken gesundheitsschädliche Arbeit verrichten, wurden sexuell ausgebeutet oder fanden als blutiges Vorprogramm in der Arena ein tödliches Ende. Manche hatten die Aussicht auf Freilassung, andere wurden nach vielen Jahren „als altes Gerümpel ausrangiert“, wie der griechische Schriftsteller Plutarch (geb. um 45 n.Chr.) formuliert. Ob es einem Sklaven oder einer Sklavin gut oder schlecht erging, hing zentral von ihrem Herrn ab. Genau hier setzt die Argumentation des Paulus an. Im Hintergrund steht die Frage: Wer ist der Herr der korinthischen Christen und Christinnen, seien sie nun Sklaven, Freigelassene oder Freie? Ihr sozialer Status war durchaus unterschiedlich. Aber für alle gilt, egal ob Sklaven oder Freie: Sie sind allesamt „einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Für diese Befreiung hat Christus sich selbst in die Rolle eines Sklaven begeben (Phil 2,7) und ist am Kreuz stellvertretend gestorben. Damit hat er den entscheidenden Herrschaftswechsel „teuer erkauft“. Juden und Griechen, Sklaven und Freie ebenso wie Männer und Frauen bekennen sich jetzt zuallererst zu Jesus Christus als ihrem Herrn, dem sie allein uneingeschränkt gehören. Damit ist der entscheidende Impuls gesetzt, der später zur Abschaffung von Sklaverei führte. Entsprechend gilt auch heute: Wo immer neu aufkommende Formen von Menschenhandel Gottes Geschöpfe entwürdigend degradieren, ist dem mutig entgegenzutreten! Jeder Mensch ist eingeladen, ein „Sklave Christi“ zu werden (1.Kor 7,22) und dadurch die Würde eines geliebten Gotteskindes zu erlangen. Der Gegensatz zu irdischer Sklaverei könnte dabei kaum größer sein. Denn bei Jesus Christus gilt, wie es in einem Lied heißt: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein.“ So können wir jetzt gemeinsam singen: „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“.

Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament an der Theologischen Hochschule Elstal

Januar 2020

Gott ist treu. (1. Kor 1,9)

Treue erwartet man von Ehepartnern und lobt sie an Hunden. Bei Menschen ist sie eine Tugend, bei Hunden beruht sie auf Dressur, die die natürlichen Instinkte des Tiers lenkt und formt. Es ist auch ein weises Wort, dass man sich selbst treu sein soll. Das kann in Konfliktsituationen bekanntlich sogar bedeuten, dass man anderen Menschen die Treue aufkündigen und seine eigenen Wege gehen muss. Wer allerdings nur noch sich selbst treu sein kann oder will, hat es aufgegeben, anderen Menschen zu vertrauen. Bei Treue geht es um Vertrauen zu einem Gegenüber, um Beziehung, die sich bewährt in einer gemeinsam erlebten Geschichte.
Dass Gott treu sei, klingt für manche Menschen vertraut und selbstverständlich, für andere dagegen sonderbar oder gar absurd. Zu der Zeit, als der Apostel Paulus seinen ersten Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb, hätten die meisten Leute auf der Straße mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihnen gesagt hätte, Gott sei treu. Nicht dass sie an der Existenz des Göttlichen oder von Göttern zweifelten, das taten damals nur wenige, aber sie verstanden darunter vor allem jene unberechenbaren Mächte, denen das menschliche Leben ausgeliefert ist: Naturgewalten, Gesundheit, Krankheit, Reichtum, Armut, Liebe, Tod wechseln ohne Mitleid und auf unbegreifliche Weise einander ab.

Als nah und schwer zu fassen, als unwiderstehlich mächtig, aber völlig willkürlich erlebten die Griechen das Göttliche. Die Ungebildeten und Abergläubischen versuchten die Götter durch Opfergaben zu besänftigen. Die aufgeklärten Philosophen lehrten, dass man nur sich selbst vertrauen dürfe. Man müsse sich innerlich  von allem frei machen, was Menschen oder übermenschliche Mächte einem an Gutem oder Bösem zufügen können. Nur sich selbst dürfe man treu sein, lehrten die Philosophen, nichts dürfe man fürchten und auf nichts hoffen, was nicht in der eigenen Macht stehe.

Das Leben des Apostels Paulus war nicht weniger als das Leben anderer Menschen ein wechselvolles Auf und Ab von frohen und schweren Zeiten, war Gefahren, Leid, Krankheit und Schmerzen ausgesetzt. Dass Gott treu ist, schrieb Paulus, weil er unter dem Wort „Gott“ nicht das unberechenbare, unausweichliche Schicksal verstand, sondern den Gott Israels, den Vater Jesu Christi.

Paulus begriff sein Leben als Teil der großen Geschichte der Treue, die einst mit Gottes Verheißungen an Abraham begann und die sich durch die ganze Geschichte des Volkes Israel zieht und zu der durch Jesus alle Menschen eingeladen sind. Wenn jemand der Botschaft der Bibel begegnet und sein Leben als Teil der großen Geschichte Gottes mit den Menschen zu sehen lernt, wenn diese Geschichte zum roten Faden im eigenen Leben wird, wenn jemand gemeinsam mit anderen Gläubigen unterwegs ist, dann wird zur lebendigen Erfahrung, was Paulus zu den Korinthern schrieb: „Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.“ Amen.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

Jahreslosung 2020

Ich glaube; hilf meinem Unglauben! (Mk 9,24)

Wie passen diese beiden Worte: Glaube und Unglaube in einen Satz? Ist das eine nicht das Gegenteil vom anderen? Geht beides gleichzeitig: glauben und nicht glauben?
Und darf das überhaupt sein?

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das ist hier das Gebet eines verzweifelten Vaters. Es ist sein Gebet um Hilfe für sein Kind in einer aussichtslosen Situation. Wie oft hatte er schon gebetet und gehofft? Wie oft hatte er Gott schon angefleht um Hilfe? Jedes Mal, wenn sein Sohn einen epileptischen Anfall erlitt, war es das Erste was er tat: beten. Umsonst. Jetzt hatte er die Jünger Jesu gebeten, ihm zu helfen. Doch sie konnten es nicht. Und darüber geraten sie auch noch mit den Schriftgelehrten in einen Streit. Verworrener und unangenehmer kann die Situation gar nicht mehr werden: Mit dem kranken Kind Mittelpunkt eines Streits zu sein. Jesus kommt dazu und fragt nach der Ursache des Streits. Der Vater löst sich aus der Menge und wendet sich an ihn, erzählt ihm von der Krankheit seines Sohnes. Jesus wird aufmerksam, fragt nach. Der Vater erzählt. Sein ganzes Leben lang leidet der Junge schon an den unkontrollierten Anfällen. Er fällt plötzlich hin, manchmal sogar ins Feuer oder ins Wasser. Die Angst um das Kind ist für den Vater eine ständige Begleiterin. „Wenn Du es kannst, erbarme Dich und hilf uns“, schließt der Vater seinen Bericht. Jesus antwortet: „Du sagst, wenn Du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Das sagt Jesus in gewisser Weise auch zu den Jüngern. Sie waren mit ihm unterwegs, kannten ihn, haben erlebt wie er sich Menschen zuwendet und sie gesund werden. Die Jünger haben von ihm gelernt und in seinem Namen auch schon geheilt. Und doch waren sie diesmal dazu nicht in der Lage. Ihnen fehlte der Glaube. Ungläubig werden sie von Jesus genannt.

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Das sagt Jesus auch dem Vater. Damit eröffnet er ihm neue Perspektiven. Nicht die Heilkunst der Jünger oder des Meisters sind ausschlaggebend für die Heilung. Der Glaube macht es möglich. Hoffnung kommt auf und zugleich nimmt der Vater deutlich eine Grenze wahr: Wenn der eigene Glaube es möglich machen soll – kann das gehen? Reicht der eigene Glaube denn? Der Vater weiß um seine menschlichen Grenzen, weiß um die Grenzen seines Glaubens. So oft hatte er ja schon erlebt, dass keine Hilfe möglich war, trotz seiner Hoffnung auf Heilung, trotz seines Glaubens. Er weiß um Beides: seinen Glauben und zugleich seinen Unglauben. Im Gegensatz zu den Jüngern, die die Heilung des Jungen versucht haben und doch gescheitert sind. Was unterscheidet den Unglauben der Jünger vom Unglauben des Vaters? Vielleicht nur, dass der Vater seinen Unglauben mit in sein Gebet einschließt.? „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das kann auch als ein „Bekenntnis“, dass die Heilung vom Gott ausgeht und nicht von Heilkunst oder von Qualität und Form des Gebets, verstanden werden. Der Vater hat die Erfahrung gemacht, dass nichts geholfen hat. Nach so einer Erfahrung ist ein Gebet wie dieses oft das einzig mögliche Gebet und eine sehr ehrliche Reaktion auf die Verheißung Jesu: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“.

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

Dezember 2019

Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jes 50,10)

Der Dezember ist der dunkelste Monat im Jahr. Es ist Nacht, wenn wir morgens aus dem Haus gehen und auch, wenn wir spätnachmittags nach Hause kommen. Das kann auf das Gemüt drücken. Dagegen hilft vielleicht eine Lichttherapie; im Winter noch dunkleren Skandinavien werden dafür ganze Räume und Hallen besonders erleuchtet, wo man sich im sonnenähnlichen Licht seelisch erholen kann – von der Dunkelheit draußen. Gegen das fehlende äußere Licht kann man also etwas tun. Aber was machen wir, wenn es um unsere Seele immer finsterer wird oder in unserer Gesellschaft und Welt?

Der Rat des Propheten ist es, auf den Namen des Herrn zu vertrauen und sich auf seinen Gott zu verlassen. Das sagt er zu seinen Landsleuten, die weit weg von Jerusalem in ihrem Exil in Babylon verzweifeln; das sagt er auch zu sich, wenn er von eben diesen Landsleuten verspottet wird, weil er glaubt, dass der Gott Israels immer noch im Regiment sitzt, dass Gott vergeben hat und es Hoffnung auf Rückkehr gibt.

Genau das beunruhigt auch uns so sehr, wenn wir den Eindruck haben, dass es Gott gar nicht gibt oder dass er sich für uns „null“ interessiert. Manchmal empfinden wir unser Leben wie ein Herumstochern im dichten Nebel, ohne Orientierung und Klarheit. Wir fühlen uns überfordert, oft so allein, vielleicht sogar mitten in Ehe und Familie. Wir sind andauernd müde und wollen angesichts des dunklen Alltags lieber die Augen schließen und in eine hoffentlich helle Traumwelt eintauchen.

Da tritt der Prophet an unsere Seite und ruft uns zu: „Du bist nicht allein. Du bist nicht verloren in der Finsternis. Gott ist da, an deiner Seite. Er sieht dich und er liebt dich.“ Jetzt kommt alles darauf an, dass wir ihm glauben. Dass wir unser Leben, so müde und verzagt es auch sein mag, in die Hände Gottes fallen lassen, damit es in uns und um uns wieder hell wird. ER ist unser Bruder geworden. Sein Name ist „Immanuel“, „Gott mit uns“! Geboren in einem Stall in Bethlehem.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

November 2019

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. (Hi 19,25)

Das „aber“ am Beginn dieses Satzes lässt aufhorchen. Das Wort „aber“ stellt einen Gegensatz dar. Hiob widerspricht. So kennt man ihn: Hiob, der Rebell gegenüber Gott und seinen Freunden. Hiob, der leidenschaftliche Streiter gegen das ihm zu Unrecht zugefügte Leid. Doch wenn Hiob an dieser bestimmten Stelle „aber“ sagt, kommt noch etwas Anderes zum Vorschein, nämlich eine neue Perspektive: „Ich bin mit meinem Leid – trotz allem – nicht allein. Ich bin kein bedauerlicher Ausnahmefall. Wenn nur meine Geschichte aufgeschrieben würde, würde es jeder erkennen.“ Hiob steht exemplarisch für alle Menschen, die wie er unter dauerhaften, unerträglichen Schmerzen leiden. Und er steht dafür ein, dass mit diesem Leid noch nicht alles gesagt ist.

In dem Streit, den Hiob mit Gott und seinen Freunden führt, beginnt er etwas Neues zu sehen. Auf seinem Weg bricht sich Hoffnung Bahn. Es ist ein Weg, der das Leid, die Not und das Elend des Einzelnen und der Welt in einem anderen Licht erscheinen lässt. Freilich nicht in einem Licht, das einem Schalter gleich einfach angeknipst wird, sondern das sich immer wieder erst hartnäckig – mit einem „aber“ – gegen das Dunkel wehren und durchsetzen muss.

Hiob weiß, dass er in Gott trotz allem einen Fürsprecher, einen „Erlöser“ hat – auch wenn Gott ihm in seiner jetzigen Situation bloß als willkürlicher Zerstörer seines Lebens erscheint. Hiob vertraut fest darauf, dass er diese erlösende Seite Gottes eines Tages „sehen“ wird, selbst wenn er jetzt und bis dahin, wie er sagt, nur noch aus Haut und Knochen besteht. Gott wird ihm nicht mehr als Fremder, sondern als Freund und Retter erscheinen. Wie das? Indem Hiob die Welt aus Gottes Sicht und nicht nur aus seiner eigenen Sicht sehen lernt. Indem Hiob im Sehen Gottes etwas Lebendiges wahrnimmt, das ihm selbst dann nicht entrissen werden kann, wenn ihm alles sonst Lebensnotwenige genommen wurde. In diesem „Sehen“ Gottes liegt das Geheimnis von Erlösung. 

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Oktober 2019

Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn du nur wenig hast, scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben. (Tobit/Tobias 4,8)

Manche evangelische Christen werden den aktuellen Monatsspruch in ihrer Bibelausgabe vergeblich suchen, denn er entstammt dem Buch Tobit. Dieses gehört zu den späten Schriften des Alten Testaments, die Luther bei seiner Übersetzung der Hebräischen Bibel außen vorließ, weil sie ihm nur in griechischer Sprache vorlagen. In katholischen Bibelausgaben hingegen ist dieses Buch gemeinsam mit den anderen Spätschriften fester Bestandteil des Alten Testaments.

Die vorliegende Ermahnung zum Almosengeben gehört zu einer längeren Unterweisung, mit der der erblindete Tobit seinen Sohn Tobias auf eine weite Reise verabschiedet. Er gibt seinem Sohn als Vermächtnis die wesentlichen Regeln für ein Leben nach Gottes Willen mit auf den Weg, denn er selbst bereitet sich auf den Tod vor.

Tobit, der selber viele Taten der Barmherzigkeit getan hat, ermahnt Tobias dazu, den Bedürftigen stets etwas vom eigenen Hab und Gut abzugeben, unabhängig davon, ob ihm viel oder wenig Vermögen zur Verfügung steht. Entscheidend ist für ihn offenbar nicht, wie groß eine Gabe ist. Entscheidend ist, dass die Armen Unterstützung erfahren. Und von dieser Pflicht sind auch die nicht ausgenommen, die selbst wenig haben.

Wenn heute Multimilliardäre wie Bill Gates und Warren Buffett regelmäßig Milliarden für wohltätige Zwecke spenden, dann ist das nicht bedeutsamer als das sprichwörtlich gewordene „Scherflein“ der armen Witwe, die Jesus in Mk 12,41-44 dafür lobt, dass sie ihre letzten Pfennige weggibt. Gott sieht alle gnädig an, die bereit sind, zu teilen. Er schaut nicht darauf, ob eine Gabe groß oder klein ausfällt, sondern darauf, ob sie den Möglichkeiten derer entspricht, die etwas abgeben.

Für Gerechtigkeit zu sorgen und solidarisch die Bedürftigen zu unterstützen, ist in der Bibel keine Sonderpflicht für die Reichen. Das Wohlergehen der Armen ist eine Aufgabe, der sich alle gemeinsam zu stellen haben. Vor allem aber gilt dies für diejenigen, die nach dem Willen Gottes leben wollen. Weil Gott Gerechtigkeit und das Wohl der Armen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sieht, sind Wohlhabende und Menschen mit kleinem Geldbeutel gemeinsam herausgefordert. Niemand muss sich schämen, weil er nur wenig geben kann. Aber es ist auch niemand davon ausgenommen, sich die Frage zu stellen, welches Engagement zur Armutsüberwindung angesichts der eigenen Lebenssituation eigentlich angemessen wäre, und dann danach zu handeln.

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Prorektor und Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elsta

September 2019

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Matthäus 16,26)

Die Welt gewinnen, das klingt sehr verlockend. Aber wie könnte das denn gehen, die Welt gewinnen? Was nimmt der Mensch da in den Blick? Was ist das Ziel seines Strebens? Gewinn von Besitz, von Ansehen, mehr Zustimmung durch andere Menschen, schnelles Erreichen von Karrierezielen? Oder möglichst viele verschiedene Länder bereisen, Erfüllung persönlicher Wünsche und Ziele, Optimierung des eigenen Körpers, Höchstzahl an Facebookfreunden und immer mehr Follower in den sozialen Medien?  

Immer mehr – immer besser – immer weiter. Darin kann der Mensch sich selbst verlieren und folgt so bald nicht mehr den eigenen Zielen, sondern findet sich wieder als ein Getriebener. Was auch immer das sein könnte, die Welt zu gewinnen, Jesus warnt vor Seelenschaden durch Weltgewinn. Es gilt zu überprüfen, was der Mensch in den Fokus seines Strebens stellt. Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sind aufgefordert, die Perspektive zu ändern. Was ist es wirklich wert, dass ich mein Streben, meine Sehnsucht darauf richte? Was will ich gewinnen und würde mir das guttun?
Über das, was der Mensch im Außen gewinnen kann, vergisst er oft den Blick nach innen zu richten. Jesus fordert auf, die eigene Seele nicht zu vergessen. Beschädigte Seelen durch Weltgewinn. Seelsorgerinnen und Seelsorger kennen solche Seelenschäden: Burnout – Einsamkeit – Überforderung – Konsumsucht – Sucht nach Selbstoptimierung und die kleinen Schwestern davon: Unzufriedenheit und Langeweile.

Wer ein Ziel in den Blick nimmt muss lernen, an den richtigen Stellen „Ja“ und „Nein“ zu sagen. Wer „Ja“ sagt zum Reich Gottes muss an anderen Stellen „Nein“ sagen zu dem eigenen Wunsch der Ich-Ausdehnung. Wie einer, der eine Perle findet und alles verkauft, um diese eine kostbare Perle zu erwerben. „Ja“ und „Nein“ sagen kann uns vor dem „zu viel“ schützen, auf das unsere Zeit einen Anspruch erhebt. Wer „Ja“ sagt zur Nachfolge Jesu muss „Nein“ sagen zur Verlockung des Weltgewinns, muss sich selbst mäßigen, ein gutes Maß finden für ein neues Verhältnis zu den alltäglichen Herausforderungen. Jesu Worte laden ein zur rechten Verhältnis-mäßigkeit, zu einer Mäßigung, um das rechte Verhältnis zur Welt und zur Seele zu finden. In diesem Sinne schützt die Nachfolge Jesu vor einem Schaden an der eigenen Seele: Seele heil statt Seelenschaden. Jesus fordert uns auf, die Perspektive zu ändern und ihm nachzufolgen. Eine Nachfolge, die dann in mancher Hinsicht Verlust bedeuten kann. Letztlich ist dieser Verlust im Horizont des Reiches Gottes aber ein Gewinn.

Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden. Matthäus 16, 24+25

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

August 2019

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe (Mt 10,7 nach der Einheitsübersetzung).

Mit dieser Botschaft hatte Jesus seine 12 Jünger in die Dörfer und Städte Israels geschickt. Schon die Verkündigung von Johannes dem Täufer und von Jesus selbst begann mit den Worten: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Was soll damit gesagt sein?

Wenn das Matthäusevangelium vom „Himmelreich“ spricht, dann meint es dasselbe, was in anderen Evangelien das „Gottesreich“ heißt. Es meint die Herrschaft Gottes über die gesamte Welt, ein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe. Damit dieses Reich kommen kann, muss Gott zuvor Gericht halten über allen Hass, alle todbringende Gewalt und alle Ungerechtigkeit, deren Ursprung im menschlichen Herzen liegt. Mit dem Himmelreich ist also auch das Gericht nahe. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, sich darauf vorzubereiten. Handelt jetzt, rufen Jesus und seine Jünger! Kehrt von euren bösen Wegen um! Wenn ihr das tut, werdet ihr Anteil erhalten an allen Gütern des kommenden Reichs. Schiebt die Umkehr nicht auf, damit es nicht plötzlich zu spät ist! Weder Johannes der Täufer noch Jesus und seine Jünger haben ein Datum genannt, an dem die Weltenwende eintreten wird. Aber sie wussten und sagten: Sie ist so nahe, dass sie jetzt eine Entscheidung von uns fordert.

Seither sind rund 2.000 Jahre vergangen. Das angekündigte Himmelreich auf Erden ist noch nicht gekommen. Können wir die Botschaft von damals trotzdem noch weitertragen und auch heute noch sagen: „Das Himmelreich ist nahe“? Wir sollten bei solchen Fragen auf jeden Fall bedenken, dass das Himmelreich in bestimmter Hinsicht tatsächlich schon gekommen ist. Mit der Auferstehung und Himmelfahrt von Jesus Christus ist es angebrochen, ebenso mit dem Gericht, das sich durch die christliche Verkündigung bereits an den Menschen vollzieht, und mit dem ewigen Leben, das für die Christusgläubigen schon jetzt und hier beginnt. Ja, das Himmelreich hat schon begonnen, es ist aber noch nicht vollendet. Wir warten noch auf die sichtbare Wiederkehr Jesu Christi, durch die Gottes Herrschaft sich überall durchsetzen wird. Damit wir darauf vorbereitet sind, heißt es auch heute: Kehrt um und schiebt es nicht auf! Denn das Himmelreich ist nahe.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Juli 2019

Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. (Jakobus 1, 19)

Eine häufige Ursache zwischenmenschlicher Konflikte ist fehlende oder unzureichende Kommunikation. Wir reden viel und reagieren schnell, meist nehmen Emotionen bereits vor der Beendigung einer Aussage überhand. Wir reagieren, bevor wir hören. In der Psychologie ist „aktives Zuhören“ ein eigenes Forschungsthema. Jemanden wirklich zuzuhören erfordert Aufmerksamkeit, Konzentration, Willen und Übung. Ein menschliches Grundbedürfnis ist es, gehört und gesehen zu werden.

Der Vers in Jakobus ist an die Christengemeinde Jesu gerichtet, Hintergrund des Briefes könnten Streitigkeiten und Missverständnisse der paulinischen Schriften innerhalb der Gemeinden gewesen sein. Der Vers steht unter der Überschrift „Hörer und Täter des Wortes“ und die nachfolgenden Verse verdeutlichen, dass auf das Hören des Wortes Taten zu folgen haben. Es geht um das Hören des Wortes Gottes und die eigene Reaktion darauf – die emotionale Reaktion und die Handlungsreaktion. „Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden und langsam zum Zorn“ beinhaltet zudem auch eine aktive Aufforderung, den Prozess des Zuhörens einzuüben und sich die Zeit und Stille dafür zu nehmen. Wer hören will, der kann nicht gleichzeitig reden. Wer hören will, der muss zunächst einmal still sein.

Das, was wir in der zwischenmenschlichen Kommunikation oftmals verpassen, wenn wir unseren Gegenüber nicht wirklich Zeit und Aufmerksamkeit schenken, um ihn zu hören und zu sehen, kann weitreichende Folgen mit sich bringen. Dinge, die nie so gesagt oder gemeint wurden und Dinge, die gesagt, aber nicht gehört wurden, schaffen emotionale Distanzierung, Isolation und Streitigkeiten. Wir sind darauf angewiesen, einander zu hören, wenn wir zwischenmenschliche Verbindungen schaffen wollen. Und noch viel mehr sind wir darauf angewiesen, das Wort zu hören, das uns Leben gibt und Handlungsanweisungen für ein gutes, lebensbejahendes Miteinander bereitstellt.

In Matthäus 13, 9-17 heißt es „Wer Ohren hat, der höre“ und „Wer Augen hat, der sehe“. Viele, die Ohren haben und viele, die Augen haben, hören und sehen dennoch nicht. Wer Ohren hat, der höre die frohe Botschaft des Evangeliums, wer Augen hat der sehe, dass da bereits etwas Großes und Gutes angebrochen ist, hier und jetzt, in unseren alltäglichen Lebensherausforderungen. Wir können die gute Nachricht des Evangeliums nur angemessen in unserem Reden, Tun und Handeln weitergeben, wenn wir uns vorher die Zeit genommen haben, sie zu hören und zu verstehen. Der Vers in Jakobus darf auch heute als eine Einladung, ein Hinweis und eine Aufforderung verstanden werden, sich die Zeit zu nehmen, Gottes Wort zu hören. Und er darf als eine Einladung und eine Erinnerung wahrgenommen werden, sich die Zeit zu nehmen, einander zu hören. Viele gute Dinge nehmen im Kleinen, Unscheinbaren ihren Anfang. Vielleicht ist das Zuhören einer dieser Anfänge, die Großes bewirken. Eine Entscheidung, in die es sich lohnt, Zeit und Energie zu investieren.

Dana Weiner

Juni 2019

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. (Spr 16,24 (L) )

„Das geht runter wie Öl“, sagen wir, wenn wir ein Lob bekommen, von dem wir vielleicht selbst ein wenig überrascht sind. Genau wie das Öl stand der Honig im alten Israel für das Angenehme und Wohltuende. Honig wurde als Süßungsmittel verwendet, alternativ nahmen man eingedickten Saft aus Datteln. Das Bild vom Honig verdeutlich, dass gute Worte nicht bloß im Kopf ankommen, sondern dem ganzen Körper guttun, genauso wie böse Worte tatsächlich Schmerz verursachen, so als bekäme man einen „Schlag in die Magengrube“.

Doch mit den „süßen“ Worten ist das so eine Sache. Auch davon zeugen Redensarten. Wer dem anderen „Honig um den Bart schmiert“, hegt undurchsichtige Absichten. Worte können süß und angenehm sein, aber im Nachhinein „bitter aufstoßen“, wenn sich herausstellt, dass man enttäuscht wurde (siehe Sprüche 5,3-6). Das Süße ist also nicht immer gleich gut, es braucht Kriterien, um gute von schlechter Süße unterscheiden zu können.

Den passenden Maßstab finden die biblischen Schreiber in der göttlichen, und daher vollkommenen Tora. Ihre Worte sind sogar noch süßer als Honig (Psalm 19,11), praktisch sind sie der Inbegriff von Süße. Wer die Tora studiert, lernt also auf angenehme Weise das Gute. Bibellesen finden wir allerdings teilweise sehr mühsam und anstrengend. Vieles – in den Gesetzen oder prophetischen Schriften des Alten Testaments – rutscht uns nicht so „glatt“ die Kehle herunter. Doch sollten wir nicht zu schnell aufgeben, denn der Geschmack kommt bekanntlich beim Essen. Der Prophet Ezechiel wird von einer göttlichen Gestalt aufgefordert, eine Schriftrolle zu essen, die lauter Anklagen an das Haus Israel enthält (Ezechiel 2,9-3,1). Doch während des Essens werden dem Propheten die bitter erscheinenden Worte im Mund „süß wie Honig“ (3,2-3).

Bibellesen kann also das Leben verändern. Es zeigt, dass es darauf ankommt, zu unterscheiden, wann man wem etwas Bestimmtes sagt und wie. Sei es ein Lob, oder auch mal eine Rückmeldung, die dem anderen im ersten Moment nicht „schmeckt“, sich aber dann doch positiv auf die Beziehung auswirkt, weil sie ehrlich war. Dem anderen etwas zumuten, aber so, dass er oder sie es für sich annehmen kann – das ist zwar eine Kunst, darauf liegt aber auch eine Verheißung.   

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament

Mai 2019

Es ist keiner wie du, und ist kein Gott außer dir. (2. Samuel 7,22)

Mit dem Bekenntnis zur Einheit Gottes gab sich König David, der diesen Satz in einem Gebet aussprach, als einer der religiösen Nonkonformisten seiner Zeit zu erkennen. Dass „alles voller Götter“ sei, war bei allen anderen Völkern ringsherum allgemeiner Grundkonsens. Uns erscheint dagegen die Alternative „Es gibt entweder einen einzigen Gott oder gar keinen“ so selbstverständlich, dass uns die Kühnheit des Bekenntnisses zu einem einzigen Gott gar nicht mehr auffällt. Echte Heiden gibt es längst nicht mehr, selbst die heutigen Atheisten sind „A mono theisten“, Leugner des einen Gottes. Vielleicht kann man noch bei Reisen in ferne Länder Menschen beobachten, deren Leben von Furcht vor dem Zorn und von Hoffnung auf die Gunst von Göttern bestimmt ist. Aber ansonsten ist die Welt, in der wir leben, götterlos.

Dabei sind uns die Mächte, die beispielsweise die Griechen des Altertums in ihren Tempeln verehrten, keineswegs gleichgültig: Asklepios, der Gott der Gesundheit, Hera, die Göttin des Familienlebens, Plutos, der Gott des Reichtums, Aphrodite, die Göttin der Schönheit und Liebe, Dionysos, der Party-Gott, Demeter, die Göttin der Nahrung, Apoll, der Gott der Musik, Athene, die Göttin der Technologie, Ares, der Militärgott. „Es ist keiner wie du“, sagt David: Keine dieser Gottheiten ist wie der eine wahre Gott, und auch alle zusammen sind es nicht. Dass es nur einen Gott gibt, bedeutet nicht, anstelle der vielen Götter einen einzigen Multifunktionsgott zu verehren, dessen Aufgabe die Erfüllung aller unserer Wünsche und Sehnsüchte ist. Das wäre ein monotheistisches Reform-Heidentum, aber nicht Glaube an den wahren einen Gott.

In seiner Auslegung des ersten Gebots erklärt Martin Luther, was es heißt, keine anderen Götter zu haben. Mancher hat, so Luther (etwas zusammengefasst), „einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Also auch, wer darauf traut und trotzt, dass er große Fähigkeiten, Klugheit, Macht, Beliebtheit, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht den wahren, einen Gott. Das siehst du daran, wie vermessen, sicher und stolz man ist auf solche Güter, und wie verzagt, wenn sie nicht vorhanden oder entzogen werden. Denn einen Gott haben, heißt, etwas haben, worauf das Herz gänzlich traut.“ Allein auf Gott zu vertrauen und sich von ihm in die Freiheit von den Abgöttern unseres Herzens führen zu lassen, darauf kommt es an.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

April 2019

Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)

Es ist die Summe des Evangeliums, die in dem kurzen Satz aufleuchtet: Ich bin bei euch alle Tage. In äußerster Konzentration fasst Jesus am Ende des Matthäusevangeliums zusammen, wofür er gelebt hat und wofür er gestorben ist. Denn dies war und ist seine Botschaft: Dass der ewige Gott nicht ohne uns Menschen Gott sein will. Dass er als Vater im Himmel auch als Vater auf Erden an unserer Seite ist. Und dass darum der von ihm gesandte Sohn nicht nur zur Geburt den schönen Namen „Immanuel“ erhält, sondern als der „Gott-mit-uns“ bis zum Ende der Welt für uns da ist. Wie ist Jesus Christus bei uns? Es kann ja auch anstrengend und bedrückend sein, jemand alle Tage an seiner Seite zu haben. Die Begleitung durch den auferstandenen Christus jedoch ist keine Fessel. Sie ist sanft. Sie berührt, ohne zu bedrängen. Sie engt nicht ein, sondern öffnet Lebensräume. Sie lässt die Freiheit nicht verkümmern, sondern wachsen. Christlicher Glaube reimt sich darum stets auf Freiheit und nicht auf Zwang. Wann ist Jesus Christus bei uns? In guten wie in bösen Tagen. In guten Tagen, an denen wir fröhlich sein Wort hören, bezeugen und auch tun. Dann, wenn wir voller Schwung in Liebe und Sorgfalt uns selbst, unseren Mitmenschen und dieser ganzen Schöpfung Gutes tun. Aber auch in bösen Tagen steht Christus uns zur Seite. Wenn uns die Kraft verlässt und wir am Ende sind. Wenn uns nicht nur die Taten, sondern auch die Worte ausgehen. Wenn wir nur noch die Hände ringen können im Angesicht von Versagen und Verlust, von Krankheit und von Todesnot. Dass Gott auch dann der Gott-mit-uns ist, ist das Geheimnis des Kreuzes von Golgatha. Hier hat der Sohn Gottes sich selbst der tiefsten Gottverlassenheit ausgesetzt, um in allen Abgründen unseres Lebens und noch im Sterben bei uns zu sein. „Bis an der Welt Ende.“ Und dann? Dann kommt Christus endgültig aller Welt mit seinem ewigen Leben entgegen. Dann sind wir sichtbar und für immer bei ihm: in der unmittelbaren und universalen Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott.

Prof. Dr. Volker Spangenberg
Professor für Praktische Theologie

März 2019

Wendet euer Herz wieder dem Herrn zu und dient ihm allein. (1 Sam 7,3)

Dass man irgendwie an Gott glaubt, ist kein Problem. Auch die Israeliten damals glaubten an Gott. Aber daneben verehrten sie noch andere Götter; sicher ist sicher. Der HERR, der Gott ihrer Väter, war ihnen wichtig; aber kann er sich wirklich um alles in ihrem Leben kümmern? Besser war es, auch die Göttin der Fruchtbarkeit zu verehren, die einigen Familien unter ihnen ganz tolle Ernteerträge bringt. Der Prophet Samuel ermahnt nun die Israeliten, alle anderen Götter zur Seite zu tun und allein den HERRN anzubeten und ihn zur allein bestimmenden Kraft ihres Lebens zu machen.

Aus unserer heutigen Perspektive mögen diese Geschichten weit weg von unserer Lebenswirklichkeit sein. Aber dieser Eindruck trügt. Als Menschen stehen wir immer wieder vor der Frage, welche Mächte unser Leben bestimmen. Wir mögen uns autonom geben, als ob wir selber bestimmen, was wir warum tun oder lassen. Und doch zerren viele Kräfte an uns. Welcher Kraft geben wir nach? Viele Stimmen flüstern in unser Ohr und wollen uns die Richtung weisen. Auf welche Stimme hören wir? Oft entwickeln wir in uns eine Hierarchie, welche Stimmen uns stärker bestimmen und welche weniger. Je nach Situation oder Herausforderung stellen wir dann das eine oder das andere mehr in den Vordergrund, je nach Vorteilslage. Einmal lassen wir unser Handeln von unserem christlichen Glauben dominieren, ein andermal bestimmt uns zum Beispiel das Bedürfnis, noch wohlhabender zu werden, auch wenn unser Verhalten oder Lebensstil dann christlichen Werten widerspricht.

Der Prophet mahnt uns, unser ganzes Leben, all unser Denken und Handeln, von unserem Glauben an Gott bestimmen zu lassen. Und in diesem Sinne umzukehren: die anderen Götter in unserem Leben zu entlarven und uns willentlich von ihnen abzuwenden, um uns allein dem Gott Israels, dem Vater Jesu Christi, zuzuwenden. Das ist nämlich das Besondere an Gott, „dem HERRn“, dass er uns in Jesus Christus sein Herz gezeigt hat: voller Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Wenn wir uns IHM ganz unterstellen, dann werden wir von diesen Werten so erfüllt, dass sie unser alltägliches Handeln bestimmen, sowohl in der Gemeinschaft der Christen als auch in Schule, Studium oder Beruf. Dann kann man sich nicht in einem Bereich christlich verhalten und in einem anderen nicht, sondern Gottes Herzschlag wird zu unserem: Liebe und Gerechtigkeit werden für uns immer und überall bestimmend.

Prof. Dr. Michael Kißkalt
Rektor und Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie

Februar 2019

Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. (Röm 8,18)

Auf den ersten Blick wirkt dieser Vers wie eine Vertröstung auf das Jenseits: Ist doch egal, wie schwer dieses Leben ist, das Entscheidende kommt ja erst noch. Ist doch egal, ob es in dieser Welt Gerechtigkeit gibt, oder nicht. In der ewigen Herrlichkeit werden die Benachteiligten zu ihrem Recht kommen.
Der Gesamtzusammenhang aber lässt diesen Vers in einem anderen Licht erscheinen, denn im zentralen 8. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Rom geht es Paulus um die unüberwindliche Liebe und Treue Gottes. Paulus will auf eine Kernaussage hinaus: Nichts, aber auch gar nicht, kann uns trennen von der Liebe Gottes (V.38+39). Und aus diesem Blickwinkel heraus gibt Paulus dem derzeitigen Leiden der Menschen eine andere Bedeutung.

Die ganze Schöpfung seufzt unter ihrer Vergänglichkeit. Aber sie fügt sich nicht in ihr Leiden. Sie erwartet stattdessen sehnsüchtig die Befreiung von Leid und Tod. Und Gott hat den Menschen seinen Geist gegeben, damit sie schon jetzt erkennen können, dass die Vollendung der Welt bereits angebrochen ist, so wie sich bei einer Geburt das neue Leben mit dem Einsetzen der Wehen ankündigt (V.19-23).
Für Paulus steht die Menschheit deshalb in einer Leidensgemeinschaft mit allen anderen Geschöpfen, weil die an Gott Glaubenden stellvertretend für die gesamte Schöpfung die Hoffnung nicht aufgeben sollen, dass sich am Ende die Liebe Gottes durchsetzt und die gesamte Kreatur von Tod und Leiden befreit wird. Und wenn bis dahin Geduld im Leiden notwendig ist, dann um dieser Hoffnung für die Welt willen (V.24-25). Die Kraft für diese Hoffnung aber gewinnt Paulus aus der Gewissheit, dass das Seufzen der Schöpfung bei Gott nicht belanglos ist, sondern Gehör findet, weil der Heilige Geist die Bitten der Verzagten vor Gott so zur Sprache bringt, dass sie erhört werden müssen (V.26-27).

Am Ende werden weder das Leiden noch der Tod das letzte Wort haben, sondern die Herrlichkeit der Liebe Gottes. Gottes Herrlichkeit als Ziel der gesamten Schöpfung wird nichts und niemand aufhalten können, weil Gott in seiner Treue am Ende alle Vergänglichkeit und alles Leiden überwinden wird (V.29-39).

Prof. Dr. Ralf Dziewas
Prorektor und Professor für Diakoniewissenschaft und Sozialtheologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Januar 2019

Gott spricht: Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. (Gen 9,13 [Luther])

An was denken Sie, wenn Sie einen Regenbogen sehen?

Ein Regenbogen, ein buntes Zeichen mitten am Himmel. Einmal zieht sich ein kompletter Bogen von einem Ort der Erde durch den Himmel zu einem anderen Ort. Ein anderes Mal scheint der Bogen selbst die Verbindung zwischen Himmel und Erde zu sein.

Ein Regenbogen kann ein Symbol für Vieles sein: Er kann für die Versöhnung zwischen Menschen stehen. Oder dafür, dass die Sonne wieder lacht nach anstrengenden Regentagen, also dass es nach Krisenzeiten auch wieder fröhliche Zeiten geben kann. Er kann dafür stehen, dass wir Menschen so verschieden sind, diverse Haltungen und Einstellungen haben. Er steht unter anderem auch für die „Regenbogennation“ Südafrika: eine Bevölkerung aus vielen verschiedenen Ursprüngen und doch eine Nation. Der Regenbogen, ein Symbol für eine gute Verbindung verschiedenster Menschen.

Nach Genesis 9 symbolisiert der Regenbogen die Verbindung Gottes mit den Menschen. Gott selbst hat ein buntes Zeichen gesetzt. Er spricht den Menschen zu, dass er es gut mit ihnen meint. Er will sie nicht vernichten. Er schafft ihnen Lebensraum. Gott verbindet sich noch einmal neu mit seiner Schöpfung: Mensch und Tier und Erde. Die Verschiedenheit der Menschen, die Vielfalt der Schöpfung spiegelt den Reichtum, der in Gott ist. Der Mensch, geschaffen nach Gottes Ebenbild – eine bunte Menschheit. Die farbenreiche Schöpfung – ein Abbild der Kreativität Gottes.

Auch im Lob Gottes in der Gemeinde spiegelt sich diese Vielfalt. Junge und alte Menschen, Frauen und Männer, Menschen verschiedener Herkunft, Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen und Meinungen, Wünschen, Träumen und Hoffnungen kommen zusammen, um gemeinsam Gott zu loben. Ein buntes Zeichen dafür, dass durch Christus versöhnte Verschiedenheit möglich ist. Es gibt eine realistische Hoffnung auf versöhnte Verschiedenheit. Eine heilsame Hoffnung für diese Welt. Ein buntes Zeichen Gottes.

An was denken Sie, wenn Sie einen Regenbogen sehen?

Prof. Dr. Andrea Klimt
Professorin für Praktische Theologie

Jahreslosung 2019

Suche Frieden und jage ihm nach. (Psalm 34,15)

Frieden ist nicht selbstverständlich. Wo Menschen in Frieden leben, da ist er stets bedroht. Die Ruhe des Friedens hat es schwer gegen den Lärm des Streites. Unfrieden oder gar Krieg können Menschen so unerträglich bedrohen, dass sie fliehen und alles zurücklassen müssen. Sie haben dann nur ein einziges Ziel: Das Leben in einem friedlichen Land unter Menschen, die ihnen mit Respekt und Gewaltfreiheit begegnen. Für die biblischen Texte ist Frieden dabei viel mehr als die menschliche Leistung zum guten Miteinander. Der Gedankengang des Psalmisten setzt mit einem viel grundsätzlicheren Aufruf ein (V. 12): „Kommt her, ihr Kinder, höret mir zu! Ich will euch die Furcht des Herrn lehren.“ Alles beginnt damit, Gott als Herrn anzuerkennen. Wie in den Zehn Geboten liegt das Fundament für die folgenden Anweisungen gleich am Anfang: „Ich bin der Herr, dein Gott.“ Alles Weitere folgt daraus.
Im Alten Testament steht der hebräische Begriff Schalom zunächst einmal für die Unversehrtheit von Menschen. Der Gegensatz zu allen Leib und Leben bedrohenden Gewalttaten tritt deutlich hervor. Zugleich geht es dabei um gute zwischenmenschliche Beziehungen. Der so verstandene Schalom ist nicht ein Werk von Menschen, sondern eine Gabe Gottes. Dies kommt im Psalmvers sehr schön zum Ausdruck. Denn hier steht nicht: „Schaffe Frieden und bewahre ihn“, sondern es geht darum, den Schalom als Geschenk Gottes zu suchen und ihm nachzujagen. Im Gegenzug können wir Menschen einander den Frieden Gottes wünschen, wie es etwa mit Schalom als Grußformel oder im Segen „Friede sei mit dir“ zum Ausdruck kommt. Der Schalom Gottes als Zeit und Raum von Heil und Frieden verweist auf die Zukunft, in der auch der Psalmist das vollständige Friedensreich Gottes erwartet, das die Menschheit mitsamt Tier- und Pflanzenwelt umfassen wird. Die Suche und die Jagd nach Gottes Frieden setzen sich im Neuen Testament fort. So schreibt der Apostel Paulus: „So lasst uns nun dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander“ (Röm 14,19). Auch für Paulus geht es dabei nicht nur um ein „seid nett zueinander“. Das wäre viel zu klein gedacht. Sondern die Suche nach Frieden ist letztlich die Suche nach Gott selbst. Der Herr selbst ist „der Gott der Liebe und des Friedens“ (2Kor 13,11). Jesus Christus kommt als Liebe und Frieden in diese Welt (Lk 2,14). In ihm hat Gott sich am Kreuz mit uns versöhnt. Indem Christen und Christinnen davon weitersagen, heißen sie Gottes Reich schon in dieser Welt willkommen. Sie laden andere in den Friedensraum Gottes ein und werden als Friedensstifter selbst Kinder Gottes genannt (Mt 5,9). „Suche Frieden und jage ihm nach,“ – das ist mehr als ein guter Vorsatz für das neue Jahr, sondern die Ausrichtung des ganzen Lebens von Gott her und auf Gott hin.

Prof. Dr. Carsten Claußen
Professor für Neues Testament

Dezember 2018

Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut (Matthäus 2,10)

Ich freue mich, wenn ich nachts über dem Lichternebel von Berlin überhaupt ein paar Sterne sehen kann. Aber nur selten habe ich die Gelegenheit, den Sternenhimmel in seiner ganzen Großartigkeit zu betrachten, an einem Ort ohne störendes künstliches Licht und bei klarem Wetter. Und selbst dann sehe ich eigentlich nur wenig, denn ich weiß die Gestirne und ihre Formationen nicht zu unterscheiden. Das war in den Zeiten, als die Texte der Bibel entstanden, noch anders. Selbst einfache Bauern und Fischer kannten sich am Sternenhimmel gut aus. Sie konnten an den Sternen ablesen, wann die rechte Zeit für die Aussaat kommt oder wie man ein Boot wieder ans Ufer steuert. Die Erfahrung lehrte, dass man sich als Landwirt oder Seefahrer auf die Sterne verlassen konnte. Daher war es im Altertum ganz selbstverständlich, dass die Gelehrten über den Einfluss der Gestirne auf das menschliche Leben spekulierten oder gar die Zukunft anhand von Sternbeobachtungen vorhersagen wollten.

Eine Ausnahme war in dieser Hinsicht das Volk Israel. Mose und die Propheten verurteilten die „Meister des Himmelslaufs und die Sterngucker“ ebenso wie allerlei anderen Aberglauben, der die Menschen unfrei machte durch grundlose Ängste oder trügerische Hoffnungen. Die Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen sei zwar nützlich zur Zeitmessung, heißt es in der Bibel, aber die Gestirne zu fürchten oder auf sie zu hoffen, sei Torheit und ein „Greuel vor dem Herrn“. Die kritische – und das heißt vor allem: die selbstkritische! – Unterscheidung zwischen dem Glauben an den einen wahren Gott und den vielfältigen Formen von Aberglauben, Götzendienst und falscher Religion gehört zu den zentralen Themen der Bibel und damit auch des Christentums.

Und dann tauchen auf den ersten Seiten des Neuen Testaments, am Beginn der Geschichte von Jesus, genau solche Leute auf, vor denen Mose und die Propheten immer gewarnt haben. Dass es drei heilige Könige gewesen seien, ist bekanntlich eine spätere Legende. Im Text ist die Rede von „Weisen“ oder wörtlich von „Magiern“ aus dem Orient, jedenfalls nicht von Heiligen, sondern von Heiden, die an die Macht der Sterne glauben. Die Frommen wussten, dass das Leute sind, von denen man sich fernhalten muss. Aber ohne zu wissen, was sie da redeten, sagten ausgerechnet diese Fremden etwas, das die Frommen aufhören ließ. Die Frommen wussten ja, dass das Kommen des Messias mit den Worten verheißen ist: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen“ (4.Mose 24,17). Und ohne zu wissen, was sie da eigentlich taten, taten die Fremden das Richtige, als sie dem Kind mehr Ehre erwiesen, als man einem Menschen je erweisen darf: Als sie es fanden, fielen sie vor ihm nieder und beteten es an.

Die irritierende Geschichte von Weisen aus dem Morgenland ist die erste von den vielen Geschichten im Neuen Testament, die davon handeln, wie Menschen, von denen die Frommen es nicht erwarten, den Weg zu Jesus finden. Wenn wir einen Stern sehen, können wir daran denken, dass solche Geschichten auch noch heute geschehen. Und uns mitfreuen.

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel
Professor für Kirchengeschichte

November 2018

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, be-reitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann (Offenbarung 21,2).

Die Welt, wie wir sie kennen, wird einmal untergehen – aber nur um Platz zu machen für etwas ganz Neues und Wunderschönes. Vom neuen Himmel und der neuen Erde können wir mit unseren Erfahrungswerten uns keine rechte Vorstellung machen. Darum sprechen auch die Weissagungen der Bibel nur in Bildern davon, und selbst die erweisen sich als letztlich unzureichend.

Der Seher Johannes empfängt als Vision, dass eine Stadt aus dem Himmel herabkommt. Es ist die heilige Stadt Jerusalem. Aber nicht jene Stadt in den judäischen Bergen zwischen Mittelmeer und Totem Meer, die heute im Zentrum weltpolitischer Konflikte steht, sondern ihr himmlisches Ge-genstück, das neue Jerusalem. Diese heilige Stadt hat Gott im Himmel vorbereitet, um sie zur ge-gebenen Zeit auf die neue Erde herabzusenden. Dann folgt ein zweites Bild, das zum ersten gar nicht zu passen scheint: Die himmlische Stadt, sagt Johannes, ist vorbereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Mit diesem zweiten Bild greift er auf, was im Alten wie im Neuen Testament vom Volk Gottes gesagt wird: Das Volk Gottes ist die Braut, mit der Gott bzw. Jesus Christus sich vermählen will.

So verstehen wir nun auch, wer oder was das neue Jerusalem ist, nämlich die Schar der vollende-ten Erlösten, mit der Gott eine ewige, unauflösliche Liebesgemeinschaft eingegangen ist. Diese Schar wird die neue Erde füllen, und dazu wird sie jetzt im Himmel vorbereitet. Zur himmlischen Gemeinde gehören alle, die ihren Weg auf Erden im Glauben vollendet haben. Aber auch wir, die wir noch leben, gehören schon dazu, wenn auch in anderer Form. „Wir sind Bürger im Himmel“, sagt der Apostel Paulus (Phil. 3,20), und das wird einmal offenbar werden, wenn die vollendete Gemeinde vom Himmel herabkommt. Indem wir hier auf Erden Glauben halten, Liebe üben und Hoffnung bewahren, erhalten wir unser Erbteil im neuen Jerusalem und der neuen Welt.

Prof. Dr. Uwe Swarat
Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Elstal

Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen. (Psalm 38,10 EUE)

Dieses Stoßgebet könnte auch von Hiob stammen. Psalm 38 nämlich, in den dieser Satz eingebettet ist, nennt sämtliche körperlichen und seelischen Leiden, die man sich vorstellen kann: Von eiternden Wunden ist die Rede (V. 6), von Schmerzen (V. 18), Trauer (V. 7), Taubheit und Verstummen (V. 14), ja der gesamte Leib sei krank (V. 4). Mit dem Schicksal Hiobs verbindet sich das Problem der Sünde, das in diesem Psalm ebenfalls angesprochen wird (V.4-5.19). Wie hängt beides zusammen, Krankheit und Sünde? Kann, soll, darf es da überhaupt einen Zusammenhang geben? Einige Bibelausleger sind der Meinung, die in diesem Gebet genannten Schmerzen seien nur symbolisch zu verstehen. Die Beterin leide nicht an einer Krankheit, sondern an ihrer Schuld. Folglich gehe es in dem Psalm nicht um Heilung im wörtlichen Sinn, sondern um Vergebung.

Dabei ging man im Alten Israel grundsätzlich davon aus, dass Krankheit ein Symptom von Sünde sei. Aus heutiger Sicht erscheint dies freilich zu einseitig. Aber das Thema Schuld ist eine (mögliche) Antwort auf die Frage, die sich jeder Kranke – auch im 21. Jahrhundert – unweigerlich stellt: „Warum? Warum ich? Wer hat Schuld? Ich selbst oder jemand anderes?“ Um genau diese Fragen geht es in Psalm 38 (wie im Hiobbuch).

Die gut gemeinte Haltung – die Frage nach der Schuld auszuklammern – kann fatale Folgen haben: Wer krank und elend ist, bleibt mit existentiellen Fragen allein. Angehörige und Freunde schweigen sich aus, haben Angst, fühlen sich „überfordert“, wollen sich selber „schützen“. Genau der Effekt, über den der Beter in Ps 38 klagt (V. 12). Wenn niemand bereit ist, sich auf die Geschichte eines betroffenen Menschen einzulassen, bleibt für ihn oft nur eine Schlussfolgerung: „Ich bin schuld“ (V 4). Und wenn er sich irrt?

Warum wird man krank? Auf diese Frage gibt es meist keine eindeutige Antwort, aber ein hilfreiches Mittel: Zuhören. Darum setzt die Beterin ihre ganze Hoffnung auf Gott, der das Verborgene sieht (siehe Matthäus 6,6). „Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen“ (V. 10). Gott möge einstehen, beistehen und erretten (V. 23). An Leib, Seele und Geist. Gut, wenn Kranke in ihrer äußeren und inneren Not nicht allein bleiben, sondern gemeinsam mit anderen Menschen ihre Sehnsucht vor Gott zum Ausdruck bringen.

Prof. Dr. Dirk Sager
Professor für Altes Testament